Hannover  Warum Schulministerin Julia Hamburg nichts von Zeugnisnoten hält

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 17.11.2023 01:00 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 7 Minuten
„Eine Note sagt erstmal nicht viel aus, ein Bericht hingegen schon“: Niedersachsens Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Julia Willie Hamburg (Grüne) im Interview. Foto: Michael Matthey/dpa
„Eine Note sagt erstmal nicht viel aus, ein Bericht hingegen schon“: Niedersachsens Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Julia Willie Hamburg (Grüne) im Interview. Foto: Michael Matthey/dpa
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Berichte statt Noten, mehr Zeit fürs Lesen, Schreiben und Rechnen in der Grundschule und Schulverweise bei Juden- oder Fremdenhass: Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg spricht im Interview Klartext.

Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg wirbt dafür, bei der Bewertung von Grundschulkindern möglichst lange auf schriftliche Berichte statt auf Zeugnisnoten zu setzen. „Eine Note sagt erstmal nicht viel aus, ein Bericht hingegen schon“, sagt die Grünen-Politikerin im Interview mit der unserer Redaktion.

Gleichzeitig fordert die Ministerin Arbeitgeber auf, sich bei Schüler-Anfragen nach einem Praktikumsplatz nicht zu versperren. „Ich erwarte von der Unternehmerseite, dass sie Verantwortung übernimmt.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview im Wortlaut:

Frage: Frau Hamburg, Sie sind nun seit einem Jahr Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin in einer rot-grünen Koalition. Gibt es stille Momente, in denen Sie sich manchmal fragen, warum Sie sich das angetan haben?

Antwort: Nein, gar nicht. Als Ministerin kann ich Entscheidungen treffen und konkret daran mitwirken, wie Niedersachsen sich weiterentwickelt. Insofern bin ich sehr demütig und dankbar, dass ich diese Verantwortung übernehmen darf. Aber klar: Es ist auch eine große Verantwortung.

Frage: Aktuelle Bildungserhebungen zeigen einen deutlichen Rückgang beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Wie will das Land gegensteuern?

Antwort: Wir werden in Niedersachsen jetzt sehr deutlich reagieren. Wir werden in den Grundschulen mehr Zeit einräumen fürs Lesen, Schreiben und Rechnen in den nächsten Jahren. Dahinter liegt die Erkenntnis, dass Schülerinnen und Schüler hier mehr Zeit brauchen, um dann auch wirklich lesen, schreiben und rechnen zu können. Es kann uns nicht zufriedenstellen, dass ein Viertel der Kinder da noch nicht mal die Mindeststandards erreicht.

Frage: „Es ist wichtig, dass alle, die hier aufwachsen, die deutsche Sprache lernen und beherrschen”, findet Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Um Deutschkenntnisse von Kindern besser und gezielter fördern zu können, braucht es aus Sicht von Scholz häufige Vergleichstests an deutschen Schulen. Sehen Sie das ähnlich?

Antwort: Mit dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und anderer Bildungsforschung gibt es an Schulen bereits solche Tests. Lernstandserhebungen gehören zu gutem Unterricht. Wir werden jetzt allerdings in Niedersachsen solche Vergleichstests stärker nutzen. Wir haben dieses Jahr eine Grundschul-App angeschafft, da setzen sich die Kinder an den PC, beantworten Fragen und dann wird mit einem Klick für die Lehrkraft ausgewertet: Das Kind kann Plus und Minus, aber nicht geteilt. Dann kann die Lehrkraft nochmal klicken und bekommt ein Arbeitsblatt mit Aufgaben speziell für dieses Kind. Hier schauen wir gerade, wie wir dieses Instrument Lehrkräften durch Fortbildungen noch besser an die Hand geben können. Also: Der Bundeskanzler hat recht. Wenn wir nicht gucken, welchen Leistungsstand Schülerinnen und Schüler haben, können wir auch nicht darauf reagieren, wenn es Fehlentwicklungen gibt. Denn schließlich ist Sprache ein wichtiger Schlüssel zur Integration und zum Bildungserfolg.

Frage: Wir erleben Debatten um Noten in der Grundschule oder die Abschaffung der Bundesjugendspiele. Besteht nicht die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche heute nicht mehr lernen, dass es sich lohnt, sich anzustrengen und etwas zu leisten?

Antwort: Diese Sorge habe ich nun wirklich nicht. Auf der einen Seite geben Entwicklungsberichte oder andere Zeugnisformen ein sehr unmittelbares Feedback dazu, was Kinder können und was nicht. Ziel ist nicht, sich vom Leistungsgedanken zu trennen, sondern vielmehr, dass Eltern und Schüler verstehen, was schon gut läuft und wo es Verbesserungsbedarf gibt. Eine Note sagt erstmal nicht viel aus, ein Bericht hingegen schon. Wenn da steht, „Du kannst schon flüssig lesen, aber mit der Rechtschreibung hapert es“, ist das zum Teil sogar deutlich härter im Feedback, aber eben auch vielsagender als eine Note. Uns in Niedersachsen geht es dabei um Ermöglichung, nicht um Vorschriften. Schulen, die das machen, haben den Schulpreis gewonnen und sind durchaus erfolgreich mit ihren Konzepten. So etwas dann nicht zu ermöglichen, wäre doch total absurd.

