Osnabrück  Wer Bildung belächelt, macht den PISA-Schock zur Normalität

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 09.12.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
PISA-Studie: Die Ergebnisse der Schulstudie sind so schlecht wie lange nicht mehr. Foto: IMAGO/Sven Simon
PISA-Studie: Die Ergebnisse der Schulstudie sind so schlecht wie lange nicht mehr. Foto: IMAGO/Sven Simon
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PISA-Schock? Weiter im Text. Die schlechten Ergebnisse der neuen Schulstudie werden in Deutschland wohl wieder nichts ändern. Dabei würde ein Mentalitätswandel helfen.

„PISA? Boah, ey, was is‘n das, Digga?“ Glücklich, wer so entspannt auf die aktuellen Ergebnisse der PISA-Studie schaut, die eigentlich die alten sind. Der PISA-Schock ist seit 2001 sprichwörtlich. Jetzt gibt es ihn noch einmal. Ob das etwas ändern wird? Ich bin skeptisch.

Zugleich macht mich dieser Zustand wütend. Denn hinter den Zahlen des PISA-Tests stehen Menschen und ihre Biografien. Die Zahlen dokumentieren Leistungsstände. Aber vor allem verweisen sie auf ungenutzte Chancen. Wer beim Lernen hinten ist, verpasst meist auch im Leben den Anschluss.

Ich freue mich nicht auf die Talkrunden, die das Thema in den nächsten Wochen in vertrauter Weise zerreden werden. Die PISA-Mühle der Schuldebatte, sie dreht sich seit zwei Jahrzehnten. Das Ergebnis ist so ernüchternd wie der Zustand der Deutschen Bahn.

Ob es jetzt die nächste Zeitenwende braucht oder einen neuen Ruck, der durch dieses Land gehen soll – die Wortwahl ist mir gleichgültig. Bildung neu schätzen und nicht immer weiter demontieren: Wir wäre es denn damit? Der PISA-Erfolg der Zukunft beginnt mit dem Mentalitätswechsel heute.

Dafür müsste Bildung wieder im Mittelpunkt stehen, nicht als Standesattitüde, sondern als echtes Interesse. Mehr lesen, mehr wissen wollen, mehr in den eigenen Gesichtskreis bringen – das müsste trendy sein und nicht das Gegenteil.

Sind wir Deutschen noch Dichter und Denker oder demnächst nur noch Daddler und Deppen? Schulplaner werfen Goethes „Faust“ aus dem Lehrplan. Rundfunkleute streichen gerade die Kulturprogramme zusammen. Immer weniger Menschen kaufen Bücher. Lust auf Lesen? Lieber Bock auf Konsum.

Das klingt kulturkritisch. Ich weiß. Aber auch andere Zahlen als die der PISA-Studie alarmieren. Was die allgemeine Lesekompetenz angeht, bewegt sich unsere Gesellschaft wieder auf den Stand des 19. Jahrhunderts zu, wie der Osnabrücker Bildungsforscher Christian Dawidowski herausgefunden hat. Wissen, Kompetenzen? All das erlebt offenbar gerade die kollektive Kernschmelze.

Bildung ist kein hübsches Accessoire. Bildung entscheidet nicht nur über Chancen am Arbeitsmarkt. Bildung macht das Leben schöner, weil reicher. Lesefähigkeit ist dafür zentral. Wer hilft mit, dass das Lesen wieder eine Leidenschaft wird? Nicht das Lesen auf dem Display, sondern das Lesen der Bücher?

Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich möchte nur erleben, dass wir Bildung wieder hochhalten, anstatt sie zu belächeln. Damit es in Jahren nicht wieder heißt: „PISA? Boah, ey, was is‘n das, Digga?“

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