So lebt Ostfriesland  Wie alt werden auch Spaß machen kann

| | 15.12.2023 13:07 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Von links: Jan Denkena, Hans Ludwig Janssen und Günther Meidenbauer im Zwischenbau, der als Gemeinschaftsraum dient. Foto: Oltmanns
Von links: Jan Denkena, Hans Ludwig Janssen und Günther Meidenbauer im Zwischenbau, der als Gemeinschaftsraum dient. Foto: Oltmanns
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Vor gut zwei Wochen haben wir berichtet, wie vier Freunde aus Wittmund und Aurich gemeinsam ein neues Haus bauten. Barrierefrei, energetisch tipptopp und sehr gesellig. Offenbar ein Vorbild für viele.

Wittmund - Dass das Thema „Wohnen im Alter“ die Ostfriesen bewegt, hat Hans Ludwig Janssen in den vergangenen zwei Wochen deutlich zu spüren bekommen. Ende November veröffentlichte die Ostfriesen-Zeitung die Geschichte von Janssen und drei seiner Freunde, die gemeinsam ein nagelneues Haus in Wittmund bauten, um dort zusammen alt zu werden. „Und wir haben seitdem einige Anrufe bekommen“, sagt Janssen auf Nachfrage.

Günther Meidenbauer (von links), Hans Ludwig Janssen und Jan Denkena vor ihrem gemeinsam gebauten Haus im Zentrum von Wittmund. Der vierte Bauherr ist nicht im Bild. Foto: Oltmanns
Günther Meidenbauer (von links), Hans Ludwig Janssen und Jan Denkena vor ihrem gemeinsam gebauten Haus im Zentrum von Wittmund. Der vierte Bauherr ist nicht im Bild. Foto: Oltmanns

Konkret wollten die Anrufer wissen, wie genau er und seine Freunde das Projekt umgesetzt haben, sie wollten die Bauzeichnungen sehen und kündigten sich zu Besuchen an. „Einige werden es wohl nachbauen“, vermutet Janssen. Den das nicht wundert und auch nicht stört. Ihr Konzept, sagt der Bauherr, wollen sie gern teilen.

Das Wohnprojekt

Hans Ludwig Janssen, Günther Meidenbauer, Burkhard Pototzky und Jan Denkena haben in Wittmund gemeinsam ein Vier-Parteienhaus mitten in der Stadt gebaut. Mit vier abgeschlossenen Wohnungen auf zwei Etagen, mit Gemeinschaftsräumen, einem kleinen Plattformlift in die obere Etage und komplett barrierefrei. Außerdem ist es energetisch so effizient, dass es weite Teile des Jahres fast völlig autark ist. Eine Bauweise, die den Eigentümern übrigens rund 150.000 Euro Fördergeld einbrachte.

Die zwei Häuser mit je zwei Wohnungen sind durch einen Mittelteil verbunden, der auf beiden Ebenen als Gemeinschaftsraum dient. Foto: Oltmanns
Die zwei Häuser mit je zwei Wohnungen sind durch einen Mittelteil verbunden, der auf beiden Ebenen als Gemeinschaftsraum dient. Foto: Oltmanns

Die Idee: In Gesellschaft von Freunden alt werden, so dass man einander helfen kann, wenn es mal nötig wird. Und zwar auf sehr kurzem Wege. Statt jeder in seinem Haus mit Garten wohnen Janssen, Meidenbauer und Pototzky nun Tür an Tür in ihrem Vier-Parteienhaus. Denkena vermietet seine Wohnung an einen Freund der drei anderen, der gesundheitlich angeschlagen ist und schon jetzt von der Nähe zu seinen Freunden profitiert. Das Haus verfügt über eine sehr gute Dämmung, eine Wärmepumpe, Photovoltaikanlagen und zwei Speicher für überschüssigen Strom. Die gesamten Energiekosten pro Wohnung und Monat liegen laut Janssen zwischen 70 und 100 Euro.

Wo gibt’s Hilfe?

Was die vier Freunde in Wittmund auf die Beine gestellt haben, ist nur eines von vielen Beispielen, wie Menschen sich ihr Wohnen im Alter selbst gestalten. In ganz Deutschland gibt es Wohngenossenschaften, Baugemeinschaften oder Vereine, deren Grundprinzip es ist, gemeinsam eigenen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Für Menschen, die noch mitten im Leben stehen, aber auch für ältere, die vorausplanen und den Einzug in ein Pflegeheim im Alter vermeiden – oder zumindest hinausschieben – wollen.

So wie Stefanie Towarnicki zum Beispiel. Die heute 79-Jährige hat in Varel (Kreis Friesland) ein eigenes Wohnprojekt initiiert, ein Mehrgenerationenhaus mit 15 Wohnungen in einer umgebauten alten Schule. 2007 habe sie angefangen, berichtet sie in einem Telefonat, und 2015 seien sie schließlich alle eingezogen. In diesem Fall haben die Bewohner nicht selbst gebaut, sondern einen Investor an Bord geholt, dem sie jetzt Miete zahlen. Sie haben sich allerdings das Recht gesichert, sich im Haus selbst zu organisieren und die Mieter selbst auszusuchen. Über ihre Erfahrungen, ein solches Projekt umzusetzen, spricht Towarnicki in Vorträgen an Volkshochschulen im ganzen Nordwesten. Das Interesse jedenfalls ist da: „Ich hatte in den letzten zwei Jahren allein 15 Anfragen zu gemeinschaftlichem Wohnen“, sagt sie.

Überhaupt ist niemand auf sich selbst angewiesen, es gibt Anlaufstellen auf Bundes- und Landesebene. Das Niedersachsenbüro Neues Wohnen im Alter beispielsweise ist eine vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Niedersachsen geförderte Beratungsstelle. Sie unterstützt nach eigenen Angaben Landkreise, Städte, Gemeinden und privat Interessierte darin, Projekte zu entwickeln, die älteren Menschen ein längeres selbstständiges und sozial integriertes Wohnen im Alter ermöglichen. Und dann gibt es das Forum Gemeinschaftliches Wohnen, eine Bundesvereinigung. Die veröffentlicht übrigens in unregelmäßigen Abständen einen Wohnprojekte-Atlas, in dem viele bereits umgesetzte Wohnprojekte beschrieben werden.

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