Krefeld  Über 1400 Partien als Spieler und Trainer: Das Geburtstagsinterview mit Friedhelm Funkel

Stephan Esser
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Von Stephan Esser
| 07.12.2023 17:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Funkel 2021 als Trainer des 1. FC Köln. Im Geburtstagsinterview zieht er BIlanz. Foto: www.imago-images.de
Funkel 2021 als Trainer des 1. FC Köln. Im Geburtstagsinterview zieht er BIlanz. Foto: www.imago-images.de
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Treffen in einem Krefelder Tennisclub. Friedhelm Funkel ist pünktlich da, er macht einen frischen Eindruck. Über seinen 70. zu reden, bereitet dem Fußball-Bundesliga-Denkmal keinerlei Probleme. Kein Zweifel: Es liegt auch noch was vor Friedhelm Funkel.

Frage: Herr Funkel, Sie werden 70 Jahre alt. Was heißt das für Sie?

Antwort: Friedhelm Funkel: Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich jetzt 70 werde, weil ich uneingeschränkt das machen kann, was das Leben lebenswert macht. Ob das Sport ist, Reisen, mit den Enkelkindern toben. Ich werde nur an mein Alter erinnert, wenn man darüber spricht oder wenn jetzt der Geburtstag ist. Ansonsten spielt das Alter überhaupt keine Rolle. Weil ich auch das große Glück habe, so weit ich das beurteilen kann, gesund zu sein.

Frage: Sport ist Lebensqualität?

Antwort: Funkel: Für mich unbedingt. Ich habe mein ganzes Leben Sport gemacht, ich laufe zweimal die Woche eine Runde von 45 Minuten, gehe zweimal die Woche zur Muskelkräftigung, fahre auf dem Ergometer. Alles aber altersgerecht, ich mache nicht mehr so viel, wie vor 20 Jahren. Das mache ich so lange es geht. Mir und meinem Körper tut das gut. Ich habe auch gelernt, mich in Geduld zu üben, weniger ehrgeizig zu sein. Das konnte ich früher nicht so gut.

Frage: Sie feiern gerne. Wird es laut oder eher leise am 10. Dezember.

Antwort: Funkel: Ich feiere nicht. Ich bin über den Geburtstag mit meiner Frau für drei Wochen auf Fuerteventura. Ich weiß, dass einige Freunde zum Geburtstag nach Fuerteventura kommen. Wenn Du hier nicht feierst, kommen wir zu Dir, haben sie gesagt. Das freut mich natürlich.

Frage: Lassen Sie uns nach Neuss gehen – wo und wie alles begann. Wie hat es angefangen?

Antwort: Funkel: Wir waren auf der Straße, haben auf Kellerfenster, durch die früher Kohle gekippt wurde, auf dem Bürgersteig mit einem Tennisball gespielt. Mit zehn habe ich erstmals im Verein gespielt, VfR 06 Neuss. Das war der Heimatverein, wir haben ja in Neuss gelebt, mein Vater hatte dort auch gespielt. Ab der B-Jugend hat man sehen können, dass ich nicht ganz so untalentiert war, obwohl ich nie in einer Jugend-Auswahlmannschaft gespielt habe. In der A-Jugend kam dann noch mal ein Entwicklungsschub. Ich habe neben dem Fußball meine Lehre als Großhandelskaufmann bei Elektro Becker gemacht. Der Inhaber war Präsident, als mein Vater gespielt hat. Er hat mir dann alle Freiheiten gegeben, Beruf und Fußball verbinden zu können.

Frage: Wie ging es weiter?

Antwort: Funkel: Ich habe erste Einsätze in der ersten Mannschaft gehabt, wir sind dann abgestiegen. Ich bin noch ein Jahr dort geblieben. Bayer Uerdingen ist dann auf mich zugekommen. Als wir im letzten Spiel der Abstiegssaison Bayer Zuhause 6:1 besiegt haben, habe ich sehr, sehr gut gespielt. 1973 im Sommer bin ich dann mit 19 Jahren zum FC Bayer Uerdingen gegangen.

Frage: Wer hat Sie entdeckt, gefördert?

Antwort: Funkel: In Uerdingen war das Trainer Klaus Quinkert, in Neuss Horst Hoeft. Er war Spieler der ersten Mannschaft und trainierte die A-Jugend. Er war sehr jung 25, 26 Jahre, war Lehrer, konnte sehr gut kommunizieren, begeistern. Er hat damals schon gesagt: Friedhelm, aus Dir wird mal ein Bundesligaspieler.

Frage: Welche Wahrnehmung hatten Sie denn von Ihrem eigenen Können, von einer möglichen Karriere im Profifußball?

