Mit der Nähmaschine auf Kreuzfahrt Sie schneidert Darstellern Kostüme auf den Leib
Inga Heyen aus Wiesmoor lebt ihren Traum: Sie entwirft, näht und ändert Kostüme für Musicaldarsteller, die an Bord von Kreuzfahrtschiffen singen und tanzen. Auch auf den Weltmeeren greift sie zu Nadel und Faden.
Wiesmoor - Für Inga Heyen ist es ein wahrgewordener Traum: Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht – und ihre Leidenschaft bringt sie nun sogar an Bord von Kreuzfahrtschiffen über die Weltmeere an fantastische Orte. Die 62 Jahre alte Wiesmoorerin näht dem Musicalteam eines Schiffes, dem sogenannten Cast, die Kostüme passend auf den Leib. Vieles passiert an Land, im Hause einer deutschlandweit bekannten TV-Persönlichkeit in Ostgroßefehn. Einiges aber auch auf hoher See – zuletzt zwischen Europa und den Vereinigten Staaten bei teilweise richtig ordentlich Seegang. Arbeitsbedingungen, die vermutlich einige abschrecken würden. Zwei Häfen konnte die MS „Artania“ nicht anlaufen. Der Grund seien sieben, acht Meter hohe Wellen gewesen. Inga Heyen bringt so etwas nicht aus der Fassung. „Ich bin seefest“, verrät sie lachend.
Was und warum
Darum geht es: Inga Heyen lebt ihren beruflichen Traum. Sie arbeitet kreativ – und reist dabei um die halbe Welt.
Vor allem interessant für: Menschen mit Fernweh und jeden, der sich beruflich ausleben möchte
Deshalb berichten wir: Inga Heyen ist gerade zurück von einer Amerikareise, auf der sie trotz teils heftigen Seegangs hunderte von Änderungen und Reparaturen vorgenommen hat. Pläne für weitere Touren im nächsten Jahr gibt es bereits. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Seit wenigen Tagen ist sie zurück von einer dreieinhalbwöchigen Reise über die Azoren nach New York und dann die Ostküste der USA entlang bis nach Florida. Während das Schiff mit neuen Passagieren an Bord die Fahrt gen Süden fortsetzte, kamen Inga Heyen und ihr Mann Bernhard heim. Gerade hat sie wieder festen Boden unter den Füßen – ist aber schon wieder voller Fernweh und Vorfreude. „Ich hab jetzt drei Monate Ruhe“, schätzt sie. Anfang des nächsten Jahres beginnen dann die Vorbereitungen für die neuen Shows der Casts an Bord der „Artania“ und „Amadea“. Je nach Schiff wechseln alle sechs beziehungsweise auch neun Monate die Künstler. Ein Cast besteht im Normalfall aus acht Darstellern, so Heyen. Jeder Darsteller sei während der Zeit auf See in 17, 18 Shows zu sehen. Insgesamt brauche er dafür 60, vielleicht auch 70 Kostüme, überschlägt sie. Dass jedes einzelne davon perfekt sitzt, ist eine der Kernaufgaben der Wiesmoorerin. „Wenn die Schiffe kommen, herrscht hier sechs Wochen Ausnahmezustand.“
Alles begann mit Abba
Inga Heyen ist eigentlich gelernte Bürokauffrau und keine Schneiderin. Die Leidenschaft für den kreativen Umgang mit Textilien jeglicher Art sei genetisch bedingt: „Meine Mutter war Handarbeitslehrerin.“ Gestrickt habe sie schon immer, vor 40 Jahren dann begann sie zudem zu nähen. Abendkleider, später Kleidung für ihre zwei mittlerweile erwachsenen Töchter. Heyen führte zusammen mit ihrer Mutter in Wiesmoor gemeinsam den Handarbeitsladen „Flotte Nadel“. Mit dem altersbedingten Rückzug von Christel Mühlenbrock war der Geschichte. Vor zehn Jahren ging Inga Heyen mit „Flotte Nadel 2.0“ eigene Wege: Sie verkaufte Stoffe, Garne und Edelgarne. Bis vor etwa einem Jahr hatte sie ein eigenes Ladenlokal. Mittlerweile betreibt sie nur noch einen Onlineshop. Auch, um flexibler ihrer Arbeit an den Kostümen der Musicaldarsteller und an Bord der Luxusschiffe nachgehen zu können.
Die studierte Musicaldarstellerin Katrin Gleiß-Wiedmann entwickelt in Ostgroßefehn mit ihrer Firma „Ocean Arts Entertainment“ genau die Programme, mit denen die Passagiere einer Kreuzfahrt sich die Zeit auf dem Schiff vertreiben können. Sie und ihr Mann, Kreuzfahrtdirektor Thomas Gleiß, waren lange im Nachmittagsprogramm der ARD in der Kreuzfahrt-Doku-Serie „Verrückt nach Meer“ zu sehen. Seit rund zehn Jahren leben sie in Ostfriesland. Heute sorgt Gleiß-Wiedmann für die perfekte Unterhaltung auf der „Artania“ – auch die Proben mit dem neuen Cast finden in Großefehn statt. Manchmal braucht es für ihre Shows besondere Kostüme. 2017 kam die Produzentin durch eine gemeinsame Bekannte auf Inga Heyen. „Das erste, was ich genäht habe, waren Abba-Kostüme“, erinnert die sich voller Begeisterung. Das war nicht der erste Kontakt der 62-Jährigen zur schillernden Welt der Musical: Ihre Tochter Mareike ist Musicaldarstellerin und sang selbst schon auf dem Kreuzfahrtschiff „Amadea“, weshalb der Kontakt zu den Machern der Bühnenshows dort auch erst entstand. Ab 2014 organisierte Inga Heyen insgesamt vier Musicalgalas in Wiesmoor, in denen ihre Tochter mitwirkte.
