Mein Lieblingsartikel 2023  Leeraner irrt vier Tage durch Madeiras Wildnis – und überlebt

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 30.12.2023 16:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Überglücklich: Jochen Sollermann mit seinem Retter. Fotos: Regional Emergency Operations Command
Überglücklich: Jochen Sollermann mit seinem Retter. Fotos: Regional Emergency Operations Command
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Vier Tage lang irrte Jochen Sollermann durch die Wildnis von Madeira. Er hatte sich beim Wandern verlaufen. Seine Retter kamen in letzter Minute.

Selten hat mich eine Geschichte so nachhaltig beschäftigt, wie die von Jochen Sollermann. Was der 58-Jährige bei seinem Urlaub auf Madeira mitgemacht hat, ist wirklich abenteuerlich. Beeindruckt war ich auch von der Art, wie er mir von seinen Erlebnissen erzählte. Ich bin noch heute sehr froh, dass Jochen Sollermann diesen Trip überlebt hat. Der Artikel erschien zum ersten Mal am 20. Februar 2023.

Leer - Jochen Sollermann klammert sich an einen Busch. Vor ihm ist nur noch dieses Gestrüpp, in das er reingerutscht ist, dahinter ist eine Schlucht. Im Tal in der Ferne kann er den Ort sehen, in dem sein Hotel steht. Doch in São Vicente ist er seit vier Tagen nicht gewesen. Bei einem Wanderausflug auf der Insel Madeira hat er sich verirrt. Entkräftet sitzt er nun da und schreit. Er schreit in den Ort, er schreit zu Gott – auf das ihn irgendwer hört und rettet.

Das ist jetzt zwei Wochen her. Der 58-Jährige liegt mittlerweile im Borromäus-Hospital in Leer. „Ich muss das kein zweites Mal im Leben haben“, sagt er. Er sei glücklich, überlebt zu haben und seinen Rettern unendlich dankbar. Begonnen hat es eigentlich ganz harmlos. Jochen Sollermann ist ein begeisterter Wanderurlauber. Auf der Atlantikinsel Madeira ist er bereits sechs Mal gewesen, seine Wanderungen hat er immer allein absolviert. So auch diesmal. „Ich kam am Sonntag an und am Montagmorgen bin ich in den Ort, um beim Supermarkt ein paar Lebensmittel für die Wanderungen zu kaufen“, erzählt Sollermann. Auf dem Rückweg habe er einen Waldweg entdeckt. „Er führte in die Richtung meines Hotels. Also bin ich ihm gefolgt“, sagt der 58-Jährige.

Am Ende des Weges weiter

Er geht und geht und geht. Nach einiger Zeit sei der Weg zu Ende gewesen. „Da habe ich einen großen Fehler gemacht“, sagt der Leeraner. Anstatt umzudrehen und zurückzugehen, habe er sich umgesehen und sei weitergelaufen. „Mich hat der Ehrgeiz gepackt“, sagt er. Mehrere Stunden ist er unterwegs. Es regnet immer stärker. Sein Handyakku macht schlapp, die Power-Bank, mit der er das Gerät aufladen will, ist so nass geworden, dass sie einen Kurzschluss verursacht. Das Handy fällt also aus. Ebenso wie die Wanderkarte, sie ist so durchnässt, dass kaum etwas zu erkennen ist. Auch seine Brille fegt es ihm vom Kopf, die findet er glücklicherweise aber wieder.

Als es dunkel wird, bleibt dem Wanderer nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben. Doch die Erde ist nass und kalt, ein Zelt oder ähnliches hat er nicht dabei. „Ich habe mich hingehockt und durfte nicht einschlafen. Hätte ich geschlafen, wäre ich den Abhang hinuntergerollt“, sagt er. Denn das Gebiet, in dem er unterwegs ist, liegt an einem Berg. „So eine Nacht kann verdammt lang werden, wenn man da hockt, müde ist und nicht schlafen darf“, sagt er.

Vorher einkaufen

Ernähren kann er sich von dem wenigen, das er zuvor im Supermarkt gekauft hat. Bananen, Schokolade, ein paar Scheiben Käse: Mehr hat er nicht dabei. Eine Wasserflasche aus Plastik ist ebenfalls im Rucksack. „Die konnte ich immer wieder auffüllen. Das war gut“, sagt er. Nach Sonnenaufgang geht er weiter. Doch auch der zweite Tag bringt ihn nicht zurück in sein Hotel. Er wandert immer weiter – irgendwann findet er einen Bach. „Ich folgte dem Bach, weil ich dachte: Alle Gewässer auf der Insel führen zum Meer“, sagt er. Er geht stundenlang, doch es ist kein Ende in Sicht.

Irgendwann dämmert es, Sollermann muss sich wieder einen Ort suchen, an dem er die Nacht verbringen kann. Komplett durchnässt von Regen und Bach findet er einen trockenen Platz. Doch schlafen konnte er da auch nicht, „ich wäre in den Bach gerollt“, sagt er. Also wacht er die Nacht über.

Mehrfach gestürzt

Am dritten Tag ist er mit den Kräften am Ende. Zwei Tage ohne Schlaf und mit hoher körperlicher Anstrengung bringen ihn an seine Grenzen. Die Beine werden schwach, der Kopf unaufmerksam. Mehrmals stürzt er, landet mit den Gliedmaßen an Felsen. Er verletzt sich schwer, ohne es wirklich zu realisieren. „Später hat man eine Wadenbeinfraktur festgestellt. Die Schulter habe ich mir auch ausgekugelt“, sagt er. Doch er ist voller Adrenalin, die Todesangst, die langsam in ihm hochsteigt, treibt ihn weiter. „Ich habe gewaltig Glück gehabt, dass ich an diesem Tag nicht in eine Schlucht gefallen bin. Zwölf bis 15 Mal bin ich gestürzt“, sagt er. Er lief einfach weiter. Dann fand er eine kleine Felsmulde. Die kleidete er mit Farn und anderen Blättern aus. Endlich konnte er schlafen. „Ich habe neun Stunden am Stück geschlafen“, sagt er. Völlig erschöpft habe er da gelegen.

