Emder Schiffsunglück  Der Stapellauf der „Melanie Schulte“ beschäftigt ihn noch heute

| | 21.12.2023 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hero Janssen (unten links auf Knien) war gerade als Schiffsbauer ausgelernt, als der Stapellauf der „Melanie Schulte“ missglückte. Foto: Privat
Hero Janssen (unten links auf Knien) war gerade als Schiffsbauer ausgelernt, als der Stapellauf der „Melanie Schulte“ missglückte. Foto: Privat
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Hero Janssen arbeitete bei den Nordseewerken, als der Frachter „Melanie Schulte“ 1952 vom Stapel lief. Was dort passierte und das Unglück kurz vor Weihnachten, beschäftigen den 90-Jährigen noch heute.

Emden - Hero Janssen ist erst vor kurzem 90 Jahre alt geworden. Seine Zeit als Schiffsbauer bei den Emder Nordseewerken liegt schon Jahrzehnte zurück. Dennoch muss er aktuell an den Stückgutfrachter „Melanie Schulte“ denken, der am 9. September 1952 in Emden vom Stapel lief. Darauf gebracht hat ihn seine Enkelin, erzählt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Janssen, der mittlerweile im Rheinland wohnt, schaut „ab und zu“ in die Ostfriesen-Zeitung und ist dabei über einen Bericht zur „Melanie Schulte“- Ausstellung im Landesmuseum gestolpert. Als er sich mit seiner Enkelin darüber unterhielt, stellte sie Fragen, die er auf Anhieb nicht beantworten konnte. „Ich habe dann noch mal im Internet nachgeguckt“, sagte der 90-Jährige. Erinnerungen kamen hoch, die er mit dieser Zeitung teilt.

Hunderte Schaulustige verfolgten den Stapellauf

Besonders deutlich ist ihm noch der Stapellauf in Erinnerung. „Ich war gerade als Schiffsbauer ausgelernt“, sagt er. Für die „Melanie Schulte“ und viele weitere Schiffe hatte der gebürtige Emder geholfen, die Baupläne und -modelle anzufertigen. „Eigentlich wollte ich Schreiner werden, aber damals waren keine Stellen frei“, sagt er. Über seine Schwester, die bei einem Ingenieur der Nordseewerke als Haushaltshilfe arbeitete, kam er dann in Kontakt mit der Werft.

Hero Janssen (rechts) war Schiffsbauer bei den Nordseewerken. Er arbeitete an der Planung für die „Melanie Schulte“. Foto: Privat
Hero Janssen (rechts) war Schiffsbauer bei den Nordseewerken. Er arbeitete an der Planung für die „Melanie Schulte“. Foto: Privat

Der Stapellauf am 9. September sollte feierlich begangen werden. Viele Emderinnen und Emder, viele Kinder, waren auf das Gelände der Nordseewerke gekommen, um das Zu-Wasser-Lassen zu verfolgen. Zunächst rutschte das 143 Meter lange Schiff nach dem Losschlagen der Bolzen, die das Schiff hielten, wie geplant die Helling hinunter, wie viele Zeitzeugen gegenüber dieser Zeitung bereits berichtet haben.

Nichts geht mehr: Über Stunden versuchten Arbeiter der Nordseewerke, die „Melanie Schulte“ in der Helling wieder loszuschlagen. Das Schiff war beim Stapellauf steckengeblieben. Foto: Ludwig Schuhmacher/Landesmuseum
Nichts geht mehr: Über Stunden versuchten Arbeiter der Nordseewerke, die „Melanie Schulte“ in der Helling wieder loszuschlagen. Das Schiff war beim Stapellauf steckengeblieben. Foto: Ludwig Schuhmacher/Landesmuseum

Doch: „Es blieb nach etwa 15 bis 20 Metern stecken“, sagte der Emder Heinz Esser, der damals als Inspektor der Reederei Schulte & Bruns für die Abnahme des nagelneuen 10.000-Tonnen-Schiffs mitverantwortlich war, im Dezember 2022. Vom Kiel sei Rauch aufgestiegen. Am Ende – erst mit neunstündiger Verspätung und ohne Publikum – fand der Frachter der Emden-Klasse doch noch den Weg ins Wasser.

