Hamburg  Tag des Ehrenamts: Die unbezahlten Ausbügler staatlichen Versagens

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 05.12.2023 10:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
60.000 Menschen engagieren sich bei den mehr als 970 Tafeln deutschlandweit. Was wäre, wenn sie morgen damit aufhören würden? Foto: dpa/Carsten Koall
60.000 Menschen engagieren sich bei den mehr als 970 Tafeln deutschlandweit. Was wäre, wenn sie morgen damit aufhören würden? Foto: dpa/Carsten Koall
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29 Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich. Ihr Einsatz ist eine wichtige Säule unserer Gesellschaft. Eine Schande, wie selbstverständlich er angesehen wird – und dass der Staat damit kalkuliert.

Sie retten Menschen aus brennenden Häusern und reißenden Strömungen, verteilen Kleidung und Lebensmittel an Bedürftige, begleiten benachteiligte Kinder beim Lernen und alleinstehende Alte beim Sterben oder machen das Land als Kommunalpolitiker zukunftsfähig: All diese Aufgaben werden in Deutschland in weiten Teilen von Ehrenamtlichen übernommen. Rund 29 Millionen Menschen engagieren sich laut dem Bundesinnenministerium in Deutschland ohne Bezahlung für unsere Sicherheit, für Chancengleichheit und unsere Demokratie. Ohne sie wäre das Leben in Deutschland schlechter, gefährlicher und einsamer – und das ist ein Problem.

Denn obwohl kein Zweifel am Engagement der Millionen Freiwilligen besteht, die unsere Gesellschaft zusammen- und voranbringen, so besteht weder Planungssicherheit noch Rechtsanspruch darauf, dass sie dies tun. Ehrenamtliches Engagement ist eine selbstgewählte Verpflichtung, die zusätzlich zu Familie, Job und Haushalt geschultert werden muss – und im Zweifelsfall diejenige ist, der man sich am leichtesten wieder entledigen kann, wenn man es denn muss. Die unbezahlte Fürsorgearbeit für die Gesellschaft als eine Art altruistisches Beamtentum einzuplanen, mag für den Staat bequem sein. Doch in vielen Bereichen hat er sich so weit aus der Verantwortung herausgezogen, dass es an Arbeitsverweigerung grenzt.

Das wohl beschämendste Beispiel hierfür sind die Tafeln. Sie versorgen inzwischen nach eigenen Angaben rund zwei Millionen Menschen: Rentner am Existenzminimum, Alleinerziehende, Bürgergeld-Empfänger. Dass in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt so viele Menschen um immer weniger Spenden konkurrieren müssen, ist schon eine Schande. Die Nachfrage ist enorm, die Not größer als die Scham, auf Spenden angewiesen zu sein. 60.000 Freiwillige verbringen ihre Freizeit damit, Supermärkte abzuklappern und Lebensmittel zu verteilen, um eine Not zu lindern, die es in einem reichen Land wie Deutschland nicht geben sollte: Hunger.

Noch deutlicher wird die deutsche Abhängigkeit von ehrenamtlichen Strukturen am Beispiel Feuerwehr. So kommen auf gerade mal 111 Berufs- und 754 Werksfeuerwehren ganze 23.977 Freiwillige Feuerwehren. Oder anders ausgedrückt: Wenn Sie in Not geraten, wird es einer der 1,015 Millionen freiwilliger Feuerwehrleute sein, der Ihnen hilft. Bei der Berufsfeuerwehr arbeiten rund 36.000 Lebensretter. Dass sich auch viele junge Menschen bei den Freiwilligen Feuerwehren engagieren, ist ein Glücksfall. Wo sich nicht genügend Freiwillige für den Dienst am Schlauch melden, um den Brandschutz zu gewährleisten, müssen Gemeinden Bürger dazu verpflichten, wie es 2019 im schleswig-holsteinischen Grömitz passiert ist. Immer mehr echte Einsätze, etwa in Folge von Extremwetterlagen, fordern die Feuerwehrleute genauso wie die steigende Anzahl an Fake-Meldungen – und zum Dank werden die Einsatzkräfte attackiert. Respekt, wer sich trotzdem engagiert.

Auch im Bereich Integration müssen Ehrenamtliche ausgleichen, was die Politik nicht hinbekommt: So sind sich zwar alle einig, dass ein schneller Spracherwerb ein wichtiger Schlüssel für die Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt ist. Doch wer keinen Aufenthaltstitel hat, bekommt auch keinen Integrationskurs – und selbst wer Anspruch auf einen Sprachkurs hat, muss lange auf einen Platz in den überfüllten Kursen warten. Dass ehrenamtliche Deutschlehrer versuchen, diese Lücke zu überbrücken, ist mehr als ehrenhaft – viel besser wäre es jedoch, wenn der Staat mit ausreichend ausgebildeten Fachkräften ein entsprechendes Angebot ausbaut, wie es seine Aufgabe ist.

Es tut mir leid, aber ein Staat darf sich nicht darauf verlassen, dass selbstlose Ehrenamtliche seine Aufgaben übernehmen. Ehrenamtliches Engagement ist der Kit unserer Gesellschaft; die Freiwilligen aber nicht die altruistische Notfalleinsatztruppe, damit die Regierung Geld für Hauptamtliche sparen kann.

Dass ehrenamtliches Engagement unerlässlich ist für Deutschland, hat auch die Bundesregierung erkannt. Spätestens Ende 2024 soll die neue Engagementstrategie verabschiedet werden, die die Rahmenbedingungen für Engagierte verbessern und den Weg ins Ehrenamt niedrigschwelliger gestalten soll. Bis dahin ist genug Zeit, 29 Millionen Mal „Danke“ zu sagen.

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