Berlin Wim Wenders über Alkohol, Drogen und toxische Männlichkeit am Set
Seit sechs Jahrzehnten macht Wim Wenders Filme. Im Interview spricht er über Macht- und Geschlechterverhältnisse am Set. Und er schildert, wie ein Fall toxischer Männlichkeit ihn selbst an seine Grenzen brachte. Eine Begegnung zum Start von „Perfect Days“.
Wim Wenders‘ neuer Film spielt buchstäblich auf der Toilette. „Perfect Days“ erzählt von einem Tokioter Kloputzer, dem in der denkbar banalsten Beschäftigung der Sinn des Daseins aufscheint. Im Interview spricht der 78-jährige Regisseur über den Verlust des Gemeinsinns, über Alkohol, Koks und die Kunst und über einen Fall von toxischer Männlichkeit am eigenen Set.
Frage: Herr Wenders, Ihr neuer Spielfilm „Perfect Days“ handelt von einem Kloputzer. Schauplatz sind Japans öffentliche Toiletten. Sagen Klosetts etwas über die Kultur eines Landes aus?
Antwort: Wenn ich neue Orte kennengelernt habe, bin ich nie gezielt auf Toiletten gegangen. Mein Indikator waren immer die Friedhöfe. Die sehen in jedem Land anders aus, haben eine andere Kultur, andere Grabsteine, werden anders bewirtschaftet und genutzt. Auf dem Friedhof sieht man, wie die Menschen in diesem Land ticken. In Japan zum Beispiel wird auf Friedhöfen auch gefeiert; man macht dort auch Picknicks. Inzwischen glaube ich aber: Die Toiletten sind noch aussagekräftiger. Hier geht’s ans Eingemachte.
Frage: Was ist in Japan denn anders?
Antwort: In Japan ist alles anders. Die japanische Kultur hat einen größeren Gemeinschaftssinn. Was Menschen gemeinsam nutzen, hat in Japan einen höheren Wert. Bei uns wird es eher missachtet. In Berlin landen die E-Scooter, die man ja gemeinsam nutzt, oft in der Gosse, im Gebüsch oder gleich im Kanal. Die Leute fahren gern damit – egal, wie doof sie darauf aussehen und wie wenig sie von Verkehrsregeln halten –, aber sobald sie absteigen, ist das Ding wertlos. Japaner achten viel mehr den potenziellen Wert für andere. Das merkt man an den Rollern, an den Toiletten, sogar an den Masken.
Wim Wenders‘ „Perfect Days“ läuft ab dem 21. Dezember 2023 im Kino –hier können Sie den Trailer ansehen:
Frage: An den Masken?
Antwort: Lange vor der Pandemie haben Japaner in der Öffentlichkeit regelmäßig Masken getragen. Als ich vor 30 Jahren mal lange Zeit in Tokio war, hat mich ein amerikanischer Freund da besucht und sich gewundert: „Haben die alle Angst, sich anzustecken?“ – „Nein, haben sie nicht“, hab ich ihm erklärt, „die sind krank und wollen einfach andere nicht infizieren.“ Für meinen Freund war das undenkbar. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man eine solche Unbequemlichkeit wie eine Maske auf sich nimmt, nur um andere zu schützen!
Frage: Die Toiletten in Ihrem Film sind aber nicht nur gepflegt, sondern richtig schön. Das kann auch in Japan nicht normal sein.
Antwort: Stimmt. Aber diese sind Teil eines sozialen Projekts, bei dem große Architekten öffentliche Toiletten gebaut haben. Das war der Ausgangspunkt unseres Films: Ich war eingeladen, mich davon inspirieren zu lassen – oder auch nicht – als Fotograf oder für eine Serie von Kurzfilmen, eben über den architektonischen und künstlerischen Aspekt der Sache. Im Mai vorigen Jahres war ich also in Tokio und hab mir alle 15 kleinen Toilettentempel angeschaut. Das war kurz nachdem die Tokioter nach einem unendlich langen Lockdown ihre Stadt wieder in Besitz genommen hatten. Alle haben auf der Straße und den öffentlichen Plätzen gefeiert. Aber hinterher war es überall picobello! Das hat mich schwer begeistert. In unseren Breitengraden ist der Sinn fürs Allgemeinwohl ein Opfer der Pandemie geworden.
Frage: Wenn der Set eine reale Toilette ist – muss man für die Crew dann trotzdem Dixi-Klos aufstellen? Oder haben Sie den Drehort pragmatisch als das genutzt, was er ist?