Antwort: Funkel: Das war immer ein Traum von mir, Profi zu werden. Wirklich geglaubt habe ich daran nicht. Deshalb habe ich ja auch wie ein Besessener trainiert. Das schaffen zu wollen, hat mich angetrieben. Ich bin immer sehr viel gelaufen, das war meine große Stärke. Deshalb hatte ich im Training auch mitunter Stress als junger Spieler. Die Älteren sagten dann: Heute mal nicht ganz so viel. Aber ich wollte spielen, war der Jüngste. Ich war kein uneingeschränkter Stammspieler, hatte dann aber doch viele Einsätze. Im Entscheidungsspiel um den Bundesliga-Aufstieg 1974/75 habe ich in Pirmasens beim 4:4 auf der Bank gesessen. Zwei Tage vor dem Rückspiel kam Trainer Quinkert zu mir und sagte: „Friedhelm zu spielst. Du hast nur eine einzige Aufgabe. Du spielst in Manndeckung gegen Dieter Weinkauff.“ Der hatte im Hinspiel zwei Tore gemacht. Wir habenn 6:0 gewonnen und sind in die Bundesliga aufgestiegen.

Frage: Sie gelten als Ausbund an Solidität – wollten Sie dieses Image?

Antwort: Funkel: Das Image habe ich nie angestrebt. Es scheint aber in meinem Naturell zu liegen.

Frage: Wie ist es dazu gekommen?

Antwort: Funkel: Ich hatte lange kein großes Selbstvertrauen. Erst als ich zum zweiten Mal beim FC Bayer Uerdingen war mit 30 Jahren fühlte ich mich als gestandener Bundesligaspieler. Die drei Jahre in Kaiserslautern waren da sehr prägend. Hans-Peter Briegel, Hannes Bongartz, Ronny Hellström waren da – eine Topmannschaft. Trainer Kalli Feldkamp hat gleich gesagt: Du spielst bei mir, du bist ein Mannschaftsspieler, läufst viel. Das hat mir Vertrauen in die eigenen Stärken gegeben.

Frage: Sie waren so gut wie nie verletzt. Ist das auch ein Geheimnis Ihres Erfolgs?

Antwort: Funkel: Ich habe tatsächlich wenig aussetzen müssen, hatte in Kaiserslautern nur eine schwere Verletzung. Die Achillessehne war es damals. Ich konnte nicht schmerzfrei spielen, war bei Professor Klümper in Freiburg, wo alle hingerannt sind. Der hat eine Spritzenkur gemacht, die Schmerzen waren zuerst weg, kamen aber wieder. Am Ende habe ich mich operieren lassen, die Sehne hing am seidenen Faden, wurde geflickt, ich war acht Monate raus, hatte aber nie mehr Beschwerde daran.

Frage: Vervollständigen Sie doch bitte die Aufzählung: Otto Rehhagel, Jupp Heynckes, Felix Magath und...

Antwort: Funkel: . . . Friedhelm Funkel.

Frage: Das sind die Spieler- und Trainerikonen der Bundesliga. Ein Kind der Bundesliga zu sein, ist das für Sie ein Lob, Anerkennung?

Antwort: Funkel: Absolut. Wir vier haben alle über 800 Bundesligaspiele. Mit den dreien, die Meister geworden sind und auch auf internationalem Parkett Erfolge gesammelt haben, in der Bundesliga auf einer Stufe zu stehen, das macht mich stolz. Es sind auch alles tolle Menschen. Ich habe Otto Rehhagel jetzt noch auf der Gala 60 Jahre Bundesliga getroffen. Das ist immer herzlich. Ich bin total dankbar, das alles erlebt zu haben in den vergangenen 50 Jahren.

Frage: Sie halten drei Rekorde: Rekord-Aufstiegstrainer – mit sechs Mannschaften sind Sie in die Bundesliga aufgestiegen. Sie haben die meisten Einsätze als Spieler und Trainer in der Bundesliga und 2. Liga mit über 1400 Einsätzen. Und Sie sind Uerdingens Rekordspieler mit 254 Spielen und 59 Toren. Welcher ist Ihnen der liebste?

Antwort: Funkel: Die Anzahl der Spiele von rund 1400 als Spieler und Trainer. Dafür musst du gesund bleiben und konstant gute Leistungen abliefern. Und das über 50 Jahre. Der Rekord als Aufstiegstrainer wird glaube ich nicht mehr gebrochen.

Frage: 30 Jahre haben sie in der Bundesliga und 2. Liga trainiert – davon 18 Jahre in nur vier Klubs.

