Hamburg  Constantin Schreiber bekommt Heiratsanträge von Müttern für ihre Töchter

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 09.12.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Privat gern leger: „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber. Foto: Thomas Schulze/dpa
Privat gern leger: „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber. Foto: Thomas Schulze/dpa
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„Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber über seine Suche nach dem Glück, den Druck eines Millionenpublikums und Heiratsanträge von Müttern.

Constantin Schreiber ist um vier Uhr aufgestanden – „Tagesschau“-Frühschicht fürs „Morgenmagazin“. Ein wenig müde sei er, aber sonst bester Dinge, sagt der 44-Jährige im Gespräch am Telefon. Den Journalisten und Bestsellerautor treibt die Frage um, wie Menschen und er persönlich inmitten des aktuellen Krisen-Tsunamis positiv bleiben können. Jeder, so die Erkenntnis des Glücks-Suchers, hat das auch selbst in der Hand.

Frage: Herr Schreiber, sind Sie glücklich?

Antwort: Schwierige und sehr gute Frage. Bei der Recherche für mein Buch habe ich gelernt, dass die Frage nach Glück im Grunde meint, ob man zufrieden ist. Neurowissenschaftler sagen: Glücklich sein ist immer ein momentanes Gefühl. Wenn man aber auf sein Leben sieht, ob man mit seiner Arbeit, Familie und Umgebung „glücklich“ ist, dann ist nicht Glück gemeint, sondern Zufriedenheit.

Frage: Sind Sie zufrieden?

Antwort: Grundsätzlich ja. Ich bin vor allem sehr dankbar für das, was ich habe und was ich tun kann. Das macht mich glücklich und zufrieden. Aber ich bin nicht zufrieden damit, wie der Zustand der Welt ist. Der macht mir Sorgen.

Frage: Tatsächlich bringen Sie in der „Tagesschau“ Millionen Menschen meist eher negative Nachrichten ins Haus. Machen die vielen Krisen und Katastrophen etwas mit Ihnen?

Antwort: Ja. Ich habe irgendwann gemerkt, dass angesichts der Dichte schlechter Nachrichten bei mir als Journalist der professionelle Umgang damit zu bröckeln begann. Gerade mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges. Diese schrecklichen Bilder von flüchtenden Menschen, von Zerstörung, von Tod, das hat mich bis nach Hause und in den Schlaf verfolgt. Einmal musste ich mich während einer „Tagesschau“-Sendung zusammenreißen, damit der Zuschauer mir die Betroffenheit nicht anmerkt. Das hatte ich vorher noch nie. Denn grundsätzlich bin ich ein positiver, optimistischer Mensch.

Frage: Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Antwort: Es hat mir so zu denken gegeben, dass „Glück im Unglück“ für mich ein Thema wurde, und damit war es Auslöser für mein Buch mit diesem Titel. Dabei hat mich auch die Frage beschäftigt, ob ich mich eigentlich betroffen fühlen muss, wenn es der Welt schlecht geht. Oder ob es o.k. ist zu sagen: „Ich lasse es mir heute mal gut gehen.“

Frage: Der Untertitel lautet: „Wie ich trotz schlechter Nachrichten optimistisch bleibe“. Ja, wie denn? Haben Sie Tipps für uns?

Antwort: Ja. In meinem Abendprogramm, das wir am kommenden Freitag in der Hamburger Laeiszhalle aufführen, bringen ich und meine Gäste das Thema so rüber, dass die Besucher etwas mitnehmen können für sich. Denn: Es gibt Glücks-Codes, die die Wissenschaft geknackt hat.

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Musik ist etwas, was jeden Menschen glücklich macht, egal in welchem Land.

Frage: Welche Art Musik vor allem?

Antwort: In vielen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass klassische Musik besonders glücklich macht, selbst Menschen, die diese Musik eigentlich nicht mögen. Es ist erwiesen, dass etwa Stücke von Mozart bei Zuhörern den Ausstoß von Glückshormonen erhöhen. Man hat sogar herausgefunden, dass Mozarts Sonate Nr. 10 in C-Dur eine überwiegende Zahl von Menschen ganz besonders glücklich macht. Dieses „Glückslied“ spiele ich am Klavier.