Antwort: Wir haben die Toiletten natürlich auch selber benutzt. Für Dixi-Klos hätten wir überhaupt keine Kapazitäten gehabt. Wir haben den Film mit kleinem Team gedreht, wie eine Doku, die Kamera immer auf der Schulter, nie mit Stativ. Es waren nur 16 Drehtage und an jedem davon haben wir bis zu 50 Einstellungen gedreht.
Frage: Das klingt nach der spontanen Arbeitsweise Ihrer Anfänge. Damals hieß es: „Papas Kino ist tot“. Stimmt das eigentlich wirklich? Zu den größten Hits gehörte zuletzt die „Fack ju Göhte”-Reihe – klassische Paukerfilme. Sogar Uschi Glas macht wieder mit.
Antwort: Papas Kino war vielleicht nur scheintot. (Wenders lacht.) Es wurde wohl immer mitgeschleppt und durch die Institutionen mitgefördert. Gleichzeitig war in Deutschland auch das Arthouse-Kino immer eine Mischform – aus Neuem und aus dem, was eben gut läuft. Deutschland fördert, was funktioniert. Anderswo ist es aber auch nicht anders. Die Franzosen machen ihr Geld mit Komödien, die kommerziell sind wie früher. Neues Kino definiert sich über Reduktion. Nouvelle Vague, Neorealismus, Neuer Deutscher Film: Erneuerungsbewegungen haben fast immer auf bescheidene Mittel gesetzt. Verändert wurde die Filmgeschichte immer von ‚kleinen Filmen‘, die sich beschränken mussten. Filme, die alles Geld der Welt haben, sind nie innovativ und bringen das Kino als Filmkunst nicht voran.
Frage: Schafft die deutsche Filmförderung Fehlanreize?
Antwort: Die Aufgabe der Filmförderung ist nicht Innovation als solche, sondern ‚Filmkultur‘ als Ganzes. Und die hatte immer schon zwei Seiten: Kino war immer schon Kunst und Industrie gleichzeitig. Förderungen liegen auch schnell daneben, wenn sie beides auf einmal wollten, die Kunst und auch den Publikumserfolg. So eine Quadratur des Kreises gelingt nur in den seltensten Fällen, wenn z.B. ein relativ kleiner Film wie „Lola rennt“ auch in den Kinos ein Renner wird.
Frage: Lesen Sie Ihre Kritiken?
Antwort: Ich lese zwar durchaus Filmkritiken, nur meine eigenen von „nicht gerne“ bis „gar nicht“. Weil die schlechten mir schnell schlechte Laune machen, finde ich es etwas töricht, mir von den guten dann gute Laune machen zu lassen. Ich bin weder ein schlechterer Filmemacher vor mir selbst, noch der Größte, je nach Kritik. Meine Frau liest und sagt mir, wenn sie findet, dass ich etwas kennen sollte. Ich sehe mich auch nicht im Fernsehen an. Mir reicht es, mich beim Rasieren im Spiegel zu sehen. Als ich selbst noch Kritiken geschrieben habe, habe ich irgendwann entschieden, nur noch über Filme zu schreiben, die ich mochte. Verrisse zu schreiben, dabei kam keine Freude auf.
Frage: Kino wird heute auch aus der Perspektive der Arbeitsplatzsicherheit wahrgenommen. Nach der MeToo-Debatte wurde bei Til Schweiger zuletzt die Frage von Wutausbrüchen diskutiert. Wo stehen Sie in der Debatte?
Antwort: Ich halte nichts von Meinungen aufgrund von ‚Hörensagen‘. Ich kann zu dem Thema nur aus eigener Erfahrung etwas beitragen: Drehen macht viel mehr Spaß, wenn Frauen paritätisch mitmachen. In den 70er Jahren bestanden Film-Teams oft fast ausschließlich aus Männern, und das brachte einfach nicht das Beste aus allen heraus, im Gegenteil, da kam schnell ein stumpfer Trott heraus. Frauen in wichtigen Positionen und ein ausgeglichenes Team, das tut einem Film gut, da ist ein lebendigerer Geist drin. Jetzt gibt es ja Gott sei Dank auch Frauen in Gewerken, die Männerdomänen waren, Kamerafrauen, Tonmeisterinnen, Beleuchterinnen, Bühnenarbeiterinnen ...
Frage: Wie ändert das die Stimmung?
