Nach Streikaufruf  Auricher Kaufleute entsetzt von Verdi

Rebecca Kresse
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Von Rebecca Kresse
| 17.12.2023 16:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In der Auricher Innenstadt waren in den vergangenen Tagen viele Menschen unterwegs – das freute den Einzelhandel. Foto: Romuald Banik
In der Auricher Innenstadt waren in den vergangenen Tagen viele Menschen unterwegs – das freute den Einzelhandel. Foto: Romuald Banik
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Am Sonnabend vor Weihnachten zu streiken, lehnt der Einzelhandel in Aurich entschieden ab. Sie hoffen stattdessen auf genauso einen stimmungsvollen Shoppingtag wie am dritten Adventswochenende.

Aurich - Ausgerechnet am letzten Sonnabend vor Weihnachten sollen die Beschäftigten im niedersächsischen Einzelhandel ihre Arbeit niederlegen und streiken – so will es die Gewerkschaft Verdi. Hintergrund ist die seit Monaten laufenden Tarifrunde. Davon halten die Auricher Geschäftsinhaber gar nichts, wie eine Umfrage der ON deutlich machte.

„Mit einer solchen Forderung sägen sie ja an den Arbeitsplätzen“, sagte Birgit Trost, Verkäuferin bei Hermerding Aurich. Es fehle ja bereits der halbe Einkaufstag am Heiligabend. „Ich finde, die sollten alle glücklich sein, dass sie noch ihre Arbeitsplätze haben und nicht an einem solchen Tag noch streiken“, so Trost. Der Sonnabend sei klassisch der Tag, an dem die Kunden den Geschäften die Bude einrennen, so Trost.

Umsatzeinbußen wären dramatisch

Alexandra Schneemilch, Geschäftsführerin von Abegg, nennt die Verdi-Forderung „absolut unverständlich“. Der Einzelhandel sei durch Corona und hohe Energiekosten ohnehin gebeutelt. „Dass für einen so wichtigen Umsatztag zum Streik aufgerufen wird, kann ich nicht nachvollziehen“, sagte sie. Die damit einhergehenden Umsatzeinbußen wären aus ihrer Sicht fatal und dramatisch für viele Firmen. „Damit tut Verdi der Branche einen Bärendienst“, so Schneemilch.

An Weihnachten und im Dezember sollte aus Sicht von Susanne Kranz, Inhaberin der Buchhandlung am Wall, gar nicht gestreikt werden. Es gebe genug Krisen und Ärger. „Weihnachten ist das Fest des Friedens“, betonte sie. Heida Haltermann vom Kaufmännischen Verein spricht von Populismus. „Es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, was das bewirken soll. Da fällt mir nichts mehr zu ein“, so Haltermann.

Geschäftsleute schwärmen von besonderer Atmosphäre

Geht es aber um das Weihnachtsshopping am dritten Adventssonnabend, hat man die Auricher Geschäftsleute selten so überschwänglich gehört, wie eine Umfrage der ON ergab. Dabei freute die Verkäufer und Geschäftsinhaber nicht nur die Menge der Kunden, sondern vor allem auch die gute Stimmung.

„Das war ein sehr guter Tag, ein richtiger Weihnachtssonnabend und hat viel Spaß gemacht“, sagte zum Beispiel Alexandra Schneemilch, Geschäftsführerin von Abegg. Neben Einheimischen seien auch viele Besucher in der Stadt gewesen. „Herrausragend“ sei an diesem Sonnabend gewesen, dass es so viel positive Resonanz gegeben habe für Aurich als Einkaufsstadt und die besonderen, inhabergeführten Geschäfte, so Schneemilch.

Kunden kauften vor allem Geschenke für Kinder

Das bestätigte auch Birgit Trost, Verkäuferin bei Hermerding Aurich. „Es lief den ganzen Tag schon super“, sagte Trost über den Sonnabend. Das sei aber eigentlich auch schon die gesamte Woche so gewesen. Vor allem kauften die Kunden Weihnachtsgeschenke für die Kinder, sagte sie.

Das aber offenbar nicht nur in der Innenstadt, sondern auch am Stadtrand. Laut Anita Janssen von der Baustoffunion waren die Kunden am Sonnabend schon früh unterwegs. „Ab halb neun, Uhr herrschte auf dem Parkplatz der Ausnahmezustand“, sagte sie. Auch bei der Baustoffunion wurden laut Janssen vor allem Kindergeschenke gekauft. Playmobil und Lego seien in diesem Jahr besonders gefragt. Puppen oder Barbies, wie sie sonst für Mädchen gerne gekauft würden, gehen in diesem Jahr nicht ganz so gut. Dafür alles rund um das Thema Pferd. Eine Besonderheit bei der Baustoffunion: Die Geschenke werden vor Ort noch eingepackt. Davon machten viele Kunden gerne gebraucht.

