Theaterstuuv öffnet Bühne in Wiesmoor – der lange Weg zum eigenen Theater
Die Niederdeutsche Bühne Wiesmoor hat in sechs Jahren aus einer Lagerhalle ein Theater gemacht. Jetzt geht ein Projekt auf die Zielgerade, das Schauspielern und Helfern viel abverlangte.
Wiesmoor - Vor der Eingangstür mit dem Auerhahn und der Aufschrift „Niederdeutsche Bühne Wiesmoor“ rührt Helwig Loers Zement für den Sichtschutz zum Garten. Julia Barwig trägt Arbeitshose, Turnschuhe und schippt die breiige Masse in die Fundamente für die Balken. Ob sie das gelernt hat? „Nein“, sagt die Schauspielerin der Niederdeutschen Bühne: „Ich habe gefragt, was ich tun soll und versuche, so gut wie möglich zu helfen.“ Barwig lacht. Nicht jeder Helfer ist vom Fach, aber jeder kann helfen. Gemeinsam arbeiten die rund 40 aktiven Mitglieder der Niederdeutschen Bühne Wiesmoor am Traum vom eigenen Theater.
So geht es in der ehemaligen Druckerei der 2015 verstorbenen Rosemarie Ehmann an der Hauptstraße 237 schon seit sechs Jahren. Jeden Samstag treffen sich die Ehrenamtlichen von 8 bis 13 Uhr zum Arbeitseinsatz. Einer, der in all den Jahren nur wenige Wochenenden verpasst hat, ist Alfred Alberts. Er organisiert die Aufgaben im Innenraum, teilt die Leute ein und sorgt dafür, dass immer etwas zu tun ist. Stolz erzählt er, dass manche Helfer allein deshalb regelmäßig dabei sind, weil sie bei der Arbeit so viel Spaß haben.
Zum Endspurt gibt es einen Helferrekord
Nicht immer waren es so viele wie an diesem Samstag vor dem zweiten Advent. 18 sind es, ein Rekord. Das liegt auch daran, dass der Theaterbetrieb bald losgehen soll. Endspurt: Cafeteria, Theatersaal und alle für den Theaterbetrieb notwendigen Räume müssen bis zum 20. Januar fertig sein. Dann will die Niederdeutsche Bühne Wiesmoor wieder spielen. Ein Jahr lang war Pause, die Saison fängt verspätet an. Der Endspurt hat länger gedauert, als geplant. Jetzt ist ein Ende in Sicht, endlich.
Der Theatersaal ist fast fertig. Die neue Lüftungsanlage ist montiert, die Bühne samt Technik komplett, am Bühnenbild wird bereits gearbeitet. Die gebrauchten Theatersitze sind ein Geschenk des Neuen Theaters in Emden. Die meisten stecken schon an ihrem Platz. Die restlichen der 86 Sitzplätze werden auf der Bühne von den Helferinnen so sorgfältig gewienert, dass den Frauen die Arme brennen und die Sitze hinterher aussehen wie neu. Hinter und neben der Bühne werden die letzten Teppiche und Leitungen verlegt. Ein Ende ist also absehbar, jedenfalls im Theater selbst.
Es gab harte Zeiten
Auch in der Woche ist Betrieb auf der Baustelle. „Die Rentnergang ist dann zum Arbeiten hier“, sagt Bühnenleiter Christian Behrends. Parallel proben die Schauspieler das neue Stück. Behrends hat 2019 mitten im Umbau die Leitung übernommen. Zu einer Zeit, als klar wurde, dass die geplanten zwei Jahre Bauzeit und die finanziellen Mittel nicht ausreichen werden. Auch wenn die Stimmung auf der Baustelle immer gut war, es war kein leichter Weg zum eigenen Theater. Daran erinnert sich Behrends, als er an diesem Tag durch das Gebäude führt.