Antwort: Um es mal ganz krass zu sagen: Männer unter sich haben meist keine tolle Arbeitsmoral. Da wird zu viel geschwiegen oder es werden zu viel dumme Witze gemacht. Wenn Frauen dazukommen, ändert sich die Einstellung schlagartig, in gut gemischten Teams sind alle anders drauf, wacher und beweglicher. Das ist wichtig für einen Film, wie jeder Teilnehmende sich fühlt. Wenn die Elektriker kein Interesse am Film haben, spiegelt sich das später auf der Leinwand wider. Deshalb sind mir die Bedingungen am Set immer wahnsinnig wichtig – von der Zusammensetzung der Teams bis hin zum Alkohol.
Frage: Bis zum Alkohol?
Antwort: An Filmsets spielt Alkohol oft eine Rolle, und Schauspieler sind dabei eine besonders gefährdete Berufsgruppe. Sie riskieren auch am meisten und sind oft hoch exponiert, weil sie sich selbst anders einbringen als eben andere Berufe. Es gibt Leute, die von morgens bis abends dicht sind, auch Regisseure. Und das hat Folgen. Mein großes Vorbild, mein großer Freund Nicholas Ray, der Regisseur von „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, hatte ein Alkoholproblem. Der ist in Hollywood geächtet worden, weil er gekifft und getrunken hat. Er wurde dann mein Held, weil er die letzten 20 Jahre seines Lebens trocken war. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie sehr der Alkohol der größte Feind seiner Kreativität war.
Frage: Wie ist es mit Koks?
Antwort: Koks ist Gift für jeden Film, weil es die Realitätsfähigkeit noch mehr einschränkt als Alkohol, vor allem auch die Selbsteinschätzung. Wenn nur einer kokst, wird der Film nichts, vor allem nicht, wenn es der Regisseur ist. Ich kenne nur einen einzigen schönen Film, bei dem die Leute gekokst haben: „The Last Waltz“.
Frage: Und das ist ein Konzertfilm – von der Band „The Band“.
Antwort: Ich war beim Drehen nicht dabei, aber das soll in der Hinsicht legendär gewesen sein. Ich war bei der Mischung öfter als Gast dabei. Da haben alle Beteiligten rumgekokst. Der Film ist trotzdem toll geworden und die Ausnahme von der Regel. Ansonsten kenne ich keinen Film, wo das an irgendeiner Stelle geholfen hätte. Alkohol und Koks tragen auf jeden Fall nichts Gutes zum Arbeitsklima bei.
Frage: Trinken Sie nicht?
Antwort: Ich habe ein paar Filme komplett nüchtern gemacht, aber bei den meisten trinke ich nach Drehschluss gerne einen Wein. Bei „Perfect Days“ war es dann oft Sake, aber natürlich auch erst nach Drehschluss. Die Filme, bei denen ich kein Drehbuch hatte und dann nächtelang jeweils die Szenen für den nächsten Tag geschrieben habe, die gingen nur stocknüchtern. Mit dem Trinken während der Drehzeit ist es mit französischen oder italienischen Teams ein Riesenproblem. Wenn da kein Wein oder Bier zum Mittagessen serviert wird, gibt es offene Rebellion. Aber ich muss sagen, die können dann trotzdem nach dem Lunchbreak richtig durchziehen und kriegen mehr hin als beim nüchternen Dreh am Morgen. Da muss man sich dran gewöhnen und dann bei Co-Produktionen aufpassen, dass die Teammitglieder aus Deutschland nicht nach dem Lunch und zwei Gläsern Wein schlapp machen.
Frage: Öffnen die Debatten von Machtmissbrauch an Sets jetzt gerade allen die Augen? Oder wusste man das immer? Hat man Kollegen gewarnt, so in dem Sinn: Mit dem und dem lieber nicht drehen, der trinkt.
Antwort: Es gab schon immer solche Warnungen. Aber viele dieser Schauspieler zum Beispiel haben sich gut unter Kontrolle, bis zu einem gewissen Pegel, und dann fallen sie auseinander. Mit Dennis Hopper war das zum Beispiel so. Absolut genial, und dann plötzlich ein Abgrund. Da waren es Drogen und Alkohol zusammen. Bruno Ganz und ich, wir haben ihn gemeinsam wieder auf die Beine gebracht. Lange Geschichte, aber mit einem Happy End. Schwieriger sind oft Männer, von denen man vorher gesagt bekommt: Mit dem und dem zu arbeiten ist für seine Partnerinnen nicht leicht.
Frage: An wen denken Sie da?
