Folgen des Klimawandel auf die Nordsee  Wo sollen wir hin, wenn das Meer steigt?

| | 24.11.2023 13:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Spaziergängerin läuft bei stürmischem Wetter am Strand von Norderney. Foto: Bartels/dpa
Eine Spaziergängerin läuft bei stürmischem Wetter am Strand von Norderney. Foto: Bartels/dpa
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Die Nordsee steigt, nicht nur bei Flut, sondern auch grundsätzlich. Der Meeresspiegel wird durch die Erderwärmung künftig höher sein. Doch was heißt das für die Küstenbewohner?

Geesthacht/Küste - Das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie hat kürzlich angekündigt, sich künftig auch mit dem Monitoring des Meeresspiegels zu befassen. Das sei „eine wichtige Grundlage für einen zukunftsorientierten Küstenschutz, aber auch für die Bestimmung der Meerestiefe und damit für die Sicherheit der Schifffahrt oder den Ausbau der Offshore-Windenergie“, erklärte der Präsident des Bundesamtes, Dr. Paul Becker, während einer Pressekonferenz Mitte November in Berlin. Als Erstes wollen die Geodäten sich die Ostsee vornehmen. Die Nordsee kommt später.

Die beiden Meere vor der deutschen Küste haben natürlich auch andere im Blick. Das Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht zum Beispiel und hier besonders das Norddeutsche Küsten- und Klimabüro. Dr. Insa Meinke leitet dieses Büro und kann schon jetzt viel sagen zum Meeresspiegel der Nordsee, wie er sich verändert, und was künftig auf uns zukommt. Denn gemessen wird schon seit vielen Jahrzehnten anhand von Pegeln.

Dr. Insa Meinke leitet das Norddeutsche Küsten- und Klimabüro beim Helmholtz-Zentrum Hereon. Foto: Meinke
Dr. Insa Meinke leitet das Norddeutsche Küsten- und Klimabüro beim Helmholtz-Zentrum Hereon. Foto: Meinke

Frau Dr. Meinke, Sie haben die Messpegel im Blick – wie sieht es denn mit dem Anstieg in der Nordsee vor unserer Haustür aus?

Insa Meinke: Insgesamt ist der Meeresspiegel in der Deutschen Bucht in den vergangenen 100 Jahren zwischen 15 und 20 Zentimeter gestiegen. Vor Norderney sind es 15, vor Cuxhaven 20.

Wieso gibt es Unterschiede?

Meinke: Das hängt mit der Ausrichtung der Küste zusammen. Die mittlere Windrichtung spielt eine Rolle, ebenso die Strömungen.

15 Zentimeter in 100 Jahren, da könnten die Ostfriesen ja beruhigt auf die nächsten 100 Jahre gucken. Aber so einfach ist das nicht, oder?

Meinke: Stimmt. Wenn es so weiterginge wie bisher, hätten wir keine großen Sorgen. Aber die Szenarien sagen eben etwas anderes. Global haben wir eine Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs. In der Deutschen Bucht können wir das bisher nicht erkennen, aber wir müssen natürlich damit rechnen, dass sich das bei uns auch so einstellt. Wenn der Treibhausgasausstoß weiterhin so hoch bleibt wie bisher, dann kann der Meeresspiegel bei uns bis zu 1,20 Meter bis zum Ende des Jahrhunderts ansteigen. Und das wäre schon ziemlich hoch.

In der Tat. Das wäre sehr viel mehr Wasser vor den Deichen.

Meinke: Nicht nur das. Zusätzlich werden wir mehr Regen im Winter haben. In Norddeutschland haben wir jetzt schon eine Zunahme des Winterniederschlags, die bei etwa zehn Prozent liegt. Das Ganze kann sich noch verstärken bis Ende des Jahrhunderts. Es können also bis 45 Prozent sein, die es an der Nordseeküste im Winter mehr regnet. Das ist viel. Die Marschen müssen durch die Eindeichung künstlich entwässert werden. Das heißt, Sie haben Siele und Pumpen. Wenn aber gleichzeitig der Meeresspiegel steigt, dann werden die Zeiten, in denen man entwässern kann, immer kürzer. Und zwar drastisch. Wenn der Meeresspiegelanstieg wirklich so hoch ist, dann wird das auch binnenländisch ein Problem werden mit den Wassermassen.

Sollen wir vielleicht lieber umziehen? Passen wir alle in den Harz?

Meinke: Nein, das sollen wir nicht! Bevor Rückzug in ganz Norddeutschland notwendig wird, haben wir noch so viele Optionen. Wir müssen uns allerdings von der Einstellung verabschieden: Wir haben den Deich und deswegen müssen wir nichts machen. Das wird sich künftig ändern. Da müssen wir uns ein bisschen bewegen. Es gibt wirklich fantasievolle Optionen, wie man mit dieser Veränderung umgehen kann. Die Niederländer machen das ja vor, dass man zum Beispiel in Poldern auch wohnt. Das ist dort attraktiv. Das hängt auch mit veränderten Bauweisen zusammen. Und eben ganz stark damit, dass man im Kopf beweglicher wird.

Man kann hier also wohnen, auch wenn das Wasser kommt?

Meinke: Ja. Und das wird uns auch noch nicht in den nächsten Jahrzehnten ereilen. Man muss es nur jetzt schon andenken, damit auch die über-über-übernächste Generation hier noch leben kann.

So weit zu denken, ist für den Menschen ja gar nicht so einfach.

Meinke: Das ist in der Tat ein Problem. Aber es ist nötig, so weit vorauszudenken. Es ist genauso falsch, zu sagen: Egal, wir ignorieren das alles und machen jetzt einfach nichts, oder zu sagen: Wir verfallen jetzt in Panik, evakuieren Norddeutschland und ziehen in den Harz. Wichtig ist aber dies: Wir müssen wissen, dass etwas passiert, wogegen wir in ferner Zukunft gewappnet sein müssen. Wir müssen im Kopf behalten, dass es hier nicht für die Ewigkeit so bleibt.

Ein drastischer Hilferuf von den Malediven: Im Oktober 2009 hielt der damalige Staatspräsident Nasheed mit seinen Regierungskollegen eine Unterwasserkabinettssitzung ab. Der Klimawandel bedroht das Insel-Paradies. Foto: Maledives Presidency/dpa
Ein drastischer Hilferuf von den Malediven: Im Oktober 2009 hielt der damalige Staatspräsident Nasheed mit seinen Regierungskollegen eine Unterwasserkabinettssitzung ab. Der Klimawandel bedroht das Insel-Paradies. Foto: Maledives Presidency/dpa

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