Hamburg  Publizistin Mirna Funk: „Wir brauchen Israel, sonst sind wir alle tot“

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 07.11.2023 05:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Publizistin Mirna Funk. Foto: Anna Rose
Publizistin Mirna Funk. Foto: Anna Rose
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Es war das brutalste Pogrom seit dem Ende des Holocaust: Der 7. Oktober 2023 bedeutet für Juden in der ganzen Welt einen Epochenbruch. Seither häufen sich antisemitische Ausschreitungen weltweit. Wir sprachen mit der Publizistin Mirna Funk über die perfide Propaganda der Hamas und darüber, wie sie auch in Deutschland verfängt.

Seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober ist auch in Deutschland nichts mehr, wie es war: Antisemitische und antiisraelische Ausschreitungen sind an der Tagesordnung, auf den Straßen und im Netz. Die jüdische Publizistin Mirna Funk spricht im Interview über die perfide Strategie der Hamas, deutsche Annikas und Maximilians ohne Ahnung vom Nahost-Konflikt und darüber, worauf es jetzt in Israel ankommt.

Frage: Frau Funk, wie haben Sie den 7. Oktober erlebt und wie geht es Ihnen seither?

Antwort: Den 7. Oktober habe ich hier in Berlin erlebt, seitdem sind jetzt fast vier Wochen vergangen und ich würde sagen: Die erste Woche stand ich unter Schock. Man hat aber kaum Zeit gehabt, irgendwie innezuhalten, weil ja relativ schnell dieser ganze Sturm losging, im Internet und auch auf den Straßen. 

Frage: In Neukölln wurden Süßigkeiten verteilt und es gab seither viele pro-palästinensische Demonstrationen.

Antwort: Ja, und ich glaube, das Schlimmste war und ist immer noch für uns alle, dass wir eigentlich überhaupt gar keinen Raum hatten, um zu trauern und mit der Situation umzugehen, die dort in Israel herrscht. Was die wenigsten Leute verstehen, ist ja, dass jeder von uns jemanden kennt, der jemanden kennt, der ermordet, verletzt oder gekidnappt wurde. Das ist ganz schwer nachzuvollziehen und man muss es sich auch selbst immer wieder sagen. Ich habe Freunde, die in der Armee sind und die jetzt nach Gaza müssen, das macht es alles nicht einfacher.

Frage: Sie sind derzeit noch mehr als sonst auf Instagram aktiv, informieren und versuchen, dem Hass und der Propaganda Informationen gegenüberzustellen. Sehen Sie das im Moment als Ihre Aufgabe?

Antwort: Ich habe das Gefühl, ich muss das jetzt machen. Ich muss das deshalb machen, weil es wichtig ist zu verstehen, dass in dieser Welt zwei Milliarden Muslime leben und nur 15 Millionen Juden. Diese zwei Milliarden Muslime sind nicht alle islamistisch radikal. Man geht von ungefähr zehn bis 15 Prozent aus. Aber dann haben wir eben immer noch 200 Millionen gegen 15 Millionen Juden. Und dazu kommt die gesamte radikal linke, antiimperialistische, marxistische Balla-Balla-Gemeinde. Anders kann ich das gar nicht nennen. Die haben sich irgendwie gefunden, denn wenn es um die Vernichtung von Juden geht oder den Hass auf Juden, dann ist das der gemeinsame Nenner. Und dann haben wir es noch mit so Trittbrettfahrern zu tun, die eigentlich ganz normale Leute sind. 

Frage: Sie meinen die „Annikas in ihren Yogapants“, von denen Sie im Podcast mit „Bild“-Journalist Paul Ronzheimer gesprochen haben. Wer sind die und was machen die?

Antwort: Es gibt diese Annikas und Maximilians, die relativ wenig vom Nahostkonflikt wissen, eigentlich so gut wie gar nichts. Die wären nicht mal in der Lage, auf der Karte zu zeigen, was die Westbank und was Gaza ist. Was sind die Unterschiede, auch historisch. Das sind ganz normale Frauen und Männer, die sich normalerweise auch gar nicht politisch engagieren. Man begegnet ihnen überall, das kann die Arzthelferin sein oder auch die Managerin aus der Personalabteilung. Die sind eher mit Friedenspfeife und weißer Taube unterwegs und möchten nicht, dass was Schlimmes passiert – schaffen es aber nicht, die Komplexität der aktuellen Situation wirklich zu begreifen.

Antwort: Und gleichzeitig speisen sie das mit einem sehr alten Antisemitismus, der vielleicht einfach immer nur geschlummert hat. Diese ganz klassischen antisemitischen Ressentiments: „Also die Juden, ich weiß ja nicht, die können gut mit Geld und haben auch alle hohe Positionen …“, sowas. Und jetzt können diese Ressentiments ganz offen ausgelebt werden, weil es so unglaublich ungerecht und ungleich wirkt, was in Gaza passiert. Und dazu kommt diese wahnsinnige Propagandamaschine, auch auf Social Media, auf TikTok und auf Instagram.

Frage: Es gibt dort Tausende Bilder und Videos von der Zivilbevölkerung, die in Gaza ja real leidet, aber auch extrem viel Desinformation, Antisemitismus und Israelhass. Aber die Bilder der Zivilbevölkerung, von verletzten Frauen und Kindern, die berühren natürlich jeden, der sie sieht. 

