Paris  Warum Macron nur „in Gedanken“ beim Marsch gegen Antisemitismus war

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 13.11.2023 17:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron blieb dem Marsch gegen Antisemitismus fern. Foto: imago images/Lemouton Stephane
Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron blieb dem Marsch gegen Antisemitismus fern. Foto: imago images/Lemouton Stephane
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Bei einer großen Kundgebung in Paris gab es viel Aufregung um die anwesenden Rechtsextremen um Marine Le Pen – und die Abwesenden, nämlich die radikalen Linken sowie den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Er war nur „in Gedanken“ anwesend.

Die Abwesenden haben immer Unrecht – auf Französisch gibt es nicht nur das Sprichwort, sondern sogar ein Lied dazu. Trotzdem hat es sich Präsident Emmanuel Macron nicht zu Herzen genommen, als er dem großen „Marsch für die Republik, gegen den Antisemitismus“ am vergangenen Sonntag in Paris fernblieb. Er sei „in Gedanken“ dabei, ließ er in einem am Vorabend veröffentlichten „Brief an die Franzosen“ wissen, in dem er die „unerträgliche Wiederkehr eines entfesselten Antisemitismus“ beklagte.

Dabei gab es so viele andere, die kamen: seine Vorgänger Nicolas Sarkozy und François Hollande, 35 Minister, darunter Regierungschefin Élisabeth Borne, aber auch Künstler, Intellektuelle, Sportler. 182.000 Menschen gingen laut Innenministerium landesweit auf die Straße, davon allein in Paris 105.000. Initiiert wurde der Marsch von den Präsidenten der Nationalversammlung und des Senats, Yaël Braun-Pivet und Gérard Larcher, um ein Zeichen zu setzen. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel ist die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Frankreich explodiert auf mehr als 1200. Unter den Opfern der Attacke vom 7. Oktober befanden sich 40 französische Staatsbürger. Acht weitere werden als Geiseln vermisst.

Die Frage der Sicherheit dürfte eine Rolle bei Macrons Entschluss gespielt haben, sagt der Politologe Olivier Rouquan. Auch sei die Initiative für die Kundgebung nicht vom Staatschef ausgegangen. „Er suchte stets eine ausgleichende Haltung bei der internationalen Politik.“ Doch mangels klarer Linien irritierte er zuletzt auch. So gestand er Israel das unbedingte Recht auf Selbstverteidigung zu und schlug bei einem Solidaritätsbesuch in Tel Aviv eine internationale Anti-Terror-Koalition gegen die Hamas vor, ohne Details zu nennen. Nun aber rief er Israel in einem Interview mit dem Sender BBC zu einem Ende der Bombardierung von Zivilisten im Gazastreifen auf und zog damit den Zorn der dortigen Regierung auf sich. Und während Macron seine Freude über die Organisation von Demonstrationen für den Frieden und gegen den Antisemitismus äußerte, ging er selbst nicht hin.

Er ließ allerdings auch durchklingen, dass er deren politische Instrumentalisierung ablehne. Denn zum einen entstand Aufregung um das Fernbleiben auch der Abgeordneten der Linkspartei LFI (La France Insoumise, „Das unbeugsame Frankreich“), die eine Bezeichnung der Hamas als Terroristen grundsätzlich ablehnen. Parteigründer Jean-Luc Mélenchon kritisierte den Marsch mit Blick auf seine große muslimische Anhängerschaft in den Vorstädten als Versammlung der „Freunde der unbedingten Unterstützung der Massaker“ durch Israel an den Palästinensern.

Zum anderen verstörte viele auch die Teilnahme von Vertretern des rechtsextremen Rassemblement National und deren Frontfrau, Marine Le Pen. Politologe Rouquan sprach von einem „weiteren Schritt in ihrer Strategie der Normalisierung“. Gegründet wurde ihre Partei 1972 von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen, einem mehrfach verurteilten Antisemit und Holocaust-Verharmloser, sowie ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS. 2011 übernahm Marine Le Pen den damaligen Front National, den sie sieben Jahre später umbenannte, um sich vom allzu unbequem gewordenen Patriarchen abzugrenzen. Einige Bande zu Neonazis blieben allerdings bestehen.

Trotz dieser Parteigeschichte erschien Le Pen nun also wie selbstverständlich auf der Demonstration gegen Antisemitismus – wenn auch ganz hinten im Zug. Der jüdische Dachverband Crif sowie mehrere Politiker, darunter Regierungssprecher Olivier Véran, hatten sich gegen ihre Anwesenheit ausgesprochen. Nicht aber der Historiker und Nazi-Jäger Serge Klarsfeld, der sie begrüßte. „Wir sind genau dort, wo wir zu sein haben“, sagte Le Pen selbst mit verkniffener Miene. 2018 musste sie eine Gedenkveranstaltung für eine ermordete Jüdin in Paris noch überstürzt verlassen. Nun aber gab es wenige Buhrufe und Widerstand von einer jüdischen Gruppe, die die Sicherheitskräfte rasch zurückdrängten. Das offenbarte, dass Le Pen ein Etappenziel erreicht hat: den Aufstieg in den Rang einer „normalen“ Partei.

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