Hamburg  Warum Weihnachten für Pflegebedürftige und Angehörige oft zum Problem wird

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 21.12.2023 08:00 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Pflegedienstleiterin Jana Wotzlaw packt auch außerhalb ihres Büros mit an und ist für die Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims da. Das Seniorenzentrum in Hasbergen ist weihnachtlich dekoriert. Wie ist es, hier an Weihnachten zu arbeiten? Foto: Michael Gründel
Pflegedienstleiterin Jana Wotzlaw packt auch außerhalb ihres Büros mit an und ist für die Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims da. Das Seniorenzentrum in Hasbergen ist weihnachtlich dekoriert. Wie ist es, hier an Weihnachten zu arbeiten? Foto: Michael Gründel
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Manche holen ihre Verwandten zu den Feiertagen aus dem Heim, manch Angehöriger hofft zumindest über die Feiertage auf eine Zeit zum Durchschnaufen. Doch die Weihnachtszeit kann einem auch die eigene Einsamkeit vor Augen führen.

Rund 20 Jahre ist es her, dass Hans Schreiber mit seiner Weihnachtssatire „Wer nimmt Oma“ den Menschen vor Augen führte, dass Weihnachten längst nicht mehr überall das Fest der Liebe ist. Doch der Titel von 2003 wird auch 2023 zu einer kniffligen Frage – besonders, wenn die meist betagten Angehörigen pflegebedürftig sind. 

Das Problem lösen müssen dann Leute wie Mathias Steinbuck. Er ist Geschäftsführer von mehreren vollstationären Einrichtungen in Schleswig-Holstein. Trotz aller Mühen der Mitarbeiter können die Feiertage für die Bewohner eine traurige Zeit sein. Die Dekoration und die Lichter lassen auch die Menschen in stationären Einrichtungen wissen, dass das Fest der Familie ansteht.

„Es sind geschätzt nicht mal zehn Prozent der Bewohner, die über Weihnachten nach Hause geholt werden“, sagt er. Das liege aber auch daran, dass die Pflegebedürftigen bei den „Steinbuck Einrichtungen“ meist besonders viel Betreuung brauchen, beziehungsweise einen hohen Pflegeaufwand haben. „Beim Betreuten Wohnen ist die Situation sicher anders“, sagt Steinbuck, der auch Vorsitzender der Landesgruppe Schleswig-Holstein beim Verband privater Anbieter sozialer Dienste ist.

In den Heimen selbst gebe es durchaus auch viel Programm. Vorlesen und gemeinsames Liedersingen gehören dazu. Doch insgesamt bleiben die Feiertage in den Einrichtungen vor allem für die Mitarbeiter eine eher stressige Zeit. „Wir sind immer froh, wenn die Feiertage wieder vorbei sind“, sagt Steinbuck.

Der Grund: Die Personalengpässe verschärfen sich, wie an vielen Arbeitsplätzen zum Jahresende durch Urlaub und Krankheit besonders drastisch – auch in diesem Jahr. „In einer unserer Einrichtungen haben sich zuletzt von 30 Mitarbeitern zwölf krankgemeldet. Aber wir müssen die normale Versorgung ja trotzdem irgendwie aufrechterhalten“, sagt Steinbuck. Ohne engagierte Mitarbeiter würde es nicht gehen. „Dann müssen die Menschen ihre freien Tage unterbrechen oder zusätzliche Stunden an ihren Dienst hängen.”

Neue Bewohner können in solchen Phasen dann aber teilweise vorerst nicht aufgenommen werden. Und der Personalengpass trifft auch jene, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen und über die Feiertage Entlastung suchen. Kurzzeitpflegeplätze wären für manchen eine willkommene Pause, doch davon gibt es bundesweit viel zu wenige.

„Kurzzeitpflegeplätze werden gerade zu den Feiertagen gehandelt wie Gold“, sagt Nicole Knudsen von  „Wir pflegen“, einem Verein für pflegende Angehörige. Insbesondere Menschen aus dem strukturschwachen Südosten von Schleswig-Holstein nähmen teilweise sehr weite Wege auf sich, um einen Platz zu finden, fügt das Vorstandsmitglied an.

Auch unserer Redaktion haben viele pflegende Angehörige bereits erzählt, dass diese Suche nach Kurzzeitpflegeplätzen beschwerlich ist. Es gehe dabei nicht darum, die eigenen Verwandten über das Weihnachtsfest abzuschieben. Gerade in der Vorbereitung auf die Festtage gelte es dringende Besorgungen zu machen, Feiern zu planen und ja, manch einer hofft zum Jahresende auch auf die dringend nötige Verschnaufpause vom sonst so stressigen Alltag, den die häusliche Pflege mit sich bringen kann.

Mathias Steinbuck hat in seinen Einrichtungen rund um Bargteheide zwar sogenannte eingestreute Kurzzeitpflegeplätze, im regulären Betrieb vorgehaltenen Plätze, aber ohne ausreichend Personal kann er sie nicht anbieten. Und seiner Erfahrung nach sind es viel weniger private Haushalte, die diese Plätze benötigen, als vielmehr die Krankenhäuser. „Dort wird immer konsequent freigeräumt und wenn es für den Patienten noch nicht nach Hause gehen kann, wird zum Beispiel bei uns nachgefragt“, erläutert Steinbuck.

Grundsätzlich seien gerade die eingestreuten Kurzzeitpflegeplätze ohnehin nicht für jeden eine Alternative. So etwa für jüngere Pflegebedürftige, meint Nicole Knudsen. „Wer sich zum Beispiel um sein Kind kümmert, kann das nur schlecht in eine Altenhilfeeinrichtung geben.“

Bestenfalls kommt die ganze Familie zusammen und alle kümmern sich um die pflegebedürftige Person und entlasten damit auch die Angehörigen, die den Rest des Jahres die Last der Betreuung schultern. Im schlechtesten Fall löst der soziale Druck, ein gelungenes Fest zu feiern, neuen Stress aus, der weder der pflegenden noch der gepflegten Person gut tut.

Doch eine weitere Variante ist noch viel ernüchternder:  „Es kann auch sein, dass keiner zu Weihnachten kommt, weil sich pflegende Angehörige im Laufe der Zeit häufig desozialisieren und kaum Zeit haben, die sie noch mit Familie und Freunden verbringen können“.

Es sei ein Kernproblem, mit dem pflegende Angehörige zu kämpfen haben. Gesellschaftliche Teilhabe ist für sie schon aus zeitlichen Gründen kaum möglich, wenn sie sich – womöglich noch neben dem Beruf – um Partner, Kinder oder Eltern kümmern. 

„Wir haben keine pflege-sensible Gesellschaft”, sagt Knudsen, die selbst Jahrzehnte ihren Mann gepflegt hat. Zu den Feiertagen werde vielen erst bewusst, wie sehr Familie und Freunde fehlen.

Wie vielen es genauso geht, ist kaum zu ergründen. Aber wenn vier Millionen von fünf Millionen Pflegebedürftigen zu Hause, teilweise ohne Hilfe von Pflegediensten, betreut werden, dürfte einiges zusammenkommen. „Angehörige fangen den Pflegenotstand im Land auf”, betont Nicole Knudsen. Und das nicht nur an Weihnachten.

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