Schiff blieb beim Stapellauf stecken

„Abends kam ich nach Hause und erzählte meinem Vater davon“, sagt Hero Janssen. Sein Vater sei selbst viele Jahre zur See gefahren. Ihm war - wie vielen Seeleuten und Werftarbeitern nach dem Stapellauf klar -, dass das Steckenbleiben ein ganz schlechtes Zeichen war. „Die kriegen keine Leute fürs Schiff“, hatte sein Vater damals direkt gesagt, so Hero Janssen. „Das hat mich am meisten an dem Unglück berührt“, sagt der 90-Jährige.

Feierlich sollte der Stapellauf für die „Melanie Schulte“ begangen werden. Foto: Ludwig Schuhmacher/Landesmuseum
Feierlich sollte der Stapellauf für die „Melanie Schulte“ begangen werden. Foto: Ludwig Schuhmacher/Landesmuseum

Doch die Arbeit 1952 war rar, am Ende kamen doch genug Seeleute für die „Melanie Schulte“, die nach dem missglückten Stapellauf eingehend untersucht wurde, zusammen. Es waren 35 Mann. Das älteste Besatzungsmitglied war der 50-jährige Leitende Ingenieur Wilhelm Finkhausen, Jüngster an Bord der 16-jährige Messejunge Georg Schweers. Das Durchschnittsalter der Besatzung war niedrig: 28 der 35 Seeleute waren jünger als 33 Jahre. Die meisten kamen von der Küste, viele aus Emden und Ostfriesland.

Letzter Funkspruch am 21. Dezember 1952

Am 9. November 1952 wurde die „Melanie Schulte“ in Dienst gestellt. Sie fuhr an die Ostküste Québecs (Kanada), mit Getreide geladen zurück nach Hamburg und dann zum norwegischen Narvik. Am 17. Dezember legte sie dort, schwer beladen mit 9.306 Tonnen schwedischem Eisenerz, ab. Der vorletzte Funkspruch des Schiffes wurde vier Tage nach dem Auslaufen nachmittags um 14.40 Uhr abgesetzt.

Das Schiff befand sich zu der Zeit etwa 90 Seemeilen nordwestlich der Insel Lewis in den Äußeren Hebriden. Der letzte Funkkontakt kam am 21. Dezember um 22 Uhr mit Norddeich Radio zustande. Am 23. Dezember hätte die Position neu gemeldet werden müssen, doch der Kontakt blieb aus. Die Nachricht, das das Schiff vermisst wird, verbreitete sich in Emden und an der Küste wie ein Leuchtfeuer. Er habe es auch aus der Zeitung erfahren, sagt Hero Janssen. Schnell hatte er an die Worte seines Vaters zum missglückten Stapellauf und dem damit verbundenen vorausgesagten Unglück gedacht. „Er hatte Recht“, sagt Hero Janssen. Es war ein Schock für Emden, der bis heute nachhallt, berichten viele Zeitzeugen.

Das Rätsel ist bis heute nicht ganz gelöst

Die „Melanie Schulte“ wurde mit britischer Luftunterstützung gesucht. Am 5. Januar entdeckte ein Pilot einen großen Ölfleck, den man der „Melanie Schulte“ zuschrieb, da in dem Seegebiet keine anderen Schiffe vermisst waren. Am 23. Januar wurden dann zwanzig zerfetzte Fichtenplanken und am 5. Februar eine Holztür mit dem Messingschild „Mithörleitung“ an der Küste der Hebriden-Insel North Uist angespült. Am 17. Februar wurde an der Westküste der Hebriden-Insel Benbecula einen Rettungsring gefunden, der die Aufschrift des Emder Frachters trug.

Warum und wie genau die „Melanie Schulte“ unterging, ist bis heute ein Rätsel. Weil Augenzeugen fehlten, wurde in der Seeamtsverhandlung in Hamburg am Ende vom Vorsitzenden verkündet: „Wahrscheinlich hat das Zusammentreffen einer ungünstigen Verteilung der Ladung im Schiff mit einer ungewöhnlichen Schlechtwetterlage einschließlich Windsee und Dünung […] zu einer derart hohen Druckbeanspruchung im Schiff geführt, dass ein so schnelles Zusammenbrechen des Schiffes erfolgt ist, dass auch zur Abgabe eines Funkspruches keine Möglichkeit mehr bestand.“

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