Kinderarmut  „Kinder schämen sich und leiden unter der Armut“

Petra Herterich und Rena Lehmann
|
Von Petra Herterich und Rena Lehmann
| 09.11.2023 19:21 Uhr | 4 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ein Junge sitzt an einem roten Tisch und zählt sein gespartes Taschengeld. Jedes fünfte Kind ist in Niedersachsen von Armut betroffen. Foto: Kalaene/dpa
Ein Junge sitzt an einem roten Tisch und zählt sein gespartes Taschengeld. Jedes fünfte Kind ist in Niedersachsen von Armut betroffen. Foto: Kalaene/dpa
Artikel teilen:

Auch in Ostfriesland gibt es Hunderte Betroffene. Unterdessen reißt die Kritik an der geplanten Kindergrundsicherung nicht ab.

Berlin/Leer - Der Kinderschutzbund Niedersachsen hat vor den verheerenden Folgen von Armut besonders für Kinder gewarnt. Seit Jahren sei die Kinderarmutsquote auf einem hohen Niveau, kritisierte die Vorsitzende des Kinderschutzbundes Niedersachsen, Daniela Rump. „Für die Kinder ist das hart. Sie fühlen sich ausgegrenzt, schämen sich und leiden wirklich auch psychisch unter der Armut“, weiß auch Richard Heeren, Vorsitzender des Leeraner Kinderschutzbundes. Rund 125 Kinder aus 17 Nationen werden täglich betreut.

„Armut hat gravierende Auswirkungen auf den gesamten weiteren Lebensweg von Kindern“, sagte Rump. Notwendig sei eine landesweite Strategie zur Bekämpfung von Armut, betonte sie. „Dazu gehört die finanzielle Unterstützung von Kindern in angemessener Höhe, ihre Beteiligung und ein gut ausgebautes Bildungs- und Betreuungsangebot.“ Die geplante Aufstockung der Kindergrundsicherung sei dabei aber allenfalls ein Anfang, findet Heeren.

„Die Kinder bleiben oftmals auf der Strecke“

Der Bundestag hat nach langem Streit am Donnerstag in erster Lesung über die Kindergrundsicherung beraten. Es gilt in der Ampel-Koalition als zentrales sozialpolitisches Vorhaben. „Gefordert hatte das Familienministerium mal 12,4 Milliarden Euro, jetzt gibt es 2,4 Milliarden Euro. Damit kann man anfangen, aber viel mehr auch nicht. Da sehe ich schon Bedarf, dass die Politik da noch mal nachbessern muss“, sagte Heeren. Aber er fürchtet: „Es gibt viele Anforderungen an die Politik – die Kinder bleiben da oftmals auf der Strecke.“

Auch die Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Michaela Engelmeier, hat umfassende Verbesserungen in der Kindergrundsicherung gefordert. „Das aktuell vorliegende Gesetz zur Kindergrundsicherung wird es so noch nicht schaffen, Kinderarmut wirksam zu bekämpfen und Chancengerechtigkeit herzustellen. Auch das von der FDP angepriesene Ziel einer guten Verwaltungsreform wird nicht erreicht“, sagte sie. Viele verschiedene Ämter wären nach dem vorliegenden Entwurf für die Familien zuständig. „Es wird weder vereinfacht, noch automatisiert ausgezahlt“, kritisiert Engelmeier.

Antragstellung ist für viele Eltern zu kompliziert

Dass viele Eltern Hilfe bei der Antragstellung brauchen, erlebt auch Heeren immer wieder. „Rund 80 Prozent der Eltern unserer Kinder sind Antragsteller für das Bildungs- und Teilhabepaket. Wir stellen die Anträge für die Eltern, weil sie alleine mit der Bürokratie oft nicht zurechtkommen.“

Auch die Opposition hat Familienministerin Lisa Paus (Grüne) im Bundestag vorgeworfen, mit der Kindergrundsicherung die Situation für Familien komplizierter zu machen. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Silvia Breher (Cloppenburg) kritisierte die geplante Kindergrundsicherung als leeres Versprechen. Es gebe, im Gegensatz zum Versprechen von Paus, künftig eben nicht nur eine Anlaufstelle.

So bleiben Eltern von Kindern im Bürgergeldbezug beim Jobcenter. „Die Kinder stellen dann die Anträge bei der Familienkasse. Bildung und Teilhabe bleibt aber in kommunaler Zuständigkeit“, sagte Breher. Das Geld, das beginnend mit dem kommenden Jahr für eine neu aufzubauende Verwaltung benötigt werde, müsste vielmehr in die Kinder und Jugendlichen und die frühkindliche Bildung investiert werden. Laut Paus soll der Antrag auf Kindergrundsicherung einfach und digital werden.

In Niedersachsen ist laut Statistik jedes fünfte Kind oder Jugendlicher von Armut betroffen. Im Landkreis Leer beispielsweise galten im Juni 2023 rund 2200 Kinder im Alter von unter 15 Jahren als armutsgefährdet – gut 1000 von ihnen waren jünger als sechs Jahre. Dass deren Eltern die Bildung ihrer Kinder am Herzen liegt, erlebt Heeren immer wieder: „Wir bieten Sprechstunden für Eltern an. Allen ist das Thema Bildung besonders wichtig, alle wollen, dass ihre Kinder möglichst gut ausgebildet werden.“

Mit Material von DPA

Ähnliche Artikel