Frankfurt  Zum Streit des Bayern-Trainers mit den Experten: Wer Tuchel holt, bekommt Tuchel

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 09.11.2023 12:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Werden wohl keine Freunde mehr: Bayern-Trainer Thomas Tuchel und Sky-Experte Lothar Matthäus. Foto: imago
Werden wohl keine Freunde mehr: Bayern-Trainer Thomas Tuchel und Sky-Experte Lothar Matthäus. Foto: imago
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Thomas Tuchel legt sich mit den sogenannten Fußball-Experten im Fernsehen an. Warum Lothar Matthäus und Didi Hamann aber vielleicht sogar Recht haben und Tuchel sich auf einem Irrweg befindet, erklärt unser Kolumnist Udo Muras.

Es war in den vergangenen Tagen viel zu lesen über die Auseinandersetzung beim deutschen Clasico. Allerdings weniger über das Spiel Borussia Dortmund – Bayern München, das angesichts eines 0:4 ja auch diverse Themen aufwarf. Nein, wie schon im April in München waren die Debatten am Stehtisch von Sky schlagzeilenträchtiger und wurden von der nach Eklats gierenden Medienwelt dankbar aufgenommen.

Vor einem halben Jahr – wer es nicht mehr weiß – knallten die einstigen Mitspieler im DFB- und Bayern-Trikot, Oliver Kahn und Lothar Matthäus aneinander. Kahn war damals noch wichtiger als heute und ging in seiner Funktion als Bayern-CEO mit Verve auf Attacken des Sky-Experten Matthäus ein, der die Art und Weise des Nagelsmann-Abschusses monierte und die generellen Zustände im Klub gleich mit. Wer zusah, mag sich maximal etwas unbehaglich gefühlt haben, aber immerhin war es kein Fremdschämmoment. Da sagten sich zwei die Meinung, wurden sich auch nicht einig und feuerten noch Tage danach ein paar Giftpfeile ab. Bleibende Schäden: null!

Am Samstag war es anders, da zickte ein vor Sarkasmus triefender Thomas Tuchel am Mikrofon herum, antwortete patzig bis beleidigt, nur kaum inhaltlich, worunter auch der Moderator Sebastian Hellmann litt. Tuchel war erkennbar auf einem Rachefeldzug gegen die Sky-Experten Matthäus und den im Studio sitzenden Dietmar Hamann – und zwar den ganzen Abend lang, vor jedem Mikrofon. Das Interview nach dem Spiel brach er dann ab, nicht bereit mit Matthäus zu diskutieren über die „fehlende Entwicklung“ oder interne Spannungen, die übrigens ein anderes Medium aufgeworfen hatte.

So weit, so schlecht. Ich habe viele Kommentare darüber gelesen, keiner konnte meine Meinung ändern – zumal die meisten sie ja auch stützten. Ich war da bei Arnd Zeigler (WDR), der Tuchels Verhalten mit dem „eines Siebenjährigen“ verglich. Er ist aber schon 50, war Trainer in Mainz, Dortmund, Paris und Chelsea. Er hat schon viel geleistet und gewonnen, in Chelsea hätten sie ihn sogar gerne wieder zurück – was eher selten ist für einen Ex-Klub von Thomas Tuchel. Dass er dünnhäutig ist und seine Hutschnur schneller platzen wird als die eines Carlo Ancelotti oder Ottmar Hitzfeld, das konnte man wissen. Wer Thomas Tuchel holt, bekommt Thomas Tuchel. Einen Taktiknerd mit Hang zum Perfektionismus, der mit Seinesgleichen in Restaurants Salz- und Pfefferstreuer verschiebt, anstatt mal über die schönen Dinge abseits des Fußballlebens zu räsonieren.

Die Bayern hatten im April große Hoffnungen in ihn gesetzt und allgemein war die Erwartung, dass das Spiel besser und das Klima schlechter werden wird. Zunächst war es umgekehrt, Tuchel überraschte alle mit seinem Charme und seiner Unverstelltheit, sprach Probleme klarer an als alle seine Vorgänger – und gewann „nur“ die Meisterschaft, in letzter Minute der Saison. Von vier möglichen Titeln hat er bisher einen gewonnen, zwei mehr oder weniger peinliche Pokalniederlagen lasten auf seiner Bilanz und wer die Spiele sieht, darf ungestraft feststellen dass der Fußball unter van Gaal, Heynckes oder Flick schöner war. Da auch der Punkteschnitt des geschmähten Nagelsmann (2,31) weit über Tuchels (2,07) liegt, darf man auch mal fragen, wie sich die Bayern so entwickelt haben unter ihm. Kann es sein, dass Tuchel das selbst bewusst ist und er sich nur darüber ärgert, dass die „Experten“ recht haben?

Was jedenfalls kaum der Fall sein dürfte: dass sein Ausbruch einem Kalkül gefolgt sei. Dass er eine Wagenburg um sich und seine Jungs habe bauen wollen, wie spekuliert wurde. Ein Thomas Tuchel wird nie eine Wagenburg für seine Spieler bauen, weil er weiß, dass keiner mit hinein kommen würde. Um ein großer Trainer zu werden, fehlt ihm das, was einem Jupp Heynckes, Ottmar Hitzfeld oder Jürgen Klopp auszeichnete: Empathie, Feingefühl und die Fähigkeit, Kontroversen so zu führen dass noch ein Miteinander möglich ist. In Dortmund war das trotz eines Pokalsiegs nicht mehr möglich, nicht mit dem Vorstand, nicht mit den Spielern. In Paris flog er nach zwei Meisterschaften an Heiligabend 2010 unmittelbar nach einem 4:0-Sieg auf Platz zwei stehend – wegen eines Dauerstreits mit dem Manager wegen der Personalpolitik. Ähnlich lief es bei Chelsea, wo er sich nach kurzer Zeit mit dem neuen Eigentümer überwarf.

Nun haben die Bayern einen Vorgeschmack bekommen, wie es irgendwann in München enden wird. Das soll nicht heißen, dass Tuchels Argumente immer falsch sind, auch bei Bayern fordert er zurecht neue Spieler. Aber die Art und Weise, wie er sie vorträgt, wird ihm immer wieder zum Verhängnis. Mit Fernsehexperten wolle er „normalerweise keine privaten Treffen“, sagte er jetzt und schlug damit die Tür zu für eine Aussprache mit Lothar Matthäus. Die müsste schon deshalb sein, weil Sky nun mal der Bundesligasender ist und auch den Bayern daran gelegen sein müsste, dass ein Mindestmaß an Umgangsformen gewahrt sein sollte. Stattdessen drohen weitere Fremdschämmomente.

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