Antwort: William Hurt war so einer – leider. Ein begnadeter Schauspieler, aber sein eigener ärgster Feind. 1991 haben wir zusammen „Bis ans Ende der Welt“ gedreht; und es war schon nach ein paar Drehtagen die Hölle zwischen ihm und Solveig Dommartin, schließlich waren das die beiden Hauptrollen und ein Liebespaar in der Geschichte. William hielt sich für perfekt und erwartete nichts anderes als Perfektion, was Solveig nicht liefern konnte und wollte. Das wurde zu blankem Hass bei William und nackter Angst bei Solveig. Wir haben den Film nur unter absurden Arbeitsbedingungen zu Ende gebracht. Zwei Jahre später habe ich ihn zufällig auf der Straße in New York getroffen. Bevor ich ihn überhaupt begrüßen konnte, kam es schon aus ihm heraus. „Wim, ich war so ein Arschloch! Es tut mir echt leid. Verzeih mir! Und bitte, sag das auch Solveig!“ Ich darf das jetzt so sagen, weil ich ihn nur selbst zitiere. Und weil er diese Misogynie später abgelegt hat.
Frage: Was hatte er denn gemacht?
Antwort: Er war einfach irre selbstbezogen und hatte deutlich ein Problem mit Frauen. Da fühlte er sich grundsätzlich überlegen und hat das zum Ausdruck gebracht.
Frage: Was macht man als Regisseur, wenn man eine Szene mit zwei tollen Schauspielern dreht und merkt: Der eine quält die andere?
Antwort: Wir mussten oft die absurdeste Lösung wählen und die Nahaufnahmen getrennt drehen. Er hatte ein Stand-in als Anspielpartner. Und sie, Solveig Dommartin, hatte auch jemanden.
Frage: Womit der eigentliche Konflikt nicht gelöst war.
Antwort: Es stellte sich endlich eine wunderbare Hilfe in der Person von Jeanne Moreau ein, die leider erst in dem letzten langen australischen Teil dazukam. Sie hat das alles sofort durchschaut: Ich hatte mich gegen meinen amerikanischen Superstar nicht durchzusetzen können. Aber Jeanne hat ihm vor uns allen knallhart die Leviten gelesen, als Bill wieder seine stundenlangen Monologe vor dem Dreh durchziehen wollte. „Bill, du kannst jetzt hier allein sitzen bleiben und weiterquasseln. Wir anderen gehen unterdessen zum Set und drehen.“ Mir blieb der Atem stehen, so was hätte ich mich einfach nicht getraut. Jeanne schon. Und Bill blieb wie versteinert sitzen, als wir tatsächlich geschlossen den Probenraum verlassen haben. Jeanne Moreau war eine Institution. Irgendwann kam er hinterher.
Frage: Was für eine Rolle spielt sie in dem Film?
Antwort: Sie spielt seine Mutter. Das muss man natürlich dazusagen. Eben noch staucht sie ihn zusammen, und schon in der nächsten Szene ist sie ganz zärtlich mit ihm. Er ist geradezu hingeschmolzen. An diesem Tag hat William Hurt viel gelernt.
Frage: Herr Wenders, „Perfect Days“ wurde für den Auslandsoscar vorgeschlagen – und zwar von Japan. Wer kriegt in dieser Kategorie die Statue? Und: Wäre es am Ende denn trotzdem ein deutscher Erfolg?
Antwort: Beim Auslandsoscar geht die Statue an den Produzenten. In diesem Fall sind wir zu dritt: zwei Japaner und ich und würden also jeder einen bekommen. Wir haben für „Perfect Days“ schon einen Preis in Deutschland bekommen, den der Gilde deutscher Filmkunsttheater. Und da habe ich tatsächlich als deutscher Regisseur den Preis für den besten ausländischen Film bekommen. (Wenders lacht.) Das war ein Novum für mich. Bis zum Oscar ist es aber noch ein weiter Weg. Für die erste Runde werden ja viele Filme eingereicht, praktisch von jedem Film-produzierenden Land; und erstmal muss man es auf die Shortlist schaffen.
Frage: Der Oscar ist eine fragwürdige Institution – schon deshalb, weil ein Alfred Hitchcock ihn nie bekommen hat. Wäre es trotzdem die Krönung Ihres Werks?
Antwort: Immerhin wurde Hitchcock sechsmal nominiert, auch wenn er jedes Mal leer ausging. Er hat’s mit seiner stoischen Fassung getragen. Es gibt eine ganze Reihe großer Regisseure, die auch nie mit dem Oscar ausgezeichnet wurden: Stroheim, Sternberg, Preminger, Hawks, Ray. Fritz Lang wurde noch nicht mal je nominiert. Ich bin bislang dreimal nominiert worden, jeweils für einen Dokumentarfilm, und stehe somit noch recht weit unten auf der Leiter. Natürlich wär’s ’ne feine Sache, aber ‚Krönung‘ würde ich nicht sagen. Höchstens ‚Sahnehäubchen‘.