Parodontitis kann aufs Herz gehen Bei unterfinanzierten Zahnarzt-Leistungen droht mehr als Zahnausfall
Beim Zahnärzte-Protest, auch in Ostfriesland, geht es um mehr als Honorare. Wenn die Parodontitis-Behandlung unterfinanziert ist, drohen Herzinfarkte und Schlaganfälle. Das Landes-Gesundheitsministerium ist in Sorge.
Ostfriesland/Hannover/Berlin - „In Deutschland hatten 48 Prozent der jüngeren Erwachsenen (35 bis 44 Jahre) eine milde, 8 Prozent eine schwere Parodontitis, während bei den jüngeren Senioren (65 bis 74 Jahre) 45 Prozent von einer milden und 20 Prozent von einer schweren Parodontitis betroffen waren.“
Diese Zahlen aus dem Jahr 2014 nannte das Bundesamt für Gesundheit im Januar 2023 in einem „Faktenblatt“. Das Thema der Behörde: „Parodontitis als Risikofaktor für die Allgemeingesundheit“. Demnach droht nicht nur Zahnverlust: „Parodontitis erhöht das Risiko für Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Rheumatische Arthritis.“
Deshalb wurde die Parodontitis-Behandlung kürzlich verbessert
Auch andere Fachleute warnen: „Parodontitis ist eine sehr weit verbreitete entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates, die meisten Erwachsenen leiden im Laufe ihres Lebens einmal oder sogar chronisch daran.“ Das erklärte der „Gemeinsame Bundesausschuss“ der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem „Spitzenverband Bund der Krankenkassen“ vor drei Jahren.
Damals verkündete das Gremium einen Beschluss, mit dem es das Leistungsangebot zur Behandlung von Zahnfleischentzündungen (Parodontitis) von gesetzlich Krankenversicherten ausweitete: „Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen des Zahnhalteapparates (Parodontalerkrankungen) können zukünftig von einer systematischen Diagnostik und Behandlung profitieren.“
So viele Menschen leiden unter einer Parodontitis
Bei der Parodontitis handle es sich um eine durch Bakterien hervorgerufene Entzündung, erklärte der Bundesausschuss: „Ohne Behandlung nehmen Schwere und Ausmaß zu. Es kommt zu einem Abbauprozess im Zahn, genauer am Wurzelzement, und am Kieferknochen, an der Stelle, wo der Zahn mit der Wurzel gehalten wird. Die Zähne lockern sich, die Zahnstellung kann sich verändern, sogar ein Zahnverlust droht. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland gut 53 Prozent der 35- bis 44-Jährigen an einer mittelschweren Parodontitis.“
Der Gemeinsame Bundesausschuss erläuterte: „Ziel ist es, entzündliche Veränderungen zum Abklingen zu bringen, um ein Fortschreiten der Erkrankung und damit einen Zahnverlust zu verhindern.“ In Abhängigkeit von Stadium und Grad der Erkrankung seien verschiedene Ansätze vorgesehen: „eine antiinfektiöse Therapie, eine Antibiotikatherapie oder chirurgische Eingriffe“.
Diese Kosten verursachen Parodontitis-Behandlungen
Zahnärzte und ihre Patienten haben die neue Behandlung im Katalog der gesetzlichen Krankenversicherungen genutzt, wie aus einer Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums hervorgeht: „Von 2019 bis 2022 haben sich die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Parodontitis-Behandlungen von 528 Millionen Euro auf 1,026 Milliarden Euro [...] mehr als verdoppelt. Dieser Anstieg geht wesentlich auf die zum 1. Juli 2021 erstmals in Kraft getretene Parodontitis-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zurück.“
Unsere Redaktion hat nachgehakt: „Könnten Sie bitte zum Vergleich noch mitteilen, wie sich das Budget für zahnärztliche Leistungen in diesem Zeitraum entwickelt hat?“ Die Antwort des Ministeriums: Die Ausgaben der Krankenkassen für zahnärztliche Leistungen (ohne Zahnersatz) seien gestiegen – „nach den Rechnungsergebnissen der gesetzlichen Krankenversicherung von 2019 bis 2022 von 11,523 Milliarden Euro auf 12,876 Milliarden Euro (plus 11,74 Prozent)“. Demnach haben sich die zahnärztlichen Ausgaben der Krankenkassen um 1,353 Milliarden Euro erhöht – die darin enthaltenen Ausgaben für Parodontitis-Behandlungen um eine knappe halbe Milliarde Euro.
