Osnabrück  Meron Mendel: Antisemitismus weiter Teil der deutschen Realität

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 04.11.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt Foto: picture-alliance/dpa
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt Foto: picture-alliance/dpa
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Die deutsch-israelische Versöhnung hat nur eine dünne Schicht der Bevölkerung erreicht. Das sagt Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank und Professor an der University of Applied Sciences in Frankfurt. Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 seien empathische Reaktionen aus der deutschen Gesellschaft weitgehend ausgeblieben.

Meron Mendel ist als Ratgeber gesucht, wenn es um Fragen von Antisemitismus und Diskriminierung geht. Nach dem Überfall der Hamas vermisst er eine empathische Reaktion in der deutschen Gesellschaft. Kritisch sieht er auch die Möglichkeiten der Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Dabei hat er vor allem die digital sozialisierte Generation Z im Auge.

Meron Mendel leitet das Bildungszentrum Anne Frank in Frankfurt am Main. Er arbeitet dort auch als Professor für transnationale Soziale Arbeit an der University of Applied Sciences. Mendel war Sachverständiger in der Frage antisemitischer Bilder auf der Documenta fifteen 2022. Er nimmt immer wieder zu Fragen des Antisemitismus und der Diskriminierung in den Medien Stellung.

Frage: Der traurige 7. Oktober 2023 teilt die Welt in ein Davor und ein Danach. Was macht dieses Datum für Sie zu einer Zäsur?

Antwort: Ganz persönlich gesagt: Ich habe an dem Tag gute Freunde verloren, mit denen ich im Kibbuz aufgewachsen bin. Menschen, die ich viele Jahre gekannt und geliebt habe, sind auf brutalste Weise umgebracht worden. 

Frage: Mein herzliches Beileid …

Antwort: Danke. Die Zäsur geht natürlich auch für die israelische und palästinensische Gesellschaft sehr tief. Sie betrifft den Konflikt der beiden Gruppen. Wir dachten, dass eigentlich schon alle Konfliktstufen erreicht seien, aber nun hat sich eine Eskalation ereignet, die auch ich mir nicht vorstellen konnte. Für mich geht es auch um die existenzielle Frage, wie es möglich ist, dass Menschen anderen Menschen solche Grausamkeiten antun können. Das Ausmaß brutaler Gewalt, die am 7. Oktober in den Kibbuzim, aber auch bei dem Musikfestival nahe der Grenze zu Gaza geschehen ist, markiert eine neue, unvorstellbare Stufe der Barbarei. 

Frage: Vergleichen Sie die Barbarei des 7. Oktober mit dem Holocaust, im Hinblick auf diese akribisch geplante Grausamkeit?

Antwort: Der Holocaust und der 7. Oktober lassen kaum Vergleiche auf der faktischen Ebene zu. Dennoch und auf der subjektiven Ebene des Erlebnisses von Juden sind natürlich Traumata wieder aufgerufen worden. Der Vater meines besten Freundes hat seine Tochter am 7. Oktober verloren. Er sagte mir, seine Mutter habe einst mit ansehen müssen, wie im Pogrom ihre Eltern ermordeten. Sein Enkel habe das Gleiche jetzt mit ansehen müssen. Das Gefühl, bestialischer Mordlust und Folter ausgeliefert zu sein, vertiefen eine Wunde, die noch nicht verheilt war. 

Frage: Es gab für Juden immer die Vorstellung, dass Israel ein sicherer Hafen ist. Viele Juden aus Europa emigrieren ja in diesen Jahren mit dieser Erwartung nach Israel. Müssen sie diese Vorstellung jetzt verabschieden?

Antwort: Israel war nie ein ganz sicherer Hafen. Es gab schließlich blutige Kriege und der Staat ist von Nachbarn umgeben, die ihn am liebsten zerstören möchten. Schon bei der Gründung des Staates Israel hat ein Prozent der Bevölkerung im Unabhängigkeitskrieg sein Leben verloren. Die Israelis hatten aber immer die Vorstellung, dass die Armee sie schützt. Es gab im Gegensatz zur Situation vor der Staatsgründung nie das Gefühl, ausgeliefert zu sein, weil die Menschen das Gefühl hatten, sich selbst schützen zu können. . Der 7. Oktober markiert einen Riss, eine tiefe Verunsicherung. Die Zivilbevölkerung war dem Angriff der Hamas mehr als 24 Stunden lang komplett ausgeliefert. 

Frage: Auf der Frankfurter Buchmesse haben Sie gefordert, die Furchtbarkeit der Verbrechen der Hamas nicht einfach zu kontextualisieren, sondern innezuhalten und sie wahrzunehmen. Hat es das für Sie gegeben?

