Berlin Till Lindemann und der Rammstein-Skandal: die ungelösten Fragen
Das Ermittlungsverfahren gegen Till Lindemann ist eingestellt. Ist das Thema Rammstein damit abgehakt? Ein Rückblick auf Dilemmata und Ambivalenzen im größten Musik-Skandal des Jahres 2023.
Wie Till Lindemann eine Person des Jahres wurde, ist schnell erzählt. Warum die Debatte so kompliziert war, dröselt sich schon schwieriger auseinander. Aber der Reihe nach.
Am 25. Mai 2023 äußert die Nordirin Shelby Lynn bei Twitter den Verdacht, auf einem Rammstein-Konzert unter Drogen gesetzt worden zu sein. Lindemann habe Sex von ihr eingefordert, ihr Nein allerdings akzeptiert. Am nächsten Morgen sei sie mit blauen Flecken aufgewacht, für die sie keine Erklärung habe.
NDR und „Süddeutsche“ sammeln daraufhin Aussagen weiterer Frauen. Anonym machen sie Lindemann belastenden Sex zum Vorwurf. Außerdem beschreiben sie ein Casting-Wesen, über das junge Frauen systematisch für Sex rekrutiert worden seien. Ein Video, in dem die YouTuberin Kayla Shyx das Anbahnungssystem schildert, wird millionenfach abgerufen.
Ab nun vergeht kein Tag ohne Rammstein-Schlagzeilen – presserechtlich alle heiß umkämpft: Die Gerichte unterbinden eine Berichterstattung, die den Verdacht erweckt, Lindemann habe Frauen mit K.o-Tropfen gefügig gemacht oder Sex erzwungen. Gebilligt wird die Darstellung des „Castings“. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt zu Sexualdelikten und der Abgabe von Betäubungsmitteln – und stellt das Verfahren mangels hinreichenden Tatverdachts ein.
Und doch steckt die Debatte, bei der man sich Eindeutigkeit so wünscht, voller Ambivalenzen. Zu den Spannungsfeldern gehört die Konkurrenz von juristischer Aufarbeitung und öffentlichem Urteil. Eingestellt wurde das Verfahren, weil keine Betroffene sich an die Strafverfolgungsbehörden gewandt hat – nicht eine einzige. Stattdessen haben sie die Bewertung an die Medien delegiert.
Das folgt – man denke an all die True-Crime-Formate – einem Trend, der keinem hilft. Dem Beschuldigten wird ein echter Freispruch verweigert. Medien geraten in den Verdacht der Parteilichkeit. Und die Gesellschaft zerfällt: Hier Demos gegen eine „Vergewaltigungskultur“, dort Fans, die im Sommer sechs von acht Rammstein-Studioalben in die Top 100 befördern.
Spannung herrscht auch zwischen Kunst und Realität. In Lindemanns Texten spricht nicht er, sondern ein fiktives Ich. Auch im berüchtigten Gedicht über eine K.o.-Tropfen-Vergewaltigung. Wenn Leser es trotzdem für wahr halten wollen, dann auch, weil Lindemann die Verschmelzung mit seiner Kunstfigur aktiv inszeniert. Zum Beispiel, indem er beim Solokonzert ein Porno-Video projiziert, das ihn beim – Nur vorgespielten? Echten? Gar live praktizierten? – Backstage-Sex zeigt.
Am schwierigsten wird es beim Verhältnis von Selbstbestimmung und Machtmissbrauch. Selbst die Frauen, die in der „Süddeutschen“ ihren Sex mit Lindemann schildern, beschreiben ambivalente Gefühle und eine Unsicherheit, wie ihr Erleben zu bewerten ist. Als Unbeteiligter steht man vor einem Dilemma: Wie unterstützt man sehr junge Frauen in einer asymmetrischen Konstellation, die leicht zu missbrauchen ist – ohne ihnen die sexuelle Entscheidung abzusprechen?
Helfen könnte ein Gespräch über Einvernehmlichkeit. Das fällt leichter, nachdem der strafrechtliche Vorwurf vom Tisch ist. Der Rammstein-Drummer Christoph Schneider hat einen Anfang gemacht. Er glaube nicht an Backstage-Verbrechen, hatte er auf Instagram geschrieben. „Und trotzdem sind anscheinend Dinge passiert, die – wenn auch rechtlich ok – ich persönlich nicht in Ordnung finde.“
Hier könnte die bislang sehr schweigsame Band weitermachen. Was ist beim Groupie-Sex in Ordnung? Und was von den Rammstein-Routinen war es nicht? Um das zu bewerten, müssen Band und Crew reden. Wer, wenn nicht sie? Künstler, die vom Kindsmord bis zur Shoah jedes Tabu zur Show machen, sollten auch über private Grenzverletzungen sprechen können.