Antwort: Funkel: Das hat immer damit zu tun, was Du als Trainer an Rückendeckung Deiner Vorgesetzten erlebst. Das ist ganz, ganz entscheidend. Das war in Uerdingen natürlich so, in Duisburg war das Dieter Fischdick. Er erlitt in der Pressekonferenz neben mir einen tödlichen Herzinfarkt. Als Helmut Sandrock kam, hatte der andere Vorstellungen. In Frankfurt war das Verhältnis mit Manager Heribert Bruchhagen sehr vertrauensvoll. In Köln zum Beispiel schrieb die Bild nach dem Aufstieg 2003 vor dem Bundesliga-Saisonstart: Wann fliegt Funkel? Das lag auch daran, dass wir die letzten vier Spiele verloren, nachdem der Aufstieg festgestanden hatte. In Bochum hat Präsident Werner Altegoer, als ich ihm sagte, ich muss drei Spieler suspendieren, die machen alle verrückt, das durchgezogen. Er war in der Kabine, übrigens als einziger Präsident in meiner Karriere, und sagte: „Männer, ihr könnt machen was ihr wollt, der Friedhelm wird hier Trainer bleiben. Jetzt seid ihr gefordert.“ Danach haben wir 17 Spiele nicht verloren.​

Frage: Ist Ihre Karriere mit der Bundesliga-Rettung des 1. FC Köln 2021 jetzt rund, statt mit dem Rauswurf bei der Fortuna im Januar 2020?

Antwort: Funkel: Ja, absolut. Ich habe damit jetzt meinen Seelenfrieden gemacht. Die Freistellung bei der Fortuna war 2020 ein Nackenschlag für mich. Alle anderen Freistellungen zuvor konnte ich nachvollziehen. Wir hatten Benito Raman und Dodi Lukébakio, die an 28 Tore beteiligt waren, verloren. Es war klar, dass das zweite Jahr deutlich schwerer werden würde. Einen Tag vor der Freistellung bin ich in Düsseldorf zum Trainer des Jahres gekürt worden. Die Freistellung hat mich bis ins Mark getroffen. Es war das schlimmste Gefühl in all den Jahren. Ich habe lange gebraucht, das zu verarbeiten, war über ein Jahr nicht bei der Fortuna im Stadion.​​

Frage: Sie hatten nie einen Manager – nicht als Spieler, nicht als Trainer. Wussten sie so früh Bescheid, was und wie es läuft in der Branche?

Antwort: Funkel: Hatte ich nie, tatsächlich. Ich bin ja mit der Bundesliga groß geworden, habe alles miterlebt. Ich hätte mit einem Berater sicher viel, viel mehr Geld verdienen können, aber ich war immer zufrieden. Bei zwei, drei Vertragsgesprächen, vor allem als Trainer bei Freistellungen, hab ich den Anwalt Christoph Schickhardt dabei gehabt. Auch als Gladbach mich 1999 haben wollte, ich aber vom MSV Duisburg keine Freigabe bekommen habe. Das war in der Zeit nach Rainer Bonhof, als sie dann Hans Meyer als Trainer geholt haben.​

Frage: Freunde im Fußball – gibt es die überhaupt?

Antwort: Funkel: Richtige Freunde im Fußball findet man ganz, ganz selten. Ein gutes freundschaftliches Verhältnis, das gibt es, aber auch nicht so viele. Aus den ganzen Jahren bei mir kann ich Paul Hahn nennen, Rudi Bommer, Rouven Hennings, Alex Meier, Christoph Dabrowski aus Bochumer Zeiten, Dietmar Klinger.​​

Frage: Erinnern Sie sich an wirklich besondere Begegnung, die einen auch Jahre später noch beeindruckt zurück lassen?​

Antwort: Funkel: Ich erinnere mich an eine Situation immer wieder: In Frankfurt gab es eine sportlich schwierige Phase, wir spielten mittwochs gegen Karlsruhe, am Samstag in Cottbus. Die drei Teams waren auf den letzten Plätzen in der Bundesliga. Manager Heribert Bruchhagen kam zu mir, sagte: Friedhelm, der Druck wird immer größer. Das besprechen wir nur unter uns, wenn wir die beiden Spiele verlieren sollten, bitte ich dich, von dir aus zurückzutreten. Gegen Karlsruhe haben wir gut gespielt, in der 86. Minute macht Maik Franz das 1:0 für den KSC. Das Stadion tobte: Funkel raus. Benny Köhler machte das 1:1 in der 88. Minute, in der Nachspielzeit erzielte Ioannis Amanatidis das 2:1. Ich gehe direkt in die Kabine, Sekunden später kommt Bruchhagen rein, wir umarmen uns und haben beide geheult. Keiner hat ein Wort gesagt, aber wir wussten beide, was dieser Moment bedeutet. Das war mit der emotionalste Moment in meiner Karriere. In Cottbus haben wir zur Halbzeit 0:2 zurückgelegen – und haben 3:2 gewonnen.​

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