Hamburg Ausnahmezustand am Hamburger Flughafen: So fordernd war die Geiselnahme für die Einsatzkräfte
Polizeisprecherin Sandra Levgrün sieht müde aus, als sie vor die Pressevertreter tritt und die gute Nachricht verkündet: „Das Kind ist sicher.“ Mehr als 18 Stunden hielt ein Mann seine vierjährige Tochter auf dem Hamburger Flughafen als Geisel. Ein zermürbender Einsatz.
Ein kräftiger Ruck, dann ist die schusssichere Weste gelöst. Einer der schwer bewaffneten Polizisten, die über Stunden am Hamburger Flughafen im Einsatz waren, befreit sich von seiner Ausrüstung. Der Einsatz ist vorbei und er ist glimpflich ausgegangen.
Die Erleichterung ist spürbar, bei den Rettungskräften und bei den Polizisten. Dass dieser Einsatz auch anders hätte ausgehen können, wird deutlich, als die schwer bewaffneten Beamten ihre Maschinenpistolen ablegen. Es ist vorbei, am Sonntagnachmittag um 14.30 Uhr.
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Nach 18 Stunden des Wartens – nach einer Nacht und einem halben Tag voller Hoffen und Bangen – hat der Geiselnehmer schließlich mit seiner Tochter auf dem Arm das Auto, mit dem er am Samstagabend auf das Vorfeld des Flughafens vorgedrungen war, verlassen. Er hat aufgegeben. Endlich.
Vier Stunden zuvor ist die Situation noch eine ganz andere. Sandra Levgrün sitzt auf dem Beifahrersitz eines schwarzen Autos, das in der Nähe des Flughafengeländes parkt. Während draußen die anwesenden Journalisten auf Neuigkeiten warten, drückt sich die Pressesprecherin der Hamburger Polizei angestrengt ihr Mobiltelefon ans Ohr, ab und zu schüttelt sie mit dem Kopf. Sie sieht müde aus, wie viele andere der Einsatzkräfte auch, die seit vielen Stunden im Dienst sind.
Als Levgrün dann um 10.30 Uhr die Autotür für ein offizielles Statement der Polizei öffnet, kann sie noch nicht die Nachricht verkünden, auf die am Sonntagmorgen alle warten. „Aktuell ist die Lage unverändert. Der Täter ist nach wie vor in seinem Auto“, sagt Levgrün. Man müsse davon ausgehen, dass er eine scharfe Schusswaffe und möglicherweise auch Sprengsätze dabei habe. Währenddessen gehen die Gespräche weiter, die Situation bleibt angespannt.
So wie sie es seit Samstagabend durchgehend war, als der 35-Jährige mit seiner vierjährigen Tochter als Geisel zum Flughafen fuhr. Gegen 20 Uhr durchbrach er mit seinem Auto eine Absperrung und gelangte auf das Vorfeld des Hamburger Airports. Auf dem Gelände schoss er dann zweimal in die Luft und warf außerdem zwei brennende Flaschen aus dem Fahrzeug.
Dann stoppte der Mann unmittelbar neben einem Flugzeug von Turkish Airlines, in dem sich zu diesem Zeitpunkt noch Passagiere aufhielten. Der Flughafen wurden daraufhin evakuiert, das Gelände weiträumig abgesperrt und der Flugbetrieb eingestellt. Nichts ging mehr, allein am Sonntagvormittag wurden 126 Flüge gestrichen.
Relativ schnell war die Polizei mit dem Mann in Kontakt – er wollte mit dem Kind in die Türkei ausreisen. Die Verhandlungen begannen, und sie zogen sich über Stunden. Erst am Abend und in der Nacht, dann am nächsten Tag. Es sind bange Stunden des Wartens, ein Martyrium für die Mutter des Kindes.
„Es ist eine Ausnahmesituation, das kann sich jeder vorstellen. Zwei Kolleginnen kümmern sich abwechselnd um die Mutter,“ berichtet Malte Stüben, Leiter des Kriseninterventionsteams des DRK. Nach Angaben der Polizei hat der Mann mit seiner Ex-Frau und der Mutter des Kindes Sorgerechtsstreitigkeiten. „Er sagt, dass sein Leben deswegen ein Scherbenhaufen ist“, berichtet Polizeisprecherin Levgrün.
Derweil sichern Mannschaftswagen der Bundes- und Landespolizei die Straßen rund um die Terminals. Eine Drohne kreist über dem Flughafengelände. „Wir gehen davon aus, dass es dem Kind körperlich gut geht. Das sagt uns der Blickkontakt, den wir im Moment haben, und die Telefonate mit dem Täter, da ist das Kind im Hintergrund zu hören“, sagt Levgrün.
Gegen 14 Uhr entsteht dann plötzlich Bewegung unter den Einsatzkräften. Malte Stüben setzt sich gemeinsam mit einer Kollegen in das Auto des DRK-Kriseninterventionsteams. Sie fahren an den Polizeiabsperrungen vorbei auf das Vorfeld.
Alle Blicke gehen in die Richtung von Sandra Levgrün. Hat der Täter aufgegeben? Ist das Kind in Sicherheit? Levgrün lächelt. „Das Kind ist sicher“, sagt die Polizeisprecherin sichtlich erleichtert: „Die Geiselnahme ist beendet. Der Mann hat gemeinsam mit seinem Kind das Fahrzeug verlassen und in dem Moment ist der Zugriff geglückt.“ Das Kind sei unverletzt und in Obhut der Polizei. „Wir sind glücklich, dass die Verhandlungstaktik aufgegangen ist.“
Die Erleichterung rund um die Terminals ist spürbar, nicht nur bei den Einsatzkräften, die ihre Maschinenpistolen endlich wieder ablegen können – nach 18 Stunden voller Bangen und Hoffen.