Von außen sieht das Theater aus wie ein Wohnhaus – mit zwei Eingängen und Hausnummern. Drinnen ist durch die an die Hausnummer 237 angebaute Druck- und Lagerhalle Platz für ein voll ausgestattetes kleines Theater. Mit dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Ehmann in der Hausnummer 235 kommt das Gebäude auf eine verwirrende Anzahl an Räumen. Die im Wohnhaus sind noch nicht renoviert. Hier sollen einmal die Kostüme und Requisiten lagern. Noch sind die meisten in der Kooperativen Gesamtschule (KGS) der Stadt, dem bisherigen Spielort der Niederdeutschen Bühne. Die Lagerräume des neuen Spielortes werden eingerichtet, wenn das Theater fertig ist. Es bleibt auch nach der Eröffnung im Januar noch viel zu tun.
Sechs Jahre arbeiten die Ehrenamtlichen am Traum
Die ehemalige Küche der Ehmanns ist fast unverändert und der einzige möblierte Raum außerhalb des Theaterbereichs. Hier wird jeden Samstag um 10 Uhr gemeinsam gefrühstückt. Das ist in den vergangenen sechs Jahren zu einem Ritual geworden. Christian Behrends nimmt am jetzt leeren Küchentisch Platz und erzählt von der schwierigen Zeit Mitte 2020. Die Welt steckte in einer Pandemie. Die Niederdeutsche Bühne hatte, wie viele kulturelle Einrichtungen, keine Einkünfte mehr. „Damals haben wir Kostenvoranschläge eingeholt und festgestellt, dass die Kosten für das Theater um einen hohen fünfstelligen Betrag zu niedrig geschätzt worden waren“, sagt Behrends. Allein 30.000 Euro kostete die neue Be- und Entlüftungsanlage – eine in Zeiten von Corona wichtige Anschaffung.
Später wird Behrends von etwa 80.000 Euro an eingeworbenen Fördermitteln berichten und sagen, dass selbst die nicht alle zusätzlichen Kosten decken konnten. Eine große Finanzierungslücke für eine kleine Bühne mitten in der Pandemie. Auch die Baugenehmigung fehlte – inklusive eines teuren Lärmgutachtens. „Alles, was wir damals hatten, war eine Bleistiftzeichnung der Planung“, erinnert sich Behrends. Anja Müller vom Vorstand beseitigt die restlichen Krümel des Frühstücks und erinnert sich an diese Zeit. „Um mit der Situation zurechtzukommen haben wir viel miteinander geredet“, sagt sie. Manchmal telefonierten sie auch nachts, als die Not besonders groß war. Alles war besser, als allein an der Situation zu verzweifeln.
Aufgeben war keine Option
Um aufzugeben war schon zu viel Energie in das Projekt geflossen. Das Gebäude war mit viel Entgegenkommen der Erbengemeinschaft Ehmann gekauft worden, die Wände herausgerissen. „Weil wir kein Geld hatten, haben wir jeden Stein einzeln abgeklopft, um ihn wiederzuverwenden“, erinnert sich Alfred Alberts. Geld sparen war die Devise, Aufgeben war keine Option. „Wir haben uns gesagt ‚Wir machen weiter, solange es geht‘“, sagt Behrends. Es ging weiter. Immer. Irgendwie. „Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen Förderantrag gestellt“, sagt Behrends. Dann fing er an: einen, zwei, viele. Er reichte sie ein, änderte, reichte sie erneut ein. Am Ende gingen alle durch.
Viele haben geholfen und Ideen eingebracht, um den Traum zu retten. Jeder auf seine Weise. Der riesige rote Bühnenvorhang ist ein gutes Beispiel dafür, findet Behrends. „Die Idee, ihn über ein Crowdfunding zu finanzieren, hatte unsere Kassenwartin Jantje Harms“, erklärt er. So seien allein 5000 der für den Vorhang notwendigen 7200 Euro zusammengekommen. Auch wenn der erst einmal manuell öffnet und schließt, perspektivisch denken die Organisatoren an die Zukunft. „Wir haben alles so montiert, dass er irgendwann einmal per Knopfdruck bedient werden kann“, sagt Bauleiter Alfred Alberts. Eine pragmatische Lösung, mit der alle leben können.
