Hamburg  Vor Wacken-„Tatort“: Was hört Kommissar Borowski eigentlich für Musik?

Guido Behsen
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Von Guido Behsen
| 23.11.2023 20:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Borowski (Axel Milberg) stellt schnell fest: Die Dorf-Idylle in Wacken ist brüchig. Foto: NDR Presse und Information
Borowski (Axel Milberg) stellt schnell fest: Die Dorf-Idylle in Wacken ist brüchig. Foto: NDR Presse und Information
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Am Sonntag läuft der „Tatort – Borowski und das unschuldige Kind von Wacken“ im Ersten. Hauptdarsteller Axel Milberg und Regisseurin Ayse Polat über das Festival, Heavy Metal und die trügerische Dorf-Idylle.

Schleswig-Holstein steht für Wind, Wellen – und Wacken. Das größte Heavy-Metal-Festival der Welt hat das Land zwischen den Meeren weit über alle Deiche hinaus bekannt gemacht. Für Krimi-Fans ist Schleswig-Holstein zudem untrennbar mit dem Kieler „Tatort“ um den eigenwilligen Kommissar Borowski, gespielt von Axel Milberg, verbunden.

Jetzt treffen die beiden norddeutschen Institutionen aufeinander. Im Tatort „Borowski und das unschuldige Kind von Wacken“ (Sonntag, 26. November, 20.15 Uhr im Ersten) ermittelt Axel Milberg auf dem legendären „Holy Ground“. Die Dreharbeiten im August 2022 waren für den Schauspieler der erste Kontakt mit dem Festival, genau wie für Regisseurin Ayse Polat. Ein Gespräch über die befreiende Wirkung des Schreiens, musikalische Mörder und die Abgründe des Dorflebens.

„Ich bin urban geprägt. Aber das Dorf interessiert mich als Sujet sehr“, sagt Ayse Polat, die ihre Kindheit und Jugend in der Hamburger Hafenstraße und später mitten auf dem Kiez verlebte. „Und es ist ja nicht irgendein Dorf – es ist Wacken.“ Der Ort sei durch das Festival „eine Marke“ geworden, so die 53-jährige Filmemacherin („Im toten Winkel“).

Hatte Axel Milberg zuvor einen Bezug zu Heavy Metal? „Eigentlich nicht“, gesteht der 67 Jahre alte TV-Star, „wobei mich einige Bands, zum Beispiel Slipknot, mit ihren krassen Shows faszinieren. Was für eine Performance!“ Der Wacken-Headliner von 2022 taucht allerdings nicht im „Tatort“ auf. „Wir mussten schon im Vorfeld rechtemäßig klären, welche Band beim Dreh im Hintergrund spielt. Das waren dann The Halo Effect aus Schweden“, erklärt Milberg.

„Ein Vorteil von Dreharbeiten ist, dass man neue Welten kennenlernt und nicht nur in seiner bleibt“, führt der Schauspieler weiter aus. „Im Fall von Wacken bin ich nicht nur mit der Musik in Kontakt gekommen, sondern auch mit den Fans, die entspannt und freundlich waren.“

Viele hätten immer noch eine falsche Vorstellung davon, mit wem man es beim Wacken Open Air zu tun habe. „Da ist der Anwalt und der Lehrer genau wie der Typ aus dem Piercingstudio und der Handwerker. Das war eine angenehme Überraschung. Es gibt also überhaupt keinen Grund, dort nicht noch einmal hinzufahren“, bilanziert Milberg.

Plötzlich stößt er einen Schrei aus: „Uuuuaaaaahhhh, eeeyey!“ Doch es geht ihm gut, sehr sogar. Milberg nähert sich lediglich dem Phänomen Heavy Metal an: „Das Schreien ist ja oft keine Melodie, die du nachsingen kannst, aber es ist natürlich unheimlich befreiend. Emotional, wie man als Schauspieler nun einmal ist, kann man das gut nachempfinden. Man ist ausgeglichener, wenn man gebrüllt hat, das hängt bestimmt zusammen.“

Umgekehrt habe es in Wacken ganz viele „Tatort“- und Borowski-Fans gegeben, führt Ayse Polat an: „Wir haben den Dreh immer wieder unterbrochen, weil ständig Leute kamen, die nach Borowski riefen.“ Axel Milberg schmunzelt: „,Borowski, du geile Sau!‘, rief erst jemand. Und dann wurden es immer mehr.“