Antwort: Viele Menschen haben mit spürbarer Betroffenheit reagiert, auch Politiker und Kulturleute. Dennoch ist eine empathische Reaktion in der Gesamtgesellschaft ausgeblieben. Ich habe ein hohes Maß an Gleichgültigkeit wahrgenommen. Ich war bereits beim Angriff auf die Twin Tower in New York am 11. September 2001 in Deutschland, ebenso wie während der islamistischen Attentate, die sich 2015 in Paris ereignet haben. Ich weiß, wie eine gesamtgesellschaftliche Trauer aussehen kann, wie die uneingeschränkte Empathie aussehen kann. Am 7. Oktober 2023 hat es das nicht gegeben. Es gab keine Schweigeminute in Schulen, wie in 2001 und 2015. Stattdessen sahen wir Demonstrationen, bei denen Sympathie für die Hamas artikuliert wurde. Die waren deutlich größer als die Solidaritätsbekundungen mit Israel. 

Frage: Was sagt Ihnen das?

Antwort: Es zeigt, dass die deutsch-israelische Versöhnung offenbar nur eine dünne Schicht der Bevölkerung erreicht hat. Ein Großteil der Menschen in Deutschland bleibt gleichgültig oder pflegt weiter Ressentiments gegen Juden und Israelis. 

Frage: 2022 gab es Solidaritätsbekundungen mit der von Russland überfallenen Ukraine. Das galt gerade für den Kulturbetrieb. Nach dem 7. Oktober herrscht im Kulturbetrieb Stille. Wie sehen Sie das?

Antwort: Es gab auch Ausnahmen. Die wurden allerdings von Aktivisten, die sich für Palästina einsetzen, umgehend regelrecht bestraft. Denken Sie an das Statement des Berliner Gorki-Theaters. Das Haus hat schnell und mutig seine Solidarität mit Israel bekundet. Es gab sofort einen Shitstorm. 

Frage: Genau, es gab Hunderte von Reaktionen auf Instagram…

Antwort: Sogar Kulturhäuser, die sich nicht solidarisieren, werden angegriffen, weil sie nicht die palästinensische Seite oder gleich die Hamas unterstützen. Es gibt das Hashtag #boycottsilence, mit dem jene sanktioniert werden, die sich nicht eindeutig auf die Seite der Palästinenser stellen. Diese Art des Aktivismus schafft ein Klima der Angst, nicht nur im Kulturbereich. Die Leiterinnen und Leiter von Kulturhäusern, die Intendantinnen und Intendanten von Theatern beneide ich nicht um ihre Aufgabe, damit umgehen zu müssen. Es scheint, dass ein großer Teil der Kulturszene abgedriftet ist. Es entlarvt Teile der Szene, zeigt ihren moralischen Bankrott. Ich beobachte ein Unvermögen, die Grausamkeiten des 7. Oktobers klar zu benennen, eine brutale und fundamentalistische Terrororganisation klar zu verurteilen. 

Frage: Sie haben sich 2022 medial zu den antisemitischen Bildmotiven geäußert, die auf der Documenta in Kassel zu sehen waren. Zeigt sich jetzt, dass dieser Fall keine Ausnahme war, sondern eher der Verweis auf ein weit verbreitetes Muster?

Antwort: Ein Teil des internationalen Kunst- und Kulturbetriebes spricht Israel die Legitimität ab. Das Land wird als kolonialer Fremdkörper im Nahen Osten gesehen. Diese Sicht ist weit verbreitet. In Kassel war diese Ideologie bei der Community der künstlerischen Leiter ebenfalls zu spüren. In Gesprächen habe ich versucht, für das Thema Antisemitismus zu sensibilisieren. Jetzt haben aber zwei Mitglieder des Ruangrupa-Teams Posts der Hamas zum 7. Oktober gelikt. Das ist ein herber Schlag für jeden, der darauf gehofft hat, dass mit Dialog eine Sensibilisierung zum Thema Antisemitismus möglich ist. 

Frage: Wobei damit eine Kritik an der Politik Israels nicht ausgeschlossen ist, nicht?

Antwort: Es geht nicht darum, dass sich alle Künstler auf die Seite Israels schlagen oder die Politik dieses Staates nicht kritisieren dürfen. Egal wie man politisch zum Konflikt steht, die Auffassung , dass eine dschihadistische Terrorgruppe eine progressive Befreiungsbewegung sei, ist völlig absurd. Gerade diese Art der Hamas-Unterstützung oder ihre Verharmlosung zeigt, dass Teile der internationalen und der deutschen Linken ihren moralischen Kompass verloren haben.

Frage: Ist der Kulturbetrieb in Deutschland zu Teilen antisemitisch?

Antwort: Diese Frage kann natürlich an jede Gruppe der Gesellschaft gerichtet werden. Sicher, der Kulturbereich ist in Teilen antisemitisch. Das gilt aber auch für den Bildungsbereich, die Wissenschaft oder die Politik. Antisemitismus ist leider noch Teil der Realität, in allen Lebensbereichen – Tendenz steigend. Die Ausprägungen sind ebenso unterschiedlich wie die Muster, in denen sich das äußert. Das Hauptproblem im Kulturbetrieb liegt bei denen, die sich als links verstehen und von der postkolonialen Theorie beeinflusst sind. Bei der Documenta war ich erstaunt, zu sehen, wie klar die Haltung zum Nahen Osten ist bei gleichzeitig sehr dünnem Wissen über diese Region.

