Osnabrück Alter Spruch: Warum ist man mit dem Klammerbeutel gepudert?
Nicht ganz bei Trost oder mit dem Klammerbeutel gepudert? Die Redewendung klingt direkt und saftig. Aber was ist mit dem Klammerbeutel eigentlich gemeint? Eine Spurensuche.
Mit Zeitungsverkäufern legt man sich am besten nicht an, jedenfalls nicht im Berlin der Goldenen Zwanziger. Das ist eine Zeit, die das Internet nicht kennen muss, um auf Tempo und Schnoddrigkeit zu setzen. Was antwortet der Zeitungsverkäufer auf dem Boulevard, wenn man ihm dumm kommt? „Dir ham se woll mit´n Klammerbeutel jepudert-?“, heißt es jedenfalls in einem Feuilleton Kurt Tucholskys von 1925.
Tucholsky kennt sich nicht nur aus mit der Geschwindigkeit seiner Zeit, er drückt selbst auf das Gaspedal. Bei Konflikten wird jedenfalls nicht lange gefackelt und auf jede Äußerung gleich mit entsprechender Münze herausgegeben.
Mit dem Klammerbeutel gepudert sein: Kurt Tucholsky soll diese Redewendung sogar populär gemacht haben. So wissen es jedenfalls Lexika, die Redewendungen verzeichnen. Was bedeutet die Redewendung? Wer mit dem Klammerbeutel gepudert ist, der ist verrückt, nicht mehr ganz richtig im Kopf.
Erstaunlich genug, dass dieser Spruch immer noch verstanden wird, obwohl sicher kaum jemand erklären kann, was es mit dem Klammerbeutel auf sich haben kann. Ein schlichter Beutel, in dem Wäscheklammern aufbewahrt werden, kann wohl kaum gemeint sein. Erklärungsversuche helfen nicht so richtig weiter.
Erste Variante: Der Klammerbeutel soll im Mehlkasten einer Mühle installiert gewesen sein. Durch sein Schütteln wurde Mehl von der Kleie getrennt. Wer den Beutel vorschnell öffnete, fand sich ganz mit Mehl eingestäubt. Was für Missgeschick!
Zweite Version: Aus dem Klammerbeutel sollen früher Perücken weiß eingestäubt worden sein – mit allen Möglichkeiten, jemandem gleich das ganze Gesucht einzupudern. Auch ein kleiner häuslicher Unfall.
Bleibt die Frage: Was hatte Kurt Tucholsky mit Mühlen zu tun? Und was wusste er von Perücken? Wer nach einer plausiblen Erklärung für diese Redewendung sucht, muss sich wie jemand vorkommen, der wirklich mit dem Klammerbeutel gepudert, also nicht mehr ganz bei Trost ist.
Faszinierend nur, wie der Sinn einer Redewendung weiter verstanden wird, auch wenn sich den Wortlaut keiner mehr wirklich erklären kann. Sprache hat eben ihre eigene Logik – Klammerbeutel hin oder her.