So könnte sich die Zahnärzte-Budgetierung für Patienten auswirken
Bis Ende 2022 wurden die Behandlungen bezahlt, wie sie angefallen sind. Zum Jahr 2023 ist dann mit dem „Gesetzliche-Krankenversicherungen-Finanzstabilisierungsgesetz“ die Budgetierung zahnärztlicher Leistungen wiedereingeführt worden. „11 von 17 Kassenzahnärztlichen Vereinigungen erwarten deutliche und nicht mit früheren Jahren vergleichbare Honorarkürzungen für ihre Mitglieder für das Abrechnungsjahr 2023“, berichtet die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) auf Anfrage unserer Redaktion.
Die Bundesvereinigung warnt: „Unter den gegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen mit den strikten Budgets könnten Budgetüberschreitungen und somit Honorarkürzungen für 2024 nur vermieden werden, wenn spätestens nach Ablauf des 1. Quartal 2024 keine neuen Parodontitis-Versorgungsfälle mehr begonnen würden, da die Mittel für die Folgeleistungen bereits in 2021 und 2022 begonnener Behandlungen gebraucht werden.“ Anders als von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) „immer wieder vorgetragen“, komme „dies unweigerlich Leistungskürzungen gleich“. Und damit komme es „zur Verschlechterung der Patientenversorgung“.
Diese Versorgungspflichten gibt es im zahnmedizinischen Bereich
Das Bundesgesundheitsministerium hält dagegen, „dass die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen (KZVen) verpflichtet sind, die vertragszahnärztliche Versorgung der Versicherten nach Gesetz, Satzung und Vertrag sicherzustellen“. Das bedeutet laut Ministerium: „Vertragszahnärztliche Behandlungen können deshalb nicht mit dem Verweis auf eine vermeintlich zu geringe Vergütung verweigert werden.“
Krankenkassen äußern sich ähnlich. Für die BKK antwortet deren Landesverband Mitte: „Die Sicherstellung einer gleichwertigen Versorgung und die Verteilung der gezahlten Kassenhonorare an die Zahnärzteschaft ist Aufgabe der KZV.“ Die niedersächsische AOK schreibt: „Die KZV Niedersachsen hat die vertragszahnärztliche Versorgung in Niedersachsen nach gesetzlichem Auftrag sicherzustellen und ist daher für die Behandlungen im notwendigen Umfang zuständig.“ Sie weist aber darauf hin: „Der Gesetzgeber hat mit dem Finanzstabilisierungsgesetz den Krankenkassen einen engen Spielraum für die Vergütung der Vertragszahnärzte vorgegeben.“
Zwischen den Gesundheitsministerien gibt es Meinungsverschiedenheiten
Bei der Budgetierung der zahnärztlichen Versorgung ist sich das SPD-geführte Landesgesundheitsministerium nicht mit dem SPD-geführten Bundesgesundheitsministerium einig: „Die Limitierung der zahnärztlichen Vergütung bei Parodontitis-Behandlungen im derzeitigen Kontext betrachten wir weiterhin kritisch.“ Leider seien diese Bedenken hinsichtlich des Finanzstabilisierungsgesetzes seitens des Bundes nicht berücksichtigt worden.
„Das Bundesministerium für Gesundheit hatte den gesetzlichen Auftrag erhalten, die Auswirkungen der Begrenzung und der damit verbundenen Leistungsansprüche der Patientinnen und Patienten anhand der zur Verfügung stehenden Daten zu prüfen“, informiert das Landesgesundheitsministerium. „Diese Evaluation wird derzeit in unserem Hause gesichtet und weitergehende Schritte geprüft.“
Diese Konsequenzen zeigt das Landesgesundheitsministerium auf
Bereits im September hatte das Landesministerium auf Anfrage unserer Redaktion mitgeteilt: „Sofern die Evaluation ergibt, dass notwendige Finanzmittel für die Behandlung der Parodontitis nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen und in der Folge negative Auswirkungen für die Patientinnen und Patienten drohen, ist aus Sicht des Landes Niedersachsen eine Herausnahme der Parodontitis-Therapie aus der Budgetierung unumgänglich.“
Damals wies das Ministerium in Hannover noch darauf hin: „Es wäre nicht zuträglich, wenn wir wegen mangelnder Prävention und Behandlung mittelfristig ein gesellschaftliches ,Zahnfleisch-Problem’ bekommen würden. Das hätte Folgeerkrankungen und damit auch Folgekosten als Konsequenz.“
Kommen manche Patienten in Zukunft auf dem Zahnfleisch daher?
