Neumünster  Warum sind Männer gewalttätiger als Frauen? Das sagt ein Männlichkeitsforscher

Joshua Hirschfeld
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Von Joshua Hirschfeld
| 24.11.2023 15:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Fabian Lamp hat an der Fachhochschule Kiel die Professur für Theorien der Sozialen Arbeit und Gender Studies inne. Foto: Joshua Hirschfeld
Fabian Lamp hat an der Fachhochschule Kiel die Professur für Theorien der Sozialen Arbeit und Gender Studies inne. Foto: Joshua Hirschfeld
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Professor Fabian Lamp forscht zu Männern und Männlichkeit. Ein Gespräch über Frauenschläger, toxische Männlichkeit – und die Bedeutung von Sportvereinen.

Am Sonnabend, 25. November, ist Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. In Deutschland wird jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt. Fabian Lamp, Professor für Theorien der Sozialen Arbeit und Gender Studies an der Fachhochschule Kiel, ist überzeugt: Die Ursache dafür ist auch in einem toxischen Bild von Männlichkeit zu suchen.

Frage: Herr Lamp, können Sie für sich ausschließen, dass Sie jemals eine Frau schlagen werden?

Antwort: Ausschließen? Das ist eine interessante Frage. Ich denke schon, ja!

Frage: Nun würden wohl auch nur die wenigsten bei dem Begriff „Frauenschläger” an einen Hochschul-Professor denken. Wie sieht er denn aus, der typische Frauenschläger?

Antwort: Das lässt sich so genau gar nicht sagen. Es gibt nicht den einen Typus, bei dem man sagen könnte, der hat ein bestimmtes Aussehen, der hat einen bestimmten Beruf, der kommt aus einer bestimmten Schicht. Es geht leider quer durch die Gesellschaft.

Frage: Und doch sind es vor allem Männer, die gewalttätig werden. Woran liegt das?

Antwort: Das hat verschiedene Ursachen. Unter anderem hat es mit einem bestimmten Bild von Männlichkeit und fehlenden alternativen Bewältigungsmechanismen zu tun. Es scheint eine gesellschaftlich akzeptierte Tatsache zu sein, dass Männlichkeit und Gewalt etwas miteinander zu tun haben. Das sehen wir in den Medien, in Filmen, überall. Wir sehen ein Männlichkeitsbild, das sagt, dass Männer eine gewisse Kontrolle haben sollten, dass sie Dominanz ausüben sollen. Das hat auch etwas mit einem Gefühl von Selbstwirksamkeit zu tun. Ich fühle mich nur dann selbstwirksam, wenn ich Kontrolle über die Dinge habe, wenn ich dominiere.

Frage: Und daraus entsteht Gewalt?

Antwort: Wenn Frauen sich gegen diese Kontrolle wehren, sich nicht dominieren lassen, dann pikst das die persönliche Vorstellung von Männlichkeit – es entsteht das Gefühl, ich muss mich zur Wehr setzen. Das ist ein häufiges Muster von gewalttätigen Männern: „Ich habe mich nur zur Wehr gesetzt und dann die Kontrolle verloren.“ Nicht selten wird die Tat sogar bereut, aber es folgt keine Verantwortungsübernahme in dem Sinne, dass die Täter an ihrem Verhalten arbeiten. So entsteht ein Gewaltkreislauf, in dem die Männer wiederholt zuschlagen.

Frage: Nun findet ja durchaus ein Bewusstseinswandel statt. Dass Männer Schwäche zeigen, auch mal weinen dürfen, ist doch keinesfalls mehr so verpönt wie es vielleicht vor 20, 30, 40 Jahren war. Trotzdem geht die Gewalt gegen Frauen nicht zurück. Wie passt das zusammen?

Antwort: Eine mögliche Erklärung wäre, dass das Dunkelfeld kleiner geworden ist. Dass also durch das wachsende Bewusstsein mehr Gewalttaten auch tatsächlich zur Anzeige gebracht werden.