Händler sprechen von entspannten und freundlichen Kunden

Eine Sache, die Anita Janssen beobachtete, machte ihr und ihren Kollegen besonders glücklich: „Die Kunden sind entspannter als in den vergangenen Jahren und sehr freundlich“, sagte sie. Selbst dann, wenn bestimmte Waren nicht vorrätig seien. „Dann wird einfach ein anderes Geschenk ausgesucht, statt zu meckern“, sagte Janssen. So komme trotz des Andrangs nur wenig Stress auf. Es werde viel gelacht und auch die Kunden würden „mal etwas erzählen“, freut sich Janssen.

Auch Susanne Kranz, Inhaberin der Buchhandlung am Wall freute sich über die gute Stimmung. „Das war schön, wir hatten richtig Spaß“, sagte sie im Gespräch mit den ON. Sie und ihr Team hatten „gut zu tun“, wie Kranz es sagte. Das sei zwar auch am vergangenen Sonnabend so gewesen. Da habe aber das schlechte Wetter den Einkaufstag für viele Kunden früher beendet. Das war in dieser Woche besser. Trotzdem beobachtete Kranz auch, dass die ihre Kunden „überlegter“ einkaufen würden als in den vorherigen Jahren. „Früher saß das Geld noch etwas lockerer“, sagte Kranz.

Im Dezember muss Polster für erstes Quartal angelegt werden

Auch deshalb kann sie es nicht nachvollziehen, warum die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ausgerechnet am mutmaßlich umsatzstärksten Tag des Jahres, dem Sonnabend vor Weihnachten zum Streik aufgerufen hat. „Im Dezember müssen wir ein Polster anlegen für das erste Quartal, an dem viele Kosten abgebucht werden“, sagte Kranz. Die Forderung von Verdi sei paradox. Einerseits wolle die Gewerkschaft mehr Geld für die Branche erzielen, auf der anderen Seite wolle sie den umsatzstärksten Tag im Jahr bestreiken. „Das kann nur jemand machen, der in seinem Elfenbeinturm sitzt und völlig die Bodenhaftung verloren hat“, sagte Susanne Kranz.

Am Ende leide der Bürger, für den der Sonnabend vor Weihnachten fest als Geschenke-Einkaufstag eingeplant haben, und ausgerechnet dieser Tag soll dann geschlossen bleiben?, so Kranz. „Ich habe da gar kein Verständnis für und finde es unverschämt“, machte sie deutlich.

Heida Haltermann: Die Atmosphäre ist begeisternd

Ähnlich geht es Heida Haltermann, Inhaberin des Modehauses Silomon und Vorstandsmitglied des Kaufmännischen Vereins (KV). Der Sonnabend vor Weihnachten sei ein starker Tag. „Da wird man sicher in unseren Geschäften niemanden finden, der darauf pocht, dass wir den Sonnabend schließen müssen. Im Gegenteil, es macht Spaß zu arbeiten, wenn viel los ist“, sagte sie. Das wisse auch Verdi, von daher sei der Vorstoß streiken zu wollen, „reine Show“, sagte Heida Haltermann.

Nach dem XXL-Shopping in der vergangenen Woche waren ihre Erwartungen an das dritte Adventswochenende nicht überschäumend, wie Haltermann es sagte. Doch dann wurde auch Heida Haltermann „sehr positiv überrascht“. Das Geschäft war bis zum Ladenschluss gut gefüllt. Auch die Stadt sei zu dieser Zeit noch immer voll gewesen. Was Haltermann besonders freute: „Die Atmosphäre ist begeisternd. Jeder ist bewusst und interessiert unterwegs. Es ist ein großes Miteinander und sich begegnen“, sagte sie. Die vielen Krisen seien dabei überhaupt kein Thema gewesen. Im Gegenteil, die Kunden seien besonders freundlich und immer mal wieder werde ein Wort miteinander gesprochen. Sie habe das Gefühl, die Menschen konzentrieren sich auf das, was wichtig ist – die Familie und ein schönes Weihnachtsfest, sagte Heida Haltermann.

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