Selbstmord, Drogentod, Kriminalität – die Texte, gerade bei den amerikanischen Bands, seien zum Teil schon sehr hart, und einige Biografien der Musiker, die er zur Vorbereitung auf den Film gelesen hatte, seien es auch, sagt Milberg: „Das muss man auch nicht verniedlichen. Aber vor Ort herrschte vor allem eine Atmosphäre der Toleranz.“

Die Vielschichtigkeit von Heavy Metal habe sie überrascht, gibt Ayse Polat zu. „Das geht ja von Melodic und Symphonic Metal bis zu Black und Death Metal“, sagt die Regisseurin, deren eigener Musikgeschmack „von HipHop über Jazz bis Klassik“ reicht. „Aber auch Motörhead, das ist ganz großartige Musik. Ich hab Axel übrigens gefragt: Was hört denn eigentlich Borowski...?“

Und? Axel Milberg zögert, bevor er antwortet: „Die Redaktion hätte Borowski gern nach dem Motto gehabt: Cordanzug, Rotwein – oder wahlweise Whisky – und an einsamen Abenden legt er Jazzplatten auf. Aber das sah ich anders. Das war mir zu retro und zu ,schon woanders gesehen‘.“

Überdies würden ja nicht nur die Kommissare Musik hören, sondern auch die Mörder. „Nehmen wir zum Beispiel Anthony Hopkins in ‚Das Schweigen der Lämmer‘“, sagt Axel Milberg. „Die Szene, in der er seine Bewacher umbringt, während im Hintergrund die Goldberg-Variationen von Bach laufen, zeigt die mangelnde Empathie des pathologischen Serientäters, dessen Puls beim Akt des Tötens nicht beschleunigt.“ In guten Filmen sei die Musik wie eine Figur: „Sie kann hinter dem Täter stehen oder hinter dem Ermittler. Und sie kann trösten und von einer Welt berichten, in der es Liebe gibt und Harmonie und in der wir in Einklang mit der Natur leben. Diese Musik gibt es, etwa bei Gustav Mahler.“

Milberg, der Klassik-Kenner. „Ich bin mit Klassik aufgewachsen, hatte Klavierunterricht und spiele heute noch, wenn auch selten, einfache Sachen. Klavierkonzerte von Rachmaninow, von Chopin, das sind Stücke, die mich durch mein Leben begleiten“, schwärmt er. Wobei Klassik nicht den klassischen Komponisten vorbehalten sei: „,A Whiter Shade Of Pale‘ fängt mit Bach-Akkorden an, auch David Bowie hat immer wieder Anklänge von klassischer Musik.“ Darum sei die Frage nach der Lieblingsmusik schwierig, so Milberg: „Jeder ernstzunehmende Musiker wird sagen, es gibt gute und schlechte Musik. Und an gute Musik kannst du immer andocken, weil du bewegt bist.“

Weg von der Musik, zurück zum Schauplatz des Krimis – Wacken. „Für mich war es wichtig, dass wir vor Ort sind“, stellt Ayse Polat klar. „Es wäre günstiger gewesen, vor dem Greenscreen zu drehen und Axel und die Komparsen in die Szene hineinzuprojizieren. Aber vor Ort ist einfach eine andere Stimmung und eine ganz andere Energie.“ Axel Milberg spinnt den Faden weiter: „Und die Geschichte deckt am Ende auf, dass die Gefahr nicht unbedingt dort ist, wo es laut ist und mit den Ketten gerasselt wird. Unerfüllte Sehnsüchte und Einsamkeit bereiten ein Verbrechen eher vor als die Massenhysterie.“

Hinter der Dorfidylle und dem gemütlichen Leben tun sich die Abgründe auf, das spiegele sich in der Geschichte wider, verrät Ayse Polat: „Die Frage ist, was passiert, wenn man nach dem absoluten Glück strebt? Wie weit geht man?“ Das aus verschiedenen Perspektiven zu zeigen, sei spannend gewesen: „Auf dem Dorf ist die Kontrolle größer und damit auch der Zwang zur Anpassung. Wenn man kontrolliert wird, fühlt man sich beobachtet. Und wenn man sich beobachtet fühlt, versucht man, ein gutes Bild von sich abzugeben.“

Es gehe darum, nicht anzuecken und ein Teil des Ganzen zu sein. „Auf diese Weise überträgt man die Sehnsüchte der anderen auch auf sich und strebt danach“, so Polat. Das sei auf dem Dorf offenkundiger als in der Anonymität der Großstadt: „Und es ist eine große Anstrengung, die Künstlichkeit erzeugt und schließlich in Gewalt münden kann.“

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