Frage: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur Musik?

Antwort: Neuerdings spiele ich wieder Klavier. Als Kind und Jugendlicher hatte ich das sehr intensiv getan, dann aber abrupt aufgehört. Als ich nun feststellte, dass mir die Nachrichten aufs Gemüt schlagen, habe ich nach 28 Jahren Pause wieder angefangen. Und ich spürte sofort einen positiven Effekt. Dieses Abschalten, dieses Inspirierende. Und ich habe gemerkt: Wir sind zwar den schlechten Nachrichten ausgeliefert, aber wir haben es selbst in der Hand, wie wir damit umgehen.

Frage: Die Schleswig-Holsteiner sind laut Umfragen die glücklichsten Deutschen. Warum wohnt das Glück im Norden?

Antwort: Eine mögliche Erklärung ist, dass Schleswig-Holstein eine wunderbare Natur hat und keine Millionenstädte. Naturlandschaften machen Menschen einfach glücklich, auch das ist erwiesen. Kein Mensch sagt: „Ich bin in der Natur unglücklich.“

Frage: „Hans im Glück“ ist glücklich, obwohl er mit einem Goldklumpen losgeht und mit leeren Händen nach Hause kommt. Ist beim Glück weniger mehr?

Antwort: Wenn die Frage ist, ob Geld glücklich macht, lautet die Antwort: jein. Arme haben es schwerer, Glück und Zufriedenheit zu empfinden. Aber: Wenn Menschen ihre Grundbedürfnisse Essen, Kleidung und Dach über dem Kopf befriedigen können, löst sich dieser Zusammenhang nahezu komplett auf. Je mehr Geld, desto glücklicher – das gilt eindeutig nicht.

Frage: Braucht die „Tagesschau“ mehr positive Nachrichten?

Antwort: Das ist eine große Frage. Man kann die Nachrichten nicht besser machen, als die Welt ist. Wir müssen abbilden, wie es ist. Man muss aber nicht 24 Stunden am Tag Nachrichten konsumieren. Besser wohl dosiert, um sich nicht runterziehen zu lassen. In der „Tagesschau“ versuchen wir inzwischen am Ende der Sendung, den Zuschauer mit einer positiven Nachricht in den Abend zu entlassen.

Frage: Früher kamen „Tagesschau“-Sprecher im Ansehen gleich hinter Chefärzten und Fußball-Bundestrainern. Wie ist es heute?

Antwort: Bei Bundestrainern hat sich das ja auch geändert (lacht). Ich glaube, dass vor allem aufgrund der sozialen Netzwerke solche Tätigkeiten und Personen heute viel nahbarer sind als früher. Andererseits spüre ich schon oft eine besondere Anerkennung, etwa von Menschen, die mich auf der Straße ansprechen.

Frage: Wie gehen Sie mit dem Druck um, live vor mehr als zehn Millionen Menschen keinen Fehler machen zu dürfen?

Antwort: Indem ich versuche, mir diesen Druck nicht zu machen. Zum Glück sind wir keine Roboter, also passieren auch mal Fehler. Mir selbst bisher zwar noch kein ganz schlimmer, aber selbst wenn: Dann ist es halt so. Susanne Daubner hat kürzlich während der Sendung herzhaft und sehr lange gelacht. Das hat ihr nicht geschadet und der „Tagesschau“ auch nicht.

Frage: Stichwort Roboter: Es gibt in China erste virtuelle Nachrichtensprecher. Brauchen wir Sie und Ihre Kollegen bald nicht mehr?

Antwort: Da hat die „Tagesschau“ eine ganz klare Haltung, der Chefredakteur sagt: „Es werden bei der ,Tagesschau’ immer echte Menschen vor der Kamera stehen.“ Am Thema KI werden wir in Zukunft nicht vorbeikommen. Damit steigt aber auch die Gefahr, dass sich gefälschte Inhalte verbreiten. Es wird also immer wichtiger, dass es unabhängige Qualitätsmedien gibt, die Fakten zusammenfassen.

