Lübeck Nach der Jahrhundertflut: Wo der Sand in der Lübecker Bucht geblieben ist
Schwierige Spurensuche: Tausende Kubikmeter Sand hat die Jahrhundertflut weggespült – aber wohin? Und welche Auswirkungen hat das für die Lübecker Bucht?
Zerstörte Stege, abgebrochene Zuwegungen, freigespülte Küstenschutzeinrichtungen: Die schwere Sturmflut hat am 20. und 21. Oktober eine Spur der Verwüstung entlang der Ostsee-Küste hinterlassen – auch an der Lübecker Bucht. Zu beklagen sind insbesondere große Sandverluste: Weite Teile der Dünen und Strände wurden weggerissen. Doch wo ist der ganze Sand geblieben? Wurde er durch die Jahrhundertflut gar weit in der Ostsee verteilt?
Was erstaunt: Nur sehr wenige Untersuchungen gibt es bislang zu diesem Thema. Auch das Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel teilte mit, dass dort aktuell keine Forschung auf diesem Gebiet betrieben wird. Ebenso winkt Professor Dr. Christian Winter vom Institut für Geowissenschaften der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ab: Wie es im Moment am Meeresboden der Lübecker Bucht aussieht, könne nicht gesagt werden – „dazu fehlen einfach noch die entsprechenden Daten“.
Beim schleswig-holsteinischen Umweltministerium wiederum geht man davon aus, dass der in der Lübecker Bucht von den Steilufern und Stränden erodierte Sand zunächst im Vorstrandbereich, das heißt in einigen Metern Wassertiefe vor den Stränden, abgelagert worden ist. „Der Großteil dieses Sandes wird sich nunmehr bei ruhigem Wetter mit mäßigem Seegang in Richtung Küste zurückverlagern und zur Erholung der Strände beitragen“, sagte Ministeriumssprecher Steffen Regis. Der Sand sei somit der Küste nicht verloren gegangen.
Das bestätigt auch Dr. Peter Feldens vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde: „Im Sommer wandert das Material aus dem Küstenvorfeld wieder Richtung Küste; die Wellen haben quasi nur auflaufend genug Energie, das Sediment zu bewegen. Die ablaufende Welle kann es nicht mehr vollständig zurücktragen.“ Der Strand werde so tendenziell breiter und flacher. Aber: „Bei sehr starken Stürmen oder häufigen Stürmen kann natürlich mehr Material nach offshore bewegt werden, als im Sommer wieder angelandet werden kann, so dass es zu einem Netto-Verlust kommt“, sagt Feldens. Insofern seien Kliffabbrüche wichtig, die zusätzlichen Sediment in das System bringen.
Der Sand, der dort abbricht, findet sich im sogenannten Küstenlängstransport wieder. Die Sedimente wandern die Küste entlang und werden dort wieder angespült. Aber: Feldens geht davon aus, dass sich die Problematik der Sandverluste verschärfen wird – Stichwort: Klimawandel –, auch weil der Meeresspiegel an der südlichen Ostseeküste langsam steigt.
Uneinig ist man sich jedoch in einem ganz anderen Punkt: Sind die Fahrrinnen durch den Sturm versandet? Dass Sediment in größeren Mengen in die Schifffahrtswege gelangt ist, sei laut Umweltministerium unwahrscheinlich, „weshalb hier keine negativen Auswirkungen zu befürchten sind“, so Ministeriumssprecher Regis.
Anders sieht das das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ostsee (WSA): „Es ist davon auszugehen, dass dieses Sturmhochwasser beträchtliche Versandungen der Fahrwasser verursacht hat“, sagte WSA-Amtsleiter Stefan Grammann bereits kurz nach der Flut. Inzwischen habe das WSA deshalb die Fahrten mit Messschiffen intensiviert. „Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Kontrolle der Fahrwasser, die mutmaßlich am stärksten von Sedimenteintreibungen betroffen sind, bedingt durch Windrichtung und Strömungen“, sagte WSA-Sprecherin Viola Hackenbeck. Diese Untersuchungen würden aber angesichts der Küstenlängen einige Wochen in Anspruch nehmen. „Einzelne Versandungen sind bereits bekannt“, so Hackenbeck mit Blick auf die Kieler Bucht. Fest steht jedoch: Die Beseitigung etwaiger Mindertiefen werde einige Zeit dauern; wie viel könne aber noch nicht abgeschätzt werden, so Hackenbeck.
Generell hat Sand eine wichtige Funktion entlang der Küste – nicht nur optisch in Strand-Form und damit als Tummelplatz für Urlaubsgäste. „Sand besänftigt die Steilheit der Küste“, sagt Ole Eggers von der BUND-Landesgeschäftsführung. Langauslaufende Uferzonen seien dabei von Vorteil: Bei Sturm verliert sich die Kraft der Wellen in derartigen Bereichen.
Nach den großen Sandverlusten entlang der Küste nun entsprechende Aufspülungen oder Aufschüttungen vorzunehmen, sieht der BUND aber kritisch. „Das wäre kontraproduktiv, denn für den Küstenschutz würden so andernorts große Flächen zerstört“, sagt Eggers.
Und: Bestimmte Küstenabschnitte wie beispielsweise in Niendorf seien eigentlich von Natur aus ohnehin reine Kies-Strände. Sand sei hier stets künstlich für die Touristen hingebracht worden, so Eggers. Und das nicht nur hier: Laut Angaben des Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN) seien im Vorjahr fast 19.000 Kubikmeter Sand aus touristischen Gründen aufgeschüttet worden, so unter anderem in Timmendorfer Strand, aber auch in Mönkeberg und Heikendorf. Zum Vergleich: 2019 waren es mehr als 63.000 Kubikmeter gewesen; 40.000 davon gingen allein nach Heiligenhafen. Auch damals hatten Sturmfluten dafür gesorgt, dass große Mengen an Sand fortgespült wurden.
Wie damals gibt es auch jetzt laut BUND wieder große Befürchtungen, dass durch die Sturmflut am 20. und 21. Oktober insbesondere die Seegraswiesen in der Ostsee durch den weggespülten Sand in Mitleidenschaft gezogen wurden. Doch genauere Untersuchungen dazu gibt es noch nicht – wie auch zu den Flachwasserbereichen selbst, „weil man hier ganz schwer mit Forschungsgerät hinkommt und messen kann“, sagt Peter Feldens. Am Leibniz-Institut für Ostseeforschung habe man deshalb inzwischen jedoch einen Schwerpunkt Flachwasserforschung etabliert, „der gerade Fahrt aufnimmt“, so Feldens.