Seenotrettung  Italien setzt Rettungsschiff mit Leeraner Kapitän fest

| | 06.12.2023 14:33 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Crew-Mitglieder des Rettungsschiffes „Humanity 1“ der Organisation SOS Humanity retten Menschen aus einem überfüllten Boot. Foto: Arez Ghaderi/„SOS Humanity“/dpa
Crew-Mitglieder des Rettungsschiffes „Humanity 1“ der Organisation SOS Humanity retten Menschen aus einem überfüllten Boot. Foto: Arez Ghaderi/„SOS Humanity“/dpa
Artikel teilen:

Der Leeraner Kapitän Joachim Ebeling ist an Bord des Rettungsschiffes „Humanity 1“. Die Crew hat etwa 200 Bootsmigranten aus dem Mittelmeer gerettet. Das hat jetzt drastische Konsequenzen.

Crotone/Leer - Was sich gerade wieder auf dem Mittelmeer vor der Küste Libyens abspielt, will sich Joachim Ebeling lieber nicht vorstellen. Der Leeraner Kapitän sitzt mit dem Rettungsschiff „Humanity 1“ in Italien fest. Dabei wollte er längst schon wieder auf See sein. Menschen retten. Das haben er und die Crew der Organisation SOS Humanity auch am 2. Dezember getan. An dem Tag haben sie bei mehreren Einsätzen insgesamt 200 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. „Darunter waren auch Frauen, einige waren schwanger, und Kinder. Das jüngste war ein 15 Tage altes Baby“, erzählt Ebeling. Viele Menschen hätten bereits im Wasser getrieben. „Die haben sich an Autoreifen geklammert.“ Manche der Schiffbrüchigen hätten aber auch schon den Kopf unter Wasser gehabt. „Das war ein sehr harter, emotionaler Einsatz für uns als Retter“, sagt Ebeling. Man habe aber alle Menschen noch lebend an Bord holen und in den italienischen Hafen Crotone bringen können.

Was wirft Italien den Rettern vor?

Nach diesem Einsatz wurde das Rettungsschiff von den italienischen Behörden aus dem Verkehr gezogen. Die Blockade gilt demnach für 20 Tage, zudem wurde eine Geldstrafe verhängt. Die Behörden werfen der Organisation demnach vor, bei einem dieser Rettungseinsätze die Anweisungen der zuständigen libyschen Küstenwache zum Verlassen des Gebiets ignoriert zu haben. Bei dem Einsatz konnten 46 Menschen, die laut Ebeling bereits im Wasser trieben, gerettet werden. Die italienischen Behörden behaupten laut der Organisation SOS Humanity allerdings, die Crew sei dafür verantwortlich, dass die Bootsmigranten vor der libyschen Küstenwache geflohen und ins Wasser gesprungen seien. SOS Humanity bestreitet die Vorwürfe und kündigte an, dagegen klagen zu wollen. Von der italienischen Küstenwache gab es zunächst keine offiziellen Informationen dazu.

Joachim Ebeling. Foto: Orietta/Scardinox/Imago
Joachim Ebeling. Foto: Orietta/Scardinox/Imago

Drohen dem Leeraner Kapitän persönliche Konsequenzen?

„Die Stimmung bei uns an Bord ist natürlich sehr gedrückt. Wir wären lieber auf dem Mittelmeer und würden Menschen retten, als hier festzusitzen“, sagt Ebeling. Er werde auf jeden Fall weiter an Bord bleiben, sein Einsatz ist bis Anfang Januar geplant. „Ich persönlich habe von den italienischen Behörden bisher keine Anklage bekommen. Unsere Anwälte klären aber, ob auch gegen mich persönlich noch ermittelt wird“, sagt Ebeling. Er soll Anweisungen der libyschen Rettungsleitstelle und Funksprüche der libyschen Küstenwache ignoriert haben, in denen er aufgefordert worden sein soll, das Gebiet zu verlassen. „De facto habe ich keine Anweisungen vom libyschen Patrouillenboot erhalten. Im Gegenteil, ich habe versucht, sowohl die libysche Rettungsleitstelle per E-Mail und Telefon als auch das libysche Patrouillenboot per Funk zu kontaktieren, ohne eine Antwort zu erhalten“, betont Ebeling. Dies gehe zudem auch aus dem E-Mail- und Funkverkehr hervor. „Ich konnte also auch nichts befolgen, was mir gar nicht angeordnet worden war.“

An Bord der „Humanity 1“ werden die geretteten Bootsflüchtlinge versorgt. Foto: SOS Humanity/ Maria Giulia Trombini
An Bord der „Humanity 1“ werden die geretteten Bootsflüchtlinge versorgt. Foto: SOS Humanity/ Maria Giulia Trombini

Wie soll es jetzt mit dem Schiff weitergehen?

Es seien an dem Samstag insgesamt vier Rettungen gewesen. „Bereits 20 Minuten vor unserer Ankunft wurden wir in diesem Fall per Funk darüber informiert, dass sich mehr als 40 Menschen im Wasser befinden“, so Ebeling. Die Meldung sei vom zivilen Aufklärungsflugzeug „Seabird 1“ gekommen. „Die libysche Küstenwache hat keinerlei Anstrengung unternommen, um die Menschen zu retten“, sagt Ebeling.