Frage: Und bei den Bundesjugendspielen?

Antwort: Bei den Bundesjugendspielen geht es in erster Linie um die Förderung von Bewegung und darum, die eigenen Grenzen, über die man hinauswachsen kann, auszutesten. Gerade Grundschulen fremdeln mit dem Format. Insofern war uns wichtig, Schulen die Möglichkeit einzuräumen, es anders auszuüben. Bei der Frage, wie man das dann macht, haben wir entschieden, das freizugeben.

Frage: Viele Unternehmen beklagen, dass Schüler heutzutage häufig nicht gut genug auf das Arbeitsleben vorbereitet seien. Andererseits haben es viele Schüler schwer, einen Praktikumsplatz zu finden. Wünschen Sie sich mehr Offenheit seitens der Betriebe?

Antwort: Berufsorientierung beziehungsweise Berufsbildung hat zwei Partner: Land und Schule auf der einen und die Unternehmen auf der anderen Seite. Einige Unternehmen haben meines Erachtens noch nicht verstanden, in welcher Fachkräftemangel-Situation wir uns befinden, und dass auch sie um die Bewerberinnen und Bewerber buhlen müssen. Insofern erwarte ich da auch von der Unternehmerseite, dass sie Verantwortung übernimmt.

Frage: Und was können die Schulen tun?

Antwort: Wir sind gerade intensiv in Gesprächen mit Unternehmerverbänden und auch den Industrie- und Handelskammern. Also wenn alle Schulen zur gleichen Zeit ein Praktikum anfragen, kann ein Unternehmen natürlich nicht zehn Schüler nehmen. Da müssen wir gucken, was die Schulleitung beitragen kann, um da flexibler zu sein. Auf der anderen Seite müssen Unternehmen aber auch attraktiver werden mit ihren Angeboten und verstehen, dass das ein realer Beitrag zur Fachkräftegewinnung ist.

Frage: Sind Ihre Kinder gut in der Schule oder anders: Wünschen Sie sich, dass die beiden Abitur machen?

Antwort: Ich finde, dass meine Kinder sich entwickeln, in der Schule Erfahrungen machen und selber entscheiden sollen. Ich glaube auch, dass viele Menschen unterschätzen, welchen Wert eine Berufsausbildung hat. Gerade wenn man im Handwerksbereich oder in der technischen Ausbildung ist, kann man wirklich schon sehr viel Geld machen. Das wird bei Eltern oft unterschätzt, weil sie es selber nicht kennen.

Frage: Seit dem Angriff der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober erleben wir verstärkt judenfeindliche und antiisraelische Äußerungen. Auch an unseren Schulen in Niedersachsen? Wie viele Vorfälle hat es da bislang gegeben?

Antwort: Wir können bislang nicht bestätigen, dass die Vorfälle von Übergriffen oder Beleidigungen in den Schulen tatsächlich deutlich zugenommen haben. Wobei ich auch dazu sagen muss, dass wir es nicht systematisch erheben. Es gibt eine Meldepflicht für Straftaten, darüber können wir sowas dann einschätzen. Aber es gibt bislang keine Statistik in Niedersachsen. Was uns vielfach zurückgespiegelt wird, ist, dass Schülerinnen und Schüler sehr viele Fragen haben und natürlich sehr empfänglich sind für einfache Thesen bei Social Media oder Dinge, die sie aufgeschnappt haben. Antisemitische Theorien, Antisemitismus im Gewand von Israelkritik. Da fühlen sich Lehrerinnen und Lehrer stark gefordert. Solche Debatten führt man nicht in zehn Minuten. Wir haben sehr schnell reagiert und direkt nach diesem 7. Oktober umfassendes Lern- und Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt. Aber natürlich bekommen wir das Feedback, dass es trotzdem herausfordert, und dass Lehrkräfte sich da Rückendeckung und auch Unterstützung wünschen. Wir müssen gucken, wie wir da mit den regionalen Landesämtern, wo wir ja über Schulpsychologen und fachliche Beratung verfügen, weitergehend unterstützen können. Aktuell werden weitere Fortbildungsformate und eine Online-Vortragsreihe zum komplexen Nahost-Konflikt erarbeitet.

Frage: Welche Konsequenzen drohen Schülern, die sich eindeutig juden- oder auch generell fremdenfeindlich äußern?

Antwort: Die Schule agiert an der Stelle durchaus auch mit Ordnungsmaßnahmen. Das hängt dann immer von der Schwere ab. Ist es das erste Mal, ist die Person zugänglich, auch für Ansprache oder nicht. Aber im Zweifel sind antisemitisches Verhalten oder sogar vielleicht Angriffe in dem Zusammenhang auch belegt mit Ordnungsmaßnahmen, die dann von einem Teil-Ausschluss vom Unterricht bis hin zum Schulverweis gehen können.

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