Osnabrück  Eine andere Weltkarte der Kunst: Bielefeld zeigt Frontfrauen der Malerei

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 30.11.2023 16:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Kuratorinnen Christina Végh und Laura Rehme vor Helen Frankenthalers Gemälde „April Mood“ von 1974. Foto: Stefan Lüddemann
Die Kuratorinnen Christina Végh und Laura Rehme vor Helen Frankenthalers Gemälde „April Mood“ von 1974. Foto: Stefan Lüddemann
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Helen Frankenthaler war schon zu Lebzeiten ein Star. Hedwig Thun war es nicht. Die Kunsthalle Bielefeld bringt sie jetzt auf einer neuen Weltkarte der Kunst zusammen. Auf ihr dominieren die Frauen.

Eigentlich heißt sie Corine. Aber die Künstlerin nennt sich trotzig Michael West. Der maskulin klingende Name macht den Unterschied. Prompt findet Kunstkritiker Clement Greenberg auch ihre Bilder gut. Greenberg ist in der Kunstwelt New Yorks der fünfziger und sechziger Jahre eine Macht. Er bestimmt über Karrieren. Frauen haben da eigentlich kaum eine Chance. Corine West greift zu einer kleinen List.

Was nach einer Fußnote der jüngeren Kunstgeschichte klingt, wirft ein Schlaglicht auf jene Seite der Kunstproduktion, die allzu lange im Schatten lag – die der Frauen. Seit Jahren fällt neues Licht auf jene Künstlerinnen, die nach 1945 die Kunst ihrer männlichen Kollegen mehr als nur flankierten, sondern um eigenständige Lesarten erweiterten. Die Kunsthalle Bielefeld schlägt jetzt das nächste Kapitel dieses Trends auf.

Helen Frankenthaler, Joan Mitchell und Lee Krasner leuchteten schon zu Lebzeiten als Frontfrauen des abstrakten Expressionismus. Die meist großformatigen, starkfarbigen Bilder galten in der Zeit der Konfrontation der Weltmächte nach dem Zweiten Weltkrieg als Fanale des freien Westens. Stars wie Barnett Newman, Jackson Pollock oder Mark Rothko dominierten über Jahre das Kunstgeschehen. Abstraktion galt als Weltspreche, als neues Esperanto der Bilder.

Diese Blockbildung löst sich in der Bielefelder Ausstellung „Aktion, Geste, Farbe“ jetzt in eine erstaunlich weit gefächerte Weltkarte der künstlerischen Positionen auf. Am Ende hält nur noch die Zugehörigkeit zu einer Generation dieses Portfolio denkbar vielgestaltiger Positionen zusammen. Für das Projekt haben drei Häuser ihre Möglichkeiten gebündelt: die Whitechapel Gallery in London, die Fondation Vincent van Gogh in Arles und eben das Bielefelder Museum.

Laura Rehme und Christina Végh geben der Schau mit rund 120 Bildern ein eigenes Gepräge, indem sie den weiblichen Stars aus Amerika jene Künstlerinnen an die Seite stellen, die in Deutschland eine Kunstrichtung vorantrieben, die in der Rückschau vor allem männlich geprägt zu sein scheint: das Informel. Wer kennt noch Sarah Schumann oder Hedwig Thun? Die Kuratorinnen haben tief in der Kunstgeschichte gegraben, um Bilder ans Licht zu holen, die auf ewig ins Depot verbannt zu sein schienen.

Auch ohne diese Namen quillt die Namensliste der Präsentation über vor überraschenden Entdeckungen. Ob die aus dem Iran stammende Behjat Sadr, die Palästinenserin Maliheh Afnan, Sarah Grilo aus Buenos Aires oder Wook kyung Choi aus Korea – jede dieser Positionen lohnt weitere und ausführlichere Entdeckungen. Die Bielefelder Schau wird weitere, einzelnen Künstlerinnen gewidmete Präsentationen anregen. Das ist jetzt schon sicher.

Dabei stellen die Kuratorinnen die Künstlerinnen nicht als marginalisiert dar, sondern kehren ihre Aktivität in die Sichtbarkeit. Eine interaktive Weltkarte der Kunst macht klar, wie mobil diese Künstlerinnen bereits in jener Zeit waren, die ausschließlich von Künstlern dominiert zu sein schien. Malerinnen haben sich selbstbewusst an aktuellen Trends orientiert und ihre Wege in eine unabhängige Karriere gesucht. Eine ermutigende Botschaft.

So fügen sich auch in den Räumen der Kunsthalle selbst die meist großformatigen Gemälde zu einem Ensemble voller Energie und Sensibilität. Dabei dominieren Malerinnen wie Helen Frankenthaler, Elaine de Kooning oder Joan Mitchell mit ihren ebenso überlegen disponierten wie gestisch bewegten Bildern. Ihre Kunst wird nicht ohne Grund in den letzten Jahren vermehrt wiederentdeckt und neu bewertet.

Instruktive Blicke gelten prominenten Künstlerinnen, die mit ungewohnten Bildern neu entdeckt werden können. Da sind abstrakte Kompositionen von Maria Lassnig, die später mit ihren Bildern grotesk verdrehter Körper berühmt und eine Größe der internationalen Kunstszene wurde. Und wer hätte gewusst, dass Marta Minujín zu Beginn ihrer Karriere abstrakt malte. Später schwenkte sie zu großen Installationen um. Ihr auf dem Friedrichsplatz in Kassel installiertes „Parthenon of Books“ gab der Documenta 14 von 2017 das prägende Signet.

Die Kuratorinnen reihen nicht einfach nur Bilder auf, sie geben ihnen an sieben Stationen auch Videoaufnahmen von Performances von Künstlerinnen wie Carolee Schneemann und Hannah Wilke bei. Die Querverbindung der Genres macht klar, in welchem Maß auch die Malerei jener Zeit auf den menschlichen Körper und sein Ausdrucksverlangen verweist. In Bielefeld explodiert diese Energie gerade wieder. Allein das macht „Aktion, Geste, Farbe“ zur aufregenden Entdeckung. Die eine oder andere Qualitätsschwankung gehört zu einer Gruppenschau dieser Spannweite dazu.

Kunsthalle Bielefeld: Aktion, Geste, Farbe. Künstlerinnen und Abstraktion weltweit 1940 – 1970. 2. Dezember 2023 bis 3. März 2024.  

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