Osnabrück  Von Schmökern und Scharteken: Alte Wörter für richtig dicke Bücher

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 01.12.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
So ein richtig dickes Buch weckt die Leselust. Foto: imago stock&people
So ein richtig dickes Buch weckt die Leselust. Foto: imago stock&people
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Scharteke, Schwarte, Schmöker: Dicke Bücher haben viele Spitznamen, zärtliche und grobe. Ein kleiner sprachlicher Streifzug durch das Wortfeld, das immer eines meint - die Lust am richtig dicken Buch.

Als ich neulich in meiner Scharteke blätterte: Nein, in seinem „Wort zum Sonntag“ blättert Otto Waalkes 1977 in seiner „Musikbox“ und meint sein Gesangbuch. Mit dem Wort Scharteke hätte sein Sketch nicht funktioniert, wenngleich so ein ausgefranstes Gesangbuch für böse Zungen auch eine Scharteke sein kann. Gläubige Menschen sehen das Gesangbuch eher als Schmöker für schwere Stunden des Lebens. Ein Bestseller ist es allemal.

Gleichviel. In Zeiten schlanker Tablets und leichter E-Reader halte ich dem dicken Buch unverbrüchliche Treue. Es gutes Buch mag, nein, es muss schwer sein, um etwas zu gelten. Ob „Krieg und Frieden“ oder „Moby Dick“, der „Mann ohne Eigenschaften“ oder der „Zauberberg“ – die Marke von 1000 Seiten bildet jene Grenzlinie, die das Buch vom Wälzer trennt.

Aufschlussreich genug, dass die wirklich sinnlichen Synonyme für das Wort Buch den voluminösen Exemplaren gelten. Weg mit Band und Bestseller, Werk oder Opus. Das Buch beansprucht sein Dasein als Objekt von eigener Sinnlichkeit. Wer Bücher liest, der berührt und riecht, hält und blättert sie. Bücher beanspruchen den scharfen Verstand und das mitfühlende Herz ihrer Leser, aber auch ihre geschickten, sensiblen Hände.

Das Wort Scharteke verdankt sich wohl einer verballhornenden Eindeutschung der französischen Vokabel charte. Im 19. Jahrhundert galt das Wort allem, was man für alt und unwert hielt. Sogar ältere Damen, peinlich genug das auszusprechen, konnten gemeint sein. Heute geht es bei diesem Wort nur noch um das alte Buch, zumindest für jene, die den Begriff noch kennen.

Da liegt im Vergleich der Wälzer oder Wackerstein für das dicke Buch noch näher. Der Schmöker umso mehr, als es zu diesem Substantiv obendrein ein Verb gibt. Ich schmökere auch für mein Leben gern, vertiefe mich gerade in die umfangreichen Bücher, begebe mich auf die Marathonstrecke ihrer endlos vielen Seiten.

So ein Schmöker ist ein richtig guter Freund. Man kann ihn auch Schwarte, Schinken oder Klopper nennen. Das dicke Buch verzeiht alles – außer nachlassender Leselust. Und so dick ist auch die Scharteke nicht mehr, wenn man auf Dünndruck-Ausgaben zurückgreift. Dann liegen auch 1000 Seiten gut in der Hand.

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