Havarie in der Nordsee So erlebten die Seenotretter die Suche nach den Schiffbrüchigen der „Verity“
Zwei Frachtschiffe waren am 24. Oktober 2023 in der Nordsee kollidiert, eines von ihnen sank. Stundenlang wurde nach Schiffbrüchigen gesucht. So erlebten die Seenotretter den Einsatz.
Borkum - Erst Stunden nachdem die Frachter „Polesie“ und „Verity“ am 24. Oktober in der Nordsee kollidiert waren, erhielt die Besatzung des Seenotrettungskreuzers „Hamburg“ ihre Einsatzmeldung. „Um 11 Uhr wurden wir angerufen“, erinnert sich Tilman Hellberg. „Ihr seid die nachrückende Einheit“, habe man ihm gesagt.Ein Tag an Bord bei den Seenotrettern auf Borkum
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Zu diesem Zeitpunkt waren schon Dutzende Helfer im Einsatz. In den frühen Morgenstunden, etwa gegen 5 Uhr, waren die beiden Frachter 12 Seemeilen (22 Kilometer) südwestlich der Insel Helgoland und 17 Seemeilen (31 Kilometer) nordöstlich der Insel Langeoog zusammengestoßen. Eines der beiden Schiffe – die „Verity“ – war nach der Kollision gesunken. Weil am Mittag noch immer Seeleute als vermisst galten, rückte Hellberg mit seiner Besatzung zur Unglückstelle aus.
Bis Mitternacht war die Besatzung der „Hamburg“ im Einsatz
„Von 15 Uhr bis Mitternacht haben wir nach den Vermissten gesucht“, sagt Hellberg, der als Vormann an dem Tag den Seenotrettungskreuzer gesteuert hatte. „Es ist anstrengend, wenn man nachts bei schlechtem Wetter fährt“, sagt Hellbergs Kollege Willm Wilms. Zwei Seenotretter seien draußen an den Scheinwerfern positioniert gewesen. Gesichert sind die Besatzungsmitglieder bei Arbeit in stürmischer See über eine Lifeline, also eine Rettungsleine, die in eine Schiene am Schiff eingehängt wird. „Wir waren zu sechst, bei so einem Einsatz kann man nicht genug Leute dabei haben“, sagt Willms. Normalerweise sind vier Seenotretter auf der „Hamburg“ im Dienst. Das Schiff ist im Schutzhafen der Insel Borkum stationiert. Für den Einsatz am 24. Oktober wurden zwei freiwillige Retter von der Insel hinzugezogen.
„Wir haben bis zum Schluss Trümmerteile gefunden“, sagt Hellberg ruhig. „Man darf sich nicht der Illusion hingeben, alle retten zu können“, beschreibt Willms die Kehrseite des Berufs. Mit mehr als 20 Schiffen, Hubschraubern und einem Flugzeug wurde nach den Schiffbrüchigen gesucht – bei schwierigen Witterungsbedingungen. Zeitweise herrschten starke Winde (6 Beaufort), ein Wellengang von zwei bis drei Metern und schlechte Sicht. Die 22-köpfige Besatzung der „Polesie“ überlebte die Havarie. Zwei Seeleute der „Verity“ konnten gerettet werden. Fünf starben bei dem Unglück. Vier davon sind noch immer vermisst.
Die stundenlange Suche blieb für die Besatzung der „Hamburg“ am 24. Oktober erfolglos. Sie konnten keinen der Schiffbrüchigen der „Verity“ finden. Von diesen Schicksalen habe er sich während des Einsatzes nicht mitreißen lassen, sagt Willms. Die Stimmung während der Suche nahm der Seenotretter als „ruhig, sachlich und konzentriert“ wahr. „Da kommen keine Emotionen, da macht man seinen Job“, sagt der 58-Jährige abgeklärt. „Aber hinterher schnacken wir miteinander, da geht keiner alleine in die Koje.“ Die Seenotretter erhielten außerdem seelische Unterstützung nach Einsätzen. Das Angebot habe sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt.