Überfall in Aurich  Tankstellenräuber wollte in den Knast

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 22.12.2023 16:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich ging es am Freitag um einen Überfall auf eine Tankstelle. Foto: Archiv/Ortgies
Vor dem Landgericht Aurich ging es am Freitag um einen Überfall auf eine Tankstelle. Foto: Archiv/Ortgies
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Ein 15-Jähriger und ein 18-Jähriger stehen in Aurich wegen besonders schweren Raubes vor Gericht. Sie überfielen im August die Jet-Tankstelle in Aurich. Das Motiv des 18-Jährigen ist kurios.

Aurich - Ein 15-jähriger Auricher und ein 18-jähriger Obdachloser haben am 12. August 2023 die Jet-Tankstelle an der Emder Straße in Aurich überfallen. Deshalb stehen sie seit Freitag vor Gericht. Mit Messern bewaffnet bedrohte der 15-Jährige laut Anklageschrift die 28-jährige Kassiererin, die mit dem Argument, die Kasse sei verschlossen, kein Geld herausrückte. Stattdessen nahmen die Räuber einige Pakete Zigaretten, E-Zigaretten und Minisalamis mit.

Sie sitzen seither in Untersuchungshaft und müssen sich nun vor der 1. Großen Jugendkammer des Landgerichts Aurich verantworten. Beide räumten den Vorfall ein. Sie wollten Geld beschaffen für Drogen. Ein weiteres Motiv klingt kurios. Der Obdachlose wollte absichtlich in den Knast, weil er meinte, dort gehe es ihm besser.

Verteidiger findet es schräg

Der Verteidiger des 15-Jährigen, Arno Saathoff, gab vorweg für seinen Mandanten eine Erklärung ab. „Es ist die erste freiheitsentziehende Maßnahme. Er ist sehr beeindruckt“, sagte er über dessen Aufenthalt in der Untersuchungshaft. Die beiden seien im Combi-Markt zufällig erstmals aufeinandergetroffen. Sie hätten abgesprochen, irgendwo einzubrechen, um Geld für Drogen zu beschaffen. Sein Mandant habe sich aufspielen wollen und gemeint, man könne eine Tankstelle überfallen. „Er holte zu Hause zwei Messer aus der Küche und eine Sturmhaube. Gemeinsam konsumierten sie noch eine Bong Marihuana“, so der Verteidiger. Der Weg zur Tankstelle sei nicht weit gewesen. Der 15-Jährige sei gleich zur Kassiererin gegangen, aber die Kasse sei zu gewesen. „Er hat Angst bekommen und hat sich bei der Sache schlecht gefühlt“, sagte Saathoff. Sein Mandant bedauere die Tat zutiefst. Er wolle eine Therapie und eine Ausbildung zum Maler und Lackierer machen.

Über eins wunderte sich der Vorsitzende Richter Bastian Witte: „Beide nehmen für sich in Anspruch, Ideengeber gewesen zu sein.“ Das komme hier selten vor. Ralf Giese, Verteidiger des 18-Jährigen, erklärte, ihm komme so einiges an dem Raubüberfall schräg vor. Unter anderem habe sich sein Mandant 15 Minuten danach bei der Polizei gestellt und sich als Haupttäter aufgespielt.

Es dauerte eine Minute

Der 18-Jährige hatte noch eine weitere Überraschung auf Lager. „Mein Kollege hat mir gedroht, wenn ich bei dem Raub nicht mitmache, würde er mich abstechen“, äußerte er ohne Umschweife zum Tatgeschehen. Das war selbst seinem Anwalt noch nicht zu Ohren gekommen. Er bat um eine Unterredungspause. Danach gab er bekannt, sein Mandant sei an einem Punkt, „wo er aufräumen und die Geschichte komplett erzählen möchte“.