Kostüme für die Bühne sind etwas Besonderes
Heyen designte und nähte auch die Kostüme für die Galas. Einmal waren es Barockkleider – und sie hatte einen Heidenspaß daran. „Mit ausgestelltem Rock und Brokat“, erinnert sie sich. Außergewöhnliche Stoffe faszinieren auch Manuela Dillwitz. Die Leiterin der Kostümabteilung der Landesbühne Niedersachsen Nord sagt, die Bandbreite der Epochen und die edlen Materialien machen für sie einen Teil des Reizes an der Kostümschneiderei aus. „Im Atelier macht man nur moderne Sachen. Wir machen auch Historisches. Das ist das, was mich zum Theater gebracht hat.“ Ein zehnköpfiges Team, vorrangig aus Damen- und Herrenmaßschneidern, sorgt hinter den Kulissen der Landesbühne für die Kostüme des Ensembles. Derzeit wird beispielsweise mit der Addams Family ein Musical inszeniert, für das es einige ausgefallene Kostüme wie das Kleid von Morticia Addams gibt. Dank reichlich Tüll ist das extravagante Teil ein echter Hingucker: „Das hat mir viel Spaß gemacht.“
Herausforderungen gibt es allerdings auch, wenn die Darsteller hinter der Bühne beispielsweise schnell aus einem Kostüm ins andere wechseln müssen, erklärt die Handwerksmeisterin Dillwitz. Unzählige Reißverschlüsse, Klettverschlüsse und sogar Magnetverschlüsse sorgen schnelle Wechsel. Eine weitere Besonderheit sind die Größen der Kostüme: Die sollten nach Möglichkeit immer veränderbar sein. Schließlich weiß man nie, wer solch ein Kostüm wann wieder aus dem Fundus holt und mit neuem Leben füllt. Das ist etwas, das auch für Inga Heyen stets eine Rolle spielt, wenn sie die neue Cast in ihre fulminanten Fummel näht: Überflüssiger Stoff muss immer gut verdeckt umgenäht werden. Abgeschnitten wird hier nichts. Denn der nächste Darsteller in sechs Monaten kann schon größer, kleiner, dicker oder dünner sein als der jetzige. Das ist oft gar nicht so einfach, denn kaum ein Stoff, aus dem die Bühnenträume sind, ist dezent: Die meisten Kostüme seien in knalligen Farben wie Pink und aus Stretch. Dazu viel Glitzer und Pailletten. Solche Stoffe zu verarbeiten oder auch zu bekommen, sei manchmal eine Herausforderung, gibt die 62-Jährige zu.
Nähen an Bord braucht viel Improvisationstalent
Auf die Suche nach Stoffen kann Inga Heyen relativ entspannt in ihren eigenen vier Wänden in Wiesmoor gehen. Vieles produziert und ändert sie auch dort. Manche Kostüme werden aber bis zuletzt an Bord gebraucht – und genau die näht die Wiesmoorerin dann in ihrer Kabine auf hoher See. Eine Nähmaschine gehört zur Standardausstattung eines Schiffs, denn auch die Darsteller müssen zur Not jederzeit etwas ändern oder reparieren können. Eine ihrer insgesamt sieben Exemplare nimmt sie jedoch immer mit. Ebenso eine Grundausstattung wie Spulen, Schere, Lineal und Material wie Garne, Reißverschlüsse oder Klettbänder. „Es ist ein Teil an Bord. Aber natürlich fast nie das, was ich brauche“, verrät sie lachend. „Garne nehme ich komplett mit. Weil die Farben, die ich brauche, nie da sind.“
Auch das fasziniert sie: Es muss stets improvisiert werden. An Bord noch mehr als an Land. Heyen muss aus dem, was sie auf dem Schiff dabei hat oder findet, das Optimum herausholen. Nächstes Jahr wird die Handarbeitsbegeisterte erneut der neuen Musicalcrew der „Artania“ die Kostüme auf den Leid nähen und zudem ihr Engagement auf der „Amadea“ fortsetzen. Auf beiden, so hofft sie, wird sie dann nicht nur an Land sondern auch wieder auf hoher See, loslegen. Wann genau, ist vorerst unklar. „Ich erfahre es erst ein paar Wochen vorher.“ Langfristig möchte sie unbedingt ihr Engagement auf beiden Schiffen fortsetzen: „Es ist wirklich mein Traum. Ich reise gerne, ich nähe gerne – das in Kombination ist einfach toll. Dazu noch die Musicalwelt. Musical war schon immer mein Ding.“