„Die Eröffnung wird bestimmt emotional“
Ähnlich lief es mit der Baugenehmigung und den vielen Auflagen, die ein Theater erfüllen muss: die Anzahl und Größe der Toiletten, der strenge Brandschutz, Mindestflurbreite, Barrierefreiheit. Behrends seufzt. Das alles liegt hinter ihnen. „Die Eröffnung wird bestimmt emotional“, sagt er. Viel Herzblut steckt in diesen Räumen. Die Helfer und Schauspieler haben viel auf sich genommen, um das Projekt umzusetzen. Als die Hallenwände mit Glasfaser und Brandschutzplatten gedämmt wurden, war es Sommer und die Temperaturen lagen bei über 30 Grad. Als die neue Heizung kam, war tiefster Winter. Alle hielten durch. Das Ziel ist inzwischen in greifbarer Nähe.
Bald treten die Theatergäste durch das bis dahin rot tapezierte Foyer mit den Schwarz-Weiß-Fotografien der Schauspieler aus 68 Jahren Bühnengeschichte. Nach rechts geht es in den Theatersaal mit den flauschigen, beigen Sitzen. Links liegt die Cafeteria, wo es in der Pause Wein und frisch gebackene Brezeln geben wird. Nicht nur für die Niederdeutsche Bühne wird die Premiere in der ehemaligen Druckerei emotional. Auch die Kinder von Rosemarie Ehmann haben das Projekt aufmerksam verfolgt, in dem ihr Elternhaus zu einem Theater wurde. Tanja Harms, Ehmanns Tochter und direkte Nachbarin des neuen Theaters, kann es kaum erwarten. „Wir sind stolz darauf, dass es in unserem ehemaligen Elternhaus und der Druckerei auf diese Weise weitergeht“, erklärt sie. Das sei eine Zukunft im Sinne ihrer Mutter, die plattdeutsches Theater sehr mochte.
Die Theaterstuuv öffnet dort, wo früher die Flyer und Plakate der Niederdeutschen Bühne Wiesmoor gedruckt wurden. Nach dem Tod von Rosemarie Ehmann vermieteten deren Kinder zunächst einen Teil des jetzigen Theatersaals als Lagerraum an die Theatergruppe. Dadurch wurde die Idee geboren, aus der ehemaligen Druckerei ein Theater zu machen. Jetzt ist der Weg dorthin nicht mehr weit. Die Mischanlage für das Licht ist frisch installiert. Der Theatervorhang ist nach dem dritten Advent angekommen und wird nach Weihnachten aufgehängt. Die Plakate und Flyer werden jetzt woanders gedruckt und täglich erwartet. „Offline för een Avend“ heißt das erste Stück, das am Samstag, 20. Januar, um 20 Uhr gespielt. Auch wenn das eine Komödie ist, werden bei dem ein oder anderen nach den sechs Jahren Arbeit sicherlich Tränen fließen – vor Erleichterung, dass der Traum endlich wahr geworden ist.
Theater Stuuv in Wiesmoor
In der „Theater Stuuv“ der Niederdeutschen Bühne Wiesmoor werden trotz der verkürzten Spielzeit bis Mitte Mai drei Stücke gezeigt. Weil das neue Theater kleiner ist als der bisherige Spielort, die Aula der KGS in Wiesmoor, sind mehr Termine geplant. Infos zum Spielplan gibt es auf der Webseite der Bühne https://ndb-wiesmoor.de/. Der Kartenverkauf hat bereits begonnen. Karten können bei der Luftkurort Wiesmoor Touristik unter der Telefonnummer 04944 / 91980 bestellt werden. Restkarten sind an der Abendkasse verfügbar. Die Niederdeutsche Bühne Wiesmoor ist seit ihrer Gründung im Jahr 1956 Mitglied im Niederdeutschen Bühnenbund Niedersachsen/Bremen und eine von 16 dort organisierten Bühnen. Der Niederdeutsche Bühnenbund fördert den Erhalt der niederdeutschen Sprache und des Theaters.
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