Das Bundesforschungsministerium informiert im Internet über Parodontitis: „Sie wird durch Gifte aus dem Stoffwechsel von Bakterien verursacht und ist einer der Hauptgründe dafür, dass Menschen über 40 Jahre heutzutage ihre Zähne verlieren.“ Ziel einer Parodontitisbehandlung sei es, „alle bakteriellen Verunreinigungen aus der Zahnfleischtasche zu entfernen und dabei das Zahnfleisch sowie die gesunde Zahnsubstanz so wenig wie möglich zu schädigen.“
Professor Dr. Thomas Kocher von der Uni Greifswald informiert in seinem Bericht auf der Ministeriumsseite, dass Zahnausfall „nicht die einzige Folge der Parodontitis“ sei: „Sie begünstigt auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöht das Risiko für Frühgeburten.“
Ostfriesische Zahnärzte protestierten gegen finanzielle Einschränkung
Bereits im September haben sich ostfriesische Zahnärzte an Protesten gegen die Budgetierung damit gegen die finanzielle Begrenzung ihrer Leistungen beteiligt. „Wir stehen vor einer schwierigen Zukunft durch immer mehr Regularien und Restriktionen in der zahnmedizinischen Versorgung und die Politik moderiert lediglich den bestehenden finanziellen Mangel im System“, sagte damals Dr. Stephan Gebelein. Er ist Zahnarzt in Wittmund und Vorsitzender der Bezirksgruppe Ostfriesland des „Freien Verbandes deutscher Zahnärzte“ (FVDZ).
„Neueste Behandlungsmethoden sollten den Patienten zu Gute kommen“, forderte Dr. Dr. Wolfgang Triebe als FVDZ-Mitglied. Der Auricher Zahnarzt ist aber auch Vorsitzender der Verwaltungsstelle Ostfriesland der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KZVN). Triebe ergänzte bezüglich der neuen Behandlungsmethoden: „Diese erfordern erhöhte finanzielle Mittel.“ Diese würden „mit Inkrafttreten des Finanzstabilisierungsgesetzes nicht zur Verfügung gestellt und die zahnärztliche Kollegenschaft muss mit drastischen rückwirkenden Kürzungen rechnen“.
Was haben die Zahnärzte mit ihrem Protest bisher erreicht?
Solche Kürzungen sind zwischenzeitlich konkret geworden: Unsere Redaktion hat von einer ostfriesischen Zahnarztpraxis gehört, dass sie fürs erste Quartal des laufenden Jahres 14.000 Euro zurückzahlen soll. Und eine andere hat berichtet, dass sich die Rückforderung afu mehr als 21.000 Euro belaufe.
Die Aktionen der Zahnärzte im September sind offenbar politisch verpufft. „Seit der zahnärztlichen Protestkundgebung hat sich politisch nichts bewegt“, berichtet die Zahnärztekammer Niedersachsen auf Anfrage unserer Redaktion. „Dabei sind die Folgen dieser Politik für Praxen und Patienten inzwischen landesweit noch deutlicher zu spüren. Einige Praxen geraten durch Honorareinbehalte und drohende Rückzahlungen in finanzielle Schwierigkeiten und sind gezwungen, den Leistungsumfang anzupassen.“ Bei der Parodontitisbehandlung verzeichne die KZBV „schon jetzt für das Jahr 2023 zurückgehende Neubehandlungsfälle bei gleichbleibender hoher Krankheitslast in der Bevölkerung“.
Ministerium warnt vor „gesellschaftlichem ,Zahnfleisch-Problem‘“
AOK, BKK, IKK – „Gesetzlich Versicherte zweiter Klasse“ bei Zahnärzten
Bundespolitik gefährdet Zahnarztversorgung – Existenzgründer berichtet
Ostfriesische Zahnärzte schließen Praxen