Osnabrück  Chef des Kulturrates Olaf Zimmermann: Ja, es gibt Antisemitismus im Kulturbereich

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 02.11.2023 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Foto: imago images/Jürgen Heinrich
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Foto: imago images/Jürgen Heinrich
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Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 blieb es im deutschen Kulturbetrieb auffällig still. Solidarität mit Israel, Empathie für die rund 1400 Todesopfer der Massaker? Fehlanzeige. Was ist da los?

„Der Kulturbereich schweigt zum Antisemitismus extrem laut. Er verhält sich anders, als wir es erwarten würden“, kommentiert Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, die weitgehend ausbleibenden Reaktionen der Kulturwelt gerade im Hinblick auf den Überfall der Hamas und die antisemitischen Übergriffe, die in Deutschland darauffolgten. Der Deutsche Kulturrat ist Spitzenverband der deutschen Kulturverbände mit Sitz in Berlin.

Zimmermann sieht vor allem einen deutlichen Kontrast zu den Solidaritätsbekundungen für die Ukraine nach dem Überfall Russlands 2022. „Kulturleute waren früher deutlicher zu hören, etwa beim Überfall Russlands auf die Ukraine. Das ist der Maßstab, an dem er sich jetzt messen lassen muss“, sagte Zimmermann im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Dabei verfügten Kulturmacher über einen privilegierten Status. Sie würden in der Öffentlichkeit gehört. Jetzt stellt Zimmermann jedoch fest: „Ja, es gibt Antisemitismus im Kulturbereich. Um diese Feststellung kommen wir nicht herum“.

Nach den Worten des Geschäftsführers des Deutschen Kulturrates verstärkt der Kulturbereich gerade den ohnehin in der Gesellschaft vorhandenen Antisemitismus anstatt ihm entgegenzuwirken. „Der Kolonialismus ist ein zentrales Thema in der Kultur. Israel wird dabei zu einem Paradebeispiel für Kolonialismus heute gebrandmarkt. Das funktioniert deshalb so gut, weil wir ein antisemitisches Grundrauschen in der Gesellschaft haben“, sagt Olaf Zimmermann.

Die Haltung vieler Kulturmacher zu Israel steht für Zimmermann im Konflikt mit der besonderen Verantwortung Deutschlands für das Existenzrecht Israels nach dem Holocaust. „Die postkoloniale Bewegung operiert mit Relativierungen. Wir gehen aber von der Einmaligkeit der Shoa aus. Es geht nicht an, die Shoa als angeblichen Teil der kolonialen Geschichte zu relativieren“, so Zimmermann. Er fordert eine klare Haltung des Kulturbetriebs: „Der Kulturbereich muss gegenüber Israel zu einer unmissverständlichen Sprache finden und sich gegen Antisemitismus positionieren“.

Tobias Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, sieht die Lage weniger dramatisch. „Es gibt schon kraftvolle Stimmen für Israel“, sagte Knoblich im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung und verwies auf entsprechende Reden und Statements von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Die Grünen). Knoblich sieht auch den Grundkonsens in der Gesellschaft im Hinblick auf das Existenzrecht Israels nicht als gefährdet an.

Allerdings sei auch der Kulturbetrieb nicht frei von Ressentiments. Knoblich verwies auf die Konzertauftritte des Rockmusikers Roger Waters. Der Musiker steht immer wieder in der Kritik, weil er bei seinen Auftritten Symbole zeigt, die antisemitisch verstanden werden können. Knoblich kritisierte die „einfachen Weltbilder“, die Künstler wie Waters anbieten.

Der Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft sieht den Kulturbetrieb im Hinblick auf Antisemitismus nicht in einer Sonderrolle. „Der Kulturbetrieb repräsentiert den Zustand unserer Gesellschaft“, sagte der als Kulturdezernent in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt amtierende Knoblich. Er plädierte dafür, sensible für die Sicherheitsinteressen jüdischer Menschen in Deutschland zu sein.

Knoblich forderte dazu auf, über Aktionen im Kulturbereich gerade jetzt auch jenen Grad an Normalität herzustellen, den Juden brauchten, um sich sicher zu fühlen. „Reflexhafte Appelle sind nicht immer die große Hilfe. Wir brauchen auch die Normalität“, so Knoblich abschließend.

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