Frage: Was sind die wichtigsten drei Fähigkeiten eines „Tagesschau“-Sprechers?

Antwort: (überlegt länger) Flexibilität, was den Schlafrhythmus angeht. Eine gewisse Resilienz, um mit Aufmerksamkeit umgehen zu können, vor und jenseits der Kamera. Und Teamfähigkeit.

Frage: Gehört Eitelkeit zu den Charaktermerkmalen?

Antwort: Ich weiß nicht, ob es Eitelkeit ist. Ich bin berufseitel und will, dass ich ordentlich aussehe. Abseits der Kamera bin ich aber wirklich nicht eitel, sondern eher leger-locker unterwegs, nicht so rausgeputzt. Aber ja: Freude daran, sich zu präsentieren, ist schon dabei. Sonst würde es nicht funktionieren.

Frage: Wer sucht Ihre Anzüge und Krawatten für die Sendungen aus?

Antwort: Das mach‘ ich.

Frage: Bekommen Sie Heiratsanträge von Zuschauerinnen?

Antwort: Ja (lacht). Besonders schön ist es, wenn Mütter für ihre Töchter schreiben.

Frage: Und die Kehrseite? Erleben Sie Anfeindungen?

Antwort: Online ist Kritik immer präsent, etwa bei X oder Instagram. Da kommen öfter mal Kommentare wie „Propaganda“ oder „Staatssender“. Aber im wirklichen Leben begegnet mir das so gut wie nie. Wenn Menschen mich ansprechen, dann fast immer positiv.

Frage: Im Sommer sind Sie bei einer Veranstaltung Opfer einer Tortenattacke geworden. Der Angreifer warf ihnen eine islamkritische Haltung vor. Wie gehen Sie damit um?

Antwort: Es hat mir sehr zu denken gegeben, dass unsere Diskussionskultur inzwischen so ist.

Frage: Anschließend wurde bekannt, dass Sie sich nicht mehr öffentlich zum Islam äußern wollen. Wurden Sie bedroht?

Antwort: Ich hatte schon lange vor der Tortenattacke entschieden, öffentlich nichts mehr zum Islam zu sagen.

Frage: Warum? Sie haben schließlich lange im Nahen Osten gelebt und gearbeitet.

Antwort: Ich habe 2017 ein erstes Buch über Islam und Integration geschrieben, weil ich dachte, ich könnte in der aufkommenden Diskussion einen Mehrwert leisten. Aber die Reaktionen auch auf meine dann folgenden Bücher und Sendungen zum Thema haben stetig an Negativität zugenommen. Diese Tonalität, die Ausdrücke, die Beschimpfungen – ich habe keine Lust darauf, mich solchen destruktiven Diskussionen auszusetzen. Das Schöne am Journalismus ist doch: Ich kann mich auch vielen anderen Themen widmen, zum Beispiel dem Glück.

Frage: Apropos: Was ist das Schönste an Ihrem Job bei der „Tagesschau“?

Antwort: Ich finde es im Journalismus grundsätzlich ganz spannend, so nah am Zeitgeschehen zu sein und mitzuerleben, wenn etwas passiert. Spannende Leute treffen zu können, an die man sonst nicht rankommt. Die Themenvielfalt, die Abwechslung. Bei der „Tagesschau“ ist es zusätzlich diese Besonderheit der Sendung, die herausragende Stellung. Auch die Ressourcen mit dem großen Korrespondentennetz und den enormen technischen Möglichkeiten. Davon ein Teil sein zu dürfen, das treibt mich jeden Tag an – und macht mich glücklich und zufrieden.

Constantin Schreiber stellt sein Buch „Glück im Unglück“ am Freitag, 15. Dezember, 20 Uhr mit Gästen in der Hamburger Laeiszhalle vor. Bei der Mischung aus Talkshow, Konzert und Stand-up-Comedy sind unter anderem Sängerin Anna Depenbusch, Ski-Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch, Neurowissenschaftler Prof. Dr. Tobias Esch und „Tagesthemen“-Moderatorin Aline Abboud dabei.

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