Frage: Wie zeigt sich das konkret?

Antwort: Etwa daran, dass in Mustern von Schwarz und Weiß gedacht wird. Die Weißen sind dann die Juden, die Kolonisatoren, denen die Rolle der Täter zugewiesen wird. Dabei wird vergessen, dass mehr als die Hälfte der Juden in Israel aus arabischen Ländern stammen. Die Palästinenser gelten als Indigene, als Nichtweiße, denen umgehend die Rolle des Opfers zugewiesen wird. Historische Fakten spielen dann keine Rolle mehr. In diese Schemata wird dann die deutsche Erinnerungskultur als Störfaktor eingepasst. In den letzten Tagen riefen hunderte von Studenten vor dem Auswärtigen Amt in Berlin „Free palestine from german guilt“. Das ist makaber. Es waren bislang immer die Rechten, ja die Rechtsextremisten, die in Deutschland forderten, einen Schlussstrich unter die Erinnerung an den Holocaust zu ziehen. Jetzt kommt es von der linken Seite. 

Frage: In der Folge des 7. Oktober haben antisemitische Übergriffe in Deutschland zugenommen. Politiker haben immer wieder betont, dass jüdisches Leben zu Deutschland gehört. Trifft das noch die Realität?

Antwort: Ich erlebe da einige Enttäuschungen. Es gibt eine starke Zunahme antisemitischer Gewaltakte. Es geht nicht nur darum, dass Demonstranten auf die Straße gehen, um zu bejubeln, dass Juden ermordet wurden. Oder dass auf Haustüren Davidsterne gemalt werden. Ich habe auch meine persönlichen Erlebnisse. Als ich dieser Tage mein Kind aus der Kita abholte, versperrten mir auf dem Frankfurter Uni-Campus Studenten den Weg und schrien: Free Palestine. Eine andere Enttäuschung ist aber, wie wenig die Menschen in Deutschland überhaupt reagieren. In der breiten Bevölkerung gibt es kein Problembewusstsein oder spürbare Solidarität mit Juden.

Frage: Deutschland hält sich viel zugute auf Erinnerungs- und Bildungsarbeit. Sie selbst stehen einer entsprechenden Bildungseinrichtung vor. Haben all die Bemühungen um Bildung und Aufklärung im Hinblick auf das NS-Regime und den Holocaust dann überhaupt Früchte getragen?

Antwort: Es gibt sicher ein Problem mit der Generation Z, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist. Diese Generation lebt zunehmend in den Echokammern der sozialen Netzwerke. Bildungsangebote, mit denen wir noch vor 20 Jahren viele Jugendliche erreicht haben, helfen jetzt kaum noch. Diese Erkenntnis ist sicher nicht neu. Wir erleben aber immer wieder, wie schwierig es ist, historische und politische Differenzierung zu vermitteln. Auch in den allgemeinen Medien fehlen entsprechende Informationen. In den digitalen Medien wimmelt es in dieser Hinsicht von Falschinformationen. Das ist nicht nur ein Problem im Hinblick auf den Konflikt im Nahem Osten. Falsche Informationen aus dem Netz haben auch während der Corona-Pandemie eine Rolle gespielt. Gerade der Konflikt im Nahen Osten bietet noch einmal besondere Projektionsflächen an und ist in bestimmten Gruppen identitätsstiftend.

Frage: Wie kann dann eine Bildungsarbeit in den nächsten Jahren aussehen?

Antwort: Wir haben darüber schon während der letzten Eskalationsstufen des Konflikts zwischen Israel und Gaza nachgedacht. Seinerzeit haben wir schon gesehen, wie Konflikte dort sich auf die Gesellschaft hier auswirken. Es gab auch damals bereits die Verbreitung von Falschinformationen und eine Zunahme antisemitischer Übergriffe. Es geht darum, den Konflikt im Nahen Osten differenziert zu vermitteln. Lange Zeitungsartikel oder Bücher helfen da nur bedingt weiter. Wir müssen diese Themen in den sozialen Medien so aufbereiten, dass junge Leute diese Inhalte wirklich konsumieren, wenn ich das so sagen darf. 

Frage: Haben Sie selbst konkrete Projekte?

Antwort: Es sind Influencer und nicht Pädagogen, die das Bewusstsein der jungen Generation bestimmen. Aus der Sicht der Bildungsarbeit ist das eine Katastrophe. Es ist unglaublich schwer, gegen einseitige Bilder zu kämpfen. Wir brauchen Gegenangebote, die ebenfalls hunderttausende Follower haben. Deshalb kooperieren wir beispielsweise mit Funk, dem jungen Content-Netzwerk des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Seine Formate laufen auf YouTube und in den sozialen Medien. Im Dezember wollten wir dafür eine Dokumentation in Israel drehen. Der Krieg kam uns dazwischen. Hoffentlich können wir 2024 das Projekt doch umsetzen, denn es wichtiger denn je.

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