Antwort: Ja, und das ist von der Hamas auch genauso geplant. Das ist ja das Perfide: Die Hamas verdient Geld mit jedem Kind, das stirbt. Das ist deren Einkommensquelle. Und das ist das Tragische an dieser gesamten Situation, dass das funktioniert. Ich verstehe das auch: Man sieht ein totes oder verletztes Kind und will einfach nur, dass das aufhört. Dazu kommt diese jahrzehntelang gelernte Logik: „Die Palästinenser werden unterdrückt“. Und dann denkt man eben: Ja, wenn die die ganze Zeit unterdrückt werden, dann schlagen die eben mal zurück. 

Frage: Woher kommt diese Unwissenheit über die Verhältnisse im Nahen Osten?

Antwort: Die Hamas war sehr schlau darin, in den letzten 30 Jahren ihre terroristische Organisation auf der Behauptung aufzubauen, es ginge ihnen um die Befreiung Palästinas. Das haben sie wahnsinnig genial angestellt. Ich weiß gar nicht, ob ihnen das von Anfang an so bewusst war. Und als sie dann gemerkt haben, dass sie mit ihrem Narrativ Anschluss finden in akademischen Räumen, haben sie das weiter ausgebaut. Also das muss man ihnen einfach so lassen: Die Propaganda hat wahnsinnig gut funktioniert.

Frage: Was hat diese Propaganda bewirkt?

Antwort: Es hat zur absoluten Umkehrung aller Werte geführt. Keiner begreift, dass die Palästinenser in Gaza sterben wegen der Hamas. Keiner begreift das. Genial eingefädelt. Und alle zwei, drei Jahre findet dort ein Krieg statt. Dann gibt es unglaublich viel Hilfsgelder. Ganz viele Leute spenden, spenden, spenden und die drei großen Hamasführer, die in Katar sitzen und Champagner trinken, bei denen ballert das Geld dann aufs Schweizer Nummernkonto.

Frage: Dass die Hamas keine soziale Bewegung ist, sondern eine Terrororganisation, wird manchen ja erst jetzt langsam bewusst.

Antwort: Die Leute müssen erstmal verstehen, dass wir es hier mit einer kriminellen Organisation zu tun haben mit fast schon mafiösen Strukturen. Ihre Handelsware sind tote Kinder, tote Frauen, eben tote Palästinenser. Gleichzeitig haben sie es ja auch den Palästinensern so erklärt, es handele sich um einen Märtyrertod. Jeder stirbt also einen guten Tod und der beste Märtyrertod ist es, im Kampf gegen die Juden zu sterben.

Frage: Wie kann man dieser Propaganda und damit auch dem Antisemitismus hier jetzt begegnen?

Antwort: Das Allerwichtigste ist, immer wieder ganz klar zu sagen: Hier hat ein absolut unmenschlicher Zivilisationsbruch stattgefunden. Es gibt Tausende Menschen, die daran gestorben sind, die noch im Krankenhaus liegen, die entführt wurden, die überlebt haben, aber mitansehen mussten, was ihren Angehörigen angetan wurde. Man muss begreifen, dass in Israel Unmenschliches an Tausenden von Menschen stattgefunden hat, von einer radikalislamischen Gruppierung, die genau das überall machen würde. Die haben ja nicht nur Juden abgeschlachtet, die haben auch ihre eigenen Leute abgeschlachtet. Auch, wenn es der Hamas primär darum geht, alles Jüdische auszulöschen.

Frage: Sie meinen, es geht nicht nur um Israel.

Antwort: Die Leute müssen aufhören zu glauben, es habe irgendetwas mit Israel und Palästina zu tun, nur weil es an diesem Ort stattfindet. Hier geht es um Juden, die dran glauben müssen. Deswegen heißt es ja auch „Globalize the Intifada“ und „From Berlin to Gaza, Yallah intifada“. Es geht um Juden, es geht nicht um Israelis. Und Juden sind gefährdet durch radikale islamistische Strömungen und Islamisierung auf der ganzen Welt. Aber die Juden sind nur die Ersten. Und danach kommen alle anderen auch. Und damit will ich überhaupt keinen antimuslimischen Rassismus schüren. Es geht mir auch nicht um antimuslimische Narrative. Aber wir müssen uns mit Islamismus auseinandersetzen, mit Islamismus im Nahen Osten, mit Islamismus in unserem eigenen Land, in Europa und in der ganzen Welt. Islamismus ist tödlich und er ist gefährlich. 

Frage: Sie sind gerade auf dem Weg nach Tel Aviv. Ist Israel noch das Backup, der sichere Hafen, der es für Juden in aller Welt bis zum 7. Oktober war, oder ist dieses Bild erschüttert?

Antwort: Es ist erschüttert. Es ist auch für Juden in Israel erschüttert. Und ich fliege hin, um meinen Teil zu leisten, dass dieses Bild in sechs Monaten nicht mehr erschüttert ist. Wir brauchen Israel, sonst sind wir alle tot. Also das ist völlig klar. Wenn wir das Land nicht gesichert bekommen, dann haben wir in der Diaspora ein richtiges Problem. Wir Juden und auch alle anderen, die das Gefühl haben, das Leben auf dieser Welt schützenswert ist – und zwar jüdisches, aber auch palästinensisches –, müssen jetzt gemeinsam solidarisch an der Seite Israels stehen, damit die Hamas zerstört werden kann. 

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