Nach Angaben des 18-Jährigen drohte der 15-Jährige ihm, weil er vor der Tankstelle geäußert habe, doch keine Lust mehr auf den Überfall zu haben. Der Mitangeklagte wies den Vorwurf zurück. Der einminütige Raubüberfall ist von verschiedenen Videokameras festgehalten worden. Die Aufzeichnungen wurden angeschaut.

Täter bitten um Entschuldigung

„Es war gegen 21.15 Uhr. Ich stand hinter der Kasse. Sie sind reingestürmt und sagten so was wie Geld her“, berichtete die Kassiererin im Zeugenstand. Die Angeklagten entschuldigten sich bei ihr wie bei allen weiteren Zeugen. Gegenwärtig ist die Auricherin über die schlimmsten Folgen des Überfalls hinweg. „Damals war ich natürlich total geschockt. Inzwischen habe ich das verarbeitet.“

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Eine 19-jährige Tankstellen-Kundin aus Schweindorf meinte, sie habe den Überfall zuerst nicht ernst genommen. Er sei ihr albern vorgekommen: „Sie riefen ,auf den Boden, auf den Boden′. Sie waren ziemlich jung.“ Ihrer Freundin riss der unmaskierte 18-Jährige das Portemonnaie aus der Hand. Als er bemerkte, dass es kein Geld enthielt, verlangte er von ihr, sich auf den Boden zu legen. Sie habe versucht zu flüchten und die Polizei zu rufen. Da habe er ihr das Messer auf den Rücken gehalten. Eine Schnittwunde sei nicht entstanden. „Er hatte ein Lächeln im Gesicht. Dadurch dachte ich, dass es nicht ernst war“, begründete die Blombergerin ihre erste Einschätzung der Lage.

Als Säugling misshandelt

Christa Berenstecher von der Jugendgerichtshilfe berichtete über die massiven Verhaltensauffälligkeiten des zierlichen 15-Jährigen zu Hause, in der Schule und in der Haftanstalt Hameln. Einen Hauptschulabschluss hat er nicht erlangt. Seine Mutter war bei seiner Geburt 19 Jahre alt. Als Säugling soll er misshandelt worden sein. Zwischenzeitlich lebte er in Pflegefamilien oder bei seinem Vater, durchgehend begleitet von Maßnahmen des Jugendamtes. Eine positive Sozialprognose konnte sie nicht stellen.

Der blasse, schlanke 18-Jährige stammt aus Weener, wo er behütet bei seinen Eltern aufwuchs. Seit er 13 Jahre alt ist, gibt es Schwierigkeiten, weil er Grenzen nicht akzeptieren wollte. Bei ihm wurde ADHS diagnostiziert, er konsumierte Drogen und Alkohol, zerstörte Möbel und bestahl seine Eltern. Zuletzt war er bis zu seinem 18. Geburtstag in einer Einrichtung untergebracht, wo er eine Erzieherin mit einem Messer bedrohte und als unberechenbar eingeschätzt wurde.

Das Gefängnis als Hotel

Mit seiner Volljährigkeit Mitte Mai entschied er sich für die Obdachlosigkeit. In Zukunft würde der Angeklagte gerne als Müllmann arbeiten, das hat ihm der Vater einer Freundin angeboten. Das Gefängnis betrachtet er als eine Art Hotel. „Ihm ist nicht ganz klar, in welcher Situation er sich befindet“, meinte die Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe. Sie sprach sich für die Anwendung des Jugendstrafrechts aus, doch das Gericht wollte sich in dieser Hinsicht nicht festlegen.

Bezüglich des weiteren Lebensweges des 18-Jährigen machte sich Ratlosigkeit im Gerichtssaal breit. Die Mittel der Jugendhilfe seien ausgeschöpft, betonte Berenstecher. Alle Prozessbeteiligten erwarten nun die Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Egbert Held, der zum nächsten Termin geladen ist. Der Prozess wird am 9. Januar 2024 ab 13 Uhr in Saal 003 fortgesetzt. Dann fällt auch das Urteil.