Osnabrück  Paula Modersohn-Becker: Sie war die Frau, die sich etwas traut

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 22.12.2023 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Eine Frau entdeckt sich selbst ganz neu: Selbstbildnis von Paula-Modersohn-Becker im Landesmuseum Hannover. Foto: IMAGO/localpic
Eine Frau entdeckt sich selbst ganz neu: Selbstbildnis von Paula-Modersohn-Becker im Landesmuseum Hannover. Foto: IMAGO/localpic
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Sie ist die Kultfigur eines selbst bestimmten Lebens: die Malerin Paula Modersohn-Becker. Bremen und Hannover zeigen ihr Werk noch einmal neu – mit Bildern, die sonst selten zu sehen sind.

Legt sie nur die Hand an das Kinn oder hält sie sich eine Maske vor das Gesicht? Mit ihrem „Selbstbildnis nach halbrechts“ gibt Paula Modersohn-Becker bis heute Rätsel auf.

Eine Frau auf dem Weg zu sich selbst: Das mit 27 mal 19 Zentimetern eher kleine Gemälde wirkt wie das große Dokument einer Selbstfindung. Kunstexperten sehen das Gemälde heute als wichtiges Dokument. Das Paula Modersohn-Becker-Museum in der Bremer Böttcherstraße präsentiert es jetzt als Neuzugang.

„Vielen ist immer noch nicht klar, wie modern Paula Modersohn-Becker in Wirklichkeit war“, kommentiert Frank Schmidt, Direktor des Bremer Museums, den Neuzugang. Was das Bild gekostet hat, verrät er nicht.

Die Tatsache, dass die Kulturstiftung der Länder, die Ernst von Siemens Kulturstiftung und ein „Bremer Mäzen“ den Erwerb mit ermöglicht haben, lässt auf einen Millionenbetrag schließen. Die Künstlerin malte das Bild 1906 während ihres letzten längeren Aufenthaltes in Paris.

Als Paula Modersohn-Becker 1907 nach der Geburt ihrer Tochter an einer Embolie mit gerade einmal 31 Jahren stirbt, beherrschen Männer die Kunstszene allein. Ob Ernst Ludwig Kirchner oder Wassily Kandinsky, von Pablo Picasso gar nicht zu reden – es sind die großen Matadore der klassischen Moderne, die die Kunst neu erfinden.

Dass mit Paula Modersohn-Becker ausgerechnet im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen eine Frau sensationell neue Bilder malt, kann da noch niemand wissen.

„Denn ich werde noch etwas. Wie groß oder wie klein, dies kann ich selbst nicht sagen, aber es wird etwas in sich Geschlossenes“, schreibt die Malerin 1906 an ihre Mutter. Die Künstlerin, die ihre Fans heute nur zärtlich Paula nennen, revolutioniert das Selbstbildnis, entdeckt das Kind als Bildmotiv neu. Sie ist die erste Künstlerin überhaupt, die sich komplett nackt porträtiert.

Ihre Bilder von den Ausgestoßenen, wie jener Armenhäuslerin, die sie wiederholt porträtiert, fügen der Kunst einen Blick hinzu, den es so nur bei Modersohn-Becker gibt.

Eine Legende ist sie längst. Jetzt fällt ein geschärfter Blick auf sie. Bremen zeigt das gerade neu erworbene Selbstbildnis, das Landesmuseum in Hannover präsentiert den eigenen Bestand Paula Modersohn-Beckers. Immerhin 39 Werke der Kunstpionierin versammelt das Haus, Selbstporträts, Stillleben, Landschaften. Vor allem Keks-Fabrikant Hermann Bahlsen legte mit Schenkungen den Grundstein für diesen Bestand.

„Es brennt in mir ein Verlangen, in Einfachheit groß zu werden“: Paula Modersohn-Becker lebt in einem Pathos des Aufbruchs, auf sich allein gestellt und doch selbstgewiss.

Die Präsentation in Hannover zeigt ihren Weg als fortlaufendes Experiment. Am Ende gelangt die Malerin zu expressiv kompakten Bildern, die in ihrer Zeit kaum eine Parallele haben. „Sie war ihrer Zeit weit voraus“, sagt der Bremer Museumschef Schmidt im Rückblick. Die Malerin habe an den gleichen künstlerischen Fragen wie Picasso gearbeitet, ordnet er ihr Werk ganz neu ein.

Schon jetzt ist klar, dass die Beschäftigung mit Paula Modersohn-Becker 2024 spektakulär weitergehen wird. Wie Frank Schmidt erläutert, werden die Neue Galerie in New York und das Art Institute in Chicago die Werke der Malerin zeigen.

Schon jetzt ist klar, dass Bilder aus Bremen für diese Präsentationen in die USA gehen werden. Bereits 2017 kaufte das New Yorker Museum of Modern Art das letzte Selbstbildnis der Künstlerin für die eigene Sammlung an. Was für ein Ritterschlag.

Bremen, Paula-Becker-Modersohn-Museum. Di.-So., 11-18 Uhr.

Hannover, Landesmuseum: Ich werde noch etwas. Paula Modersohn-Becker in Hannover. Bis 25. Februar 2024. Di.-So., 10-18 Uhr.

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