Am Morgen des vierten Tages stand er wieder auf. Mittlerweile hatte er sich eine Technik angeeignet, mit der er die Abhänge passieren konnte. „Ich habe mich hingesetzt, die Beine auseinandergestreckt und mit Blätter und Ästen geschützt und bin dann heruntergerutscht“, sagt er. Damit er nicht zu viel Fahrt aufnimmt, zielt er immer wieder auf Bäume oder Sträucher. Bis er an seinen letzten Strauch kommt. „Ich prallte dagegen und dann merkte ich, wie tief es dahinter hinunter geht“, sagt Sollermann.

Alarm im Hotel

Derweil hat Sollermanns Bruder Heiner zu Hause vom Verschwinden seines Bruders erfahren. „Die im Hotel haben bemerkt, dass er nicht da ist“, sagt er. Über den Reiseveranstalter habe das Hotel den Bruder in Leer kontaktiert. „Ich habe das Personal vor Ort erstmal gebeten, sein Zimmer zu durchsuchen. Ich wollte wissen, ob er ein Zelt dabei hat. Das hätte ihn ja ein wenig geschützt“, sagt Heiner Sollermann. Das Personal fand kein Zelt, was die Leeraner Familie erstmal beruhigte. Allerdings hatte das Hotelpersonal das Zelt einfach nicht gefunden. Bange Stunden folgen für die Familie hier. Denn Jochen Sollermann ist verschwunden.

Der sitzt am Donnerstag nach dem Start seines Ausflugs am Abhang. „Ich wusste, wenn ich loslasse, stürze ich in die Schlucht“, sagt er. Und seine Kräfte schwinden. Er schreit ins Tal, das er sehen kann, in der Hoffnung, dass ihn jemand findet. Dann schreit er in den Himmel, in der Hoffnung, dass Gott ihm hilft. Irgendwann schreit jemand aus dem Tal zurück. Sollermann schreit lauter. Im Tal alarmiert jemand die Einsatzkräfte. Dort ist bereits seit einigen Tagen bekannt, dass der 58-Jährige verschwunden ist. Das Gebiet ist schwer zugänglich. Ein Rettungswagen kann nicht zu Sollermann geschickt werden. Zu Fuß wären die Einsatzkräfte vermutlich ewig unterwegs.

Rettung mit Drohne

Da hilft Sollermann ein glücklicher Umstand. Erst seit ein paar Monaten haben die Rettungskräfte in dem Gebiet eine Hubschrauberstaffel. Die Einsatzkräfte brechen zu ihrem ersten Einsatz auf. „Erst haben sie eine Drohne geschickt, die hat auch zu mir gesprochen, aber ich habe nicht verstanden, was sie will“, sagt er. Daher hätten die Rettungskräfte ihn nicht lokalisieren können. Der Hubschrauber fliegt das Gebiet ab. Rufen und Winken hilft nichts, auch das zerfleddern seiner Wanderkarte bringt keinen Erfolg. Mit letzten Kräften rüttelt Jochen Sollermann an den Busch vor ihm. Das sehen die Retter. Sie seilen sich ab und retten den Leeraner.

Im Hubschrauber liegt Jochen Sollermann seinem Retter im Arm. Er weint. „Ich konnte es nicht glauben, ich war so glücklich“, sagt er. Sie bringen ihn ins Krankenhaus. Dort steht Sollermann noch unter Schock. „Ich bin alleine Duschen gegangen, habe mich ins Bett gelegt“, sagt er. Von dem Bruch im Bein und der Schulter habe er nichts bemerkt. „Ich habe denen sogar gesagt, dass ich ja ins Hotel zurück könnte“, sagt er. Denn die Klinik war so überfüllt, in der ersten Nacht schlief er auf dem Flur. Doch die Ärzte hielten ihn ab. Nähere Untersuchungen zeigten schnell: Der 58-Jährige war so erschöpft, dass sein Körper bereits die Nieren angegriffen habe. „Wäre ich ins Hotel gegangen, wäre ich vermutlich in ein paar Tagen tot gewesen“, sagt er. Nach und nach wurde ihm klar, wie viel Glück er hatte. Gut eine Woche nach seiner Rettung wird er nach Deutschland geflogen und im Borromäus-Hospital weiter behandelt. Auf Madeira berichten einige Nachrichtenseiten von der Rettung des Deutschen, vor allem, weil es der erste Einsatz der Helikopterstaffel war.

Ewige Dankbarkeit

Er sei froh, über die Hilfe, die er bekommen habe. „Meinen Rettern werde ich ewig dankbar sein“, sagt er. Mittlerweile hat er viel über die Geschehnisse nachgedacht und Erkenntnisse gezogen. „Es war gut, dass ich gute Wanderschuhe und eine feste Arbeitshose getragen habe. Ich hatte auch mehrere Oberteillagen an, das war gut. Auch die Plastikflasche mit Wasser hat mir sehr geholfen“, sagt er. „Nicht gut war, dass ich einen Weg genommen habe, den ich nicht sicher kannte und als der Weg zu Ende war, nicht umgedreht bin. Und es war auch nicht gut, dass ich niemandem Bescheid gesagt habe“, resümiert Sollermann.

Für seine Genesung wird er noch einige Wochen brauchen, als nächstes wird der Fuß operiert, auch mental habe er es gut weggesteckt, sagt er. „Ich danke einfach Gott, dass ich noch lebe.“

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