Frage: Wie bringen wir denn Jungen dazu, das vermeintlich „richtige” Männlichkeitsbild zu verinnerlichen – gerade, wenn sie zu Hause etwas völlig anderes vorgelebt bekommen?

Antwort: Es wäre total verkürzt zu denken, man könnte den Jungen in der Kita oder der Schule etwas erzählen und sie übernehmen das einfach eins zu eins. Eine Möglichkeit bietet aber die Jungenarbeit. Dabei geht es im Kern darum, dass die Jungen über verlässliche persönliche Beziehungen einüben, wie ein gutes Jungensein und eine balancierte Männlichkeit eigentlich geht. Es geht darum, dass die Jungen ihre Emotionen kennenlernen, sie benennen, reflektieren und gewaltfreie Handlungsalternativen entwickeln können.

Frage: Das klingt ziemlich abstrakt. Wie genau sieht Jungenarbeit in der Praxis aus? Wie kommen Jungen in Kontakt mit den entsprechenden Pädagogen?

Antwort: Da gibt es verschiedene Wege. Das niedrigschwelligste wäre, wenn Väter sich mit ihrem Bild von Männlichkeit und ihren Verhaltensweisen auseinandersetzten. Wenn Lehrerinnen und Lehrer geschulter wären und „typisch“ jungenhaftes Verhalten in der Schule pädagogisch aufnehmen könnten. Aber ich sehe ein, dass ihre Kernaufgabe der Unterricht ist. Dann haben wir die Schulsozialarbeit, die leider chronisch unterfinanziert ist. Wir haben häufig nur eine Stelle für eine ganze Schule. Dann wäre da die Ganztagsschule. Hier sehen wir aber viele Quereinsteiger und weniger pädagogische Fachkräfte. Und dann gibt es aus meiner Sicht noch das dicke Brett Sportvereine.

Frage: Sportvereine?

Antwort: Nehmen wir zum Beispiel den Fußball. Genau da haben wir es doch: Die Jungs sollen aggressiv sein, sie sollen erfolgreich sein – müssen auf der anderen Seite aber auch einüben, was passiert, wenn sie das Spiel verlieren. Da müssten Trainer so fit sein, dass sie mit den Jungen genau so etwas thematisieren: mit Niederlagen und den eigenen Emotionen umgehen. Natürlich ist das eine große Herausforderung. Nicht zuletzt, weil sicherlich auch der ein oder andere Trainer selbst mit seiner eigenen unreflektierten Männlichkeit da reingeht.

Frage: Und wenn wir auf die Erwachsenen schauen? Wir erreichen wir die?

Antwort: Das Thema Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das uns als gesamte Gesellschaft beschäftigen muss. Wir müssen über alltäglichen Sexismus sprechen, über die Objektifizierung und Abwertung von Frauen. Und da müssen insbesondere wir Männer ins Gespräch gehen, Position beziehen und das zum Thema machen. Zum Beispiel: Lasse ich in WhatsApp-Gruppen sexistische Bilder unkommentiert stehen? Oder spreche ich das auch mal an? Es geht nicht darum, etwas zu verbieten oder jemanden zu canceln. Es geht darum, die Männer auch mal bei der Ehre zu packen und zu sagen: Fällt uns denn nichts besseres ein als sexistische Witze?

Frage: Sind wir da auf einem guten Weg?

Antwort: Zum Teil. Wir sehen eine radikale Gruppe von Frauenfeinden, die sich gerade in den sozialen Medien Verhör verschafft, aber das ist eine verhältnismäßig kleine Gruppe. Dann haben wir eine kleine Gruppe, die sich aktiv einsetzt und sagt, ich möchte eine veränderte Vaterschaft, eine veränderte Männlichkeit. Und dann gibt es ganz, ganz viele Männer, die kassieren die patriarchale Dividende, die halten einfach den Schnabel und sagen sich, na ja, insgesamt gereicht mir das System ja nicht zum Schaden. Genau in dieser Gruppe sehe ich Potenzial. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Die Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht. 

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