Der Kapitän hofft jetzt, dass er mit dem Rettungsschiff zumindest den italienischen Hafen wechseln und nach Syrakus auf Sizilien fahren darf. „Dort hat unsere Organisation die ganze Logistik und wird könnten das Schiff auf die nächsten Einsätze vorbereiten“, so Ebeling. Ab dem 23. Dezember dürfe man ja wieder auslaufen, dann seien die 20 Tage Zwangspause rum. „Wir haben ein Schiff, eine Crew, wir könnten sofort auslaufen und Menschenleben retten. Stattdessen legt man uns an die Kette“, ärgert sich der Leeraner.

An Bord der „Humanity 1“ ist derzeit der Leeraner Joachim Ebeling Kapitän. Foto: imago/Marcello Valeri
An Bord der „Humanity 1“ ist derzeit der Leeraner Joachim Ebeling Kapitän. Foto: imago/Marcello Valeri

Leeraner Kapitän wurde schon mal festgesetzt

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Ebeling mit einem Rettungsschiff in Italien festgesetzt wird. Schon im Oktober 2020 musste der Leeraner, damals noch Kapitän für die deutsche Hilfsorganisation Sea-Eye, mit der „“Alan Kurdi“ – das Schiff wurde nach dem toten Flüchtlingsjungen aus Syrien benannt, dessen Leiche 2015 am Strand der griechischen Insel Kos angespült worden war – im Hafen bleiben. Damals waren er und seine Crew unter Quarantäne gestellt worden – Verdacht auf Corona. „Obwohl die Tests negativ waren“, sagt Ebeling, der bereits seit 2017 als Kapitän auf Rettungsschiffen für verschiedene Hilfsorganisationen unterwegs ist. Vorher fuhr er auf großen Frachtern über die Weltmeere. „Ich habe damals in der Presse über die Rettungseinsätze gelesen und fand das eine gute Sache“, sagt Ebeling. Auch seine Frau und seine Tochter unterstützten sein Engagement. „Es gibt einfach eine Verpflichtung zur Seenotrettung. Man kann doch keine Menschen ertrinken lassen“, ist der Leeraner überzeugt, und kritisiert: „Europa schafft sich tödliche Außengrenzen.“

Die Seenotretter von der „Humanity 1“ reichen den Bootsflüchtlingen Rettungswesten. Die meisten Migranten können nicht schwimmen. Foto: SOS Humanity/Max Cavallar
Die Seenotretter von der „Humanity 1“ reichen den Bootsflüchtlingen Rettungswesten. Die meisten Migranten können nicht schwimmen. Foto: SOS Humanity/Max Cavallar

Das Mittelmeer wird zum Massengrab

In diesem Jahr sind bis Anfang Oktober mindestens 2468 Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer gestorben. Das Mittelmeer entwickelt sich zum Massengrab: Seit dem Jahr 2014 sind rund 28.217 Geflüchtete im Mittelmeer ertrunken.

Das UNHCR schätzt, dass mehr als 102.000 Flüchtlinge und Migranten aus Tunesien und mehr als 45.000 aus Libyen versuchten, zwischen Januar und August 2023 über das Mittelmeer zu gelangen. Die Mehrzahl der Menschen, die es in den Süden Europas schafften, kam in Italien an – mehr als 130.000. Zivile Seenotretter sind der Rechtsregierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni auch deshalb ein Dorn im Auge. Mit einem Gesetz, das bei angeblichen Verstößen Festsetzungen und Geldstrafen vorsieht, hat sie das Vorgehen gegen sie verschärft. Das bekommt jetzt auch die deutsche Organisation SOS Humanity zu spüren.

Was droht Seenotrettern in Deutschland?

Mit maroden Holzbooten machen sich die Flüchtlinge auf den Weg über das Mittelmeer. Viele geraten in Seenot. Foto: SOS Humanity/Max Hirzel
Mit maroden Holzbooten machen sich die Flüchtlinge auf den Weg über das Mittelmeer. Viele geraten in Seenot. Foto: SOS Humanity/Max Hirzel

Doch mit der Kriminalität von Schleppern habe man „überhaupt nichts zu tun – wir versuchen, Leben zu retten“, betont Ebeling. Doch dass man sich künftig mit den Rettungseinsätzen auf dem Mittelmeer auch in Deutschland strafbar machen könnte, sorgt auch bei dem Kapitän und der Crew für Verunsicherung. Grund ist der Paragraf 96 des Aufenthaltsgesetzes, der das Einschleusen von Ausländern regelt. Demnach könnte auch Seenotrettung mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. Gemeinsam haben mehrere Hilfsorganisationen, darunter auch SOS Humanity und Sea Watch, eine Online-Petition auf der Petitionsplattform WeAct der Bürgerbewegung Campact zum Stopp des neuen Gesetzes gestartet.

Ähnliche Artikel