Osnabrück  Wie geht es Osnabrücks emeritiertem Bischof Bode im Moment?

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 02.01.2024 15:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Was macht eigentlich der emeritierte Bischof Franz-Josef Bode? Unter anderem feiert er Messen im Osnabrücker Dom. Foto: André Havergo
Was macht eigentlich der emeritierte Bischof Franz-Josef Bode? Unter anderem feiert er Messen im Osnabrücker Dom. Foto: André Havergo
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Es ist ruhig geworden um Osnabrücks emeritierten Bischof Franz-Josef Bode. Wie geht es Bode in diesen Tagen? Ein Besuch im Osnabrücker Dom.

Im Herzen eines Bistums liegt die Bischofsstadt. Und in ihrem Zentrum residiert der Bischof. Von diesem mächtigen Mann hängen Personal und politischer Kurs einer Diözese ab, ja sogar, wie sehr sich Gläubige weit draußen in der Peripherie in ihren Gemeinden zuhause fühlen können.

Fast dreißig Jahre lang wurde von der Nordsee bis ins Osnabrücker Land in jedem Gottesdienst für „unseren Bischof Franz-Josef” gebetet.

Seit seinem Rücktritt im vergangenen März ist es still geworden um Franz-Josef Bode, vor dessen Bischofstitel nun ein „emeritiert” gehört.

Wie geht es ihm heute? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Bode hat Interviewanfragen unserer Redaktion mehrfach abgelehnt. Nach seinem Rücktritt wolle er sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, hieß es. Einzelne Termine nahm er noch wahr, hier ein Festgottesdienst, da der Abschluss einer Wallfahrt.

Für Interesse sorgte zuletzt sein Umzug – von der einen Seite des Doms, aus dem Bischofshaus, auf die andere Domseite, neben das Osnabrücker Theater. Ursprünglich hätte es eine andere Wohnung sein sollen. Aber die aktuelle sei barrierefreier, hieß es aus dem Bistum. Der Bischof ist mittlerweile 72 Jahre alt und nicht mehr so gut zu Fuß.

Ganz verschwunden ist Franz-Josef Bode damit aber nicht. Wer regelmäßig Gottesdienste im Osnabrücker Dom besucht, kann ihn dort erleben. So auch an einem Samstag zwischen den Jahren.

Es ist kurz vor 17 Uhr. Wer zu einer solchen Zeit den Gottesdienst besucht, hat häufig das eigene Gotteslob unterm Arm, das katholische Gebet- und Gesangbuch. Zu Orgelmusik zieht pünktlich um 17 Uhr der emeritierte Bischof mit Kantor und Lektor ein, verbeugt sich vor dem Altar. Bode nimmt seinen Platz links vom Altar ein, die beiden anderen Männer stehen auf der rechten Seite.

Das erste Lied singt Bode routiniert mit, wiegt dazu leicht im Takt. „Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich …” – bis weit ins Mittelschiff ist er zu hören. Hinter ihm funkeln die Lichter an großen Tannenbäumen. Während sich der Rest der Welt auf Silvester vorbereitet, ist im Kirchenjahr gerade erst Weihnachten geworden.

Ein halbes Jahr zuvor, im Juni, stand Bode hinterm Altar noch umringt von katholischen Bischöfen, hochrangigen Kirchenvertretern und Mitarbeitern. Rund 800 Menschen feierten mit dem Bischof seinen Abschied vom Amt. Ein festlicher Gottesdienst voll Weihrauch und emotionaler Reden.

Heute steht Bode alleine da. Kein Weihrauch, eine überschaubare Zuhörerschaft. Im Dienstplan für die Gottesdienste im Dom wechselt er sich mit anderen ab. Über seine Messen wird nicht gesondert informiert.

Bode lebt weiterhin im Herzen des Bistums, aber nicht mehr im Zentrum der Macht.

Was geht ihm an einem solchen Tag, zwischen den Jahren und zwischen den Pontifikaten dieses Bistums, durch den Kopf?

Später, am Ende des Gottesdienstes wird Bode Werbung für den Jahresendgottesdienst mit Weihbischof Johannes Wübbe machen. Der hat bis zur Ankunft eines neuen Diözesanbischofs die Amtsgeschäfte übernommen. In den Worten Bodes: keine Spur von Bitterkeit, eher ehrliche Begeisterung. Ist dem ehemaligen Kirchenoberhaupt mit dem Rücktritt auch eine Last von den Schultern genommen?

Bode predigt an diesem Nachmittag über die heilige Familie, fragt in die riesigen Hallen des Doms hinein: „Kann die heilige Familie wirklich Vorbild sein für unsere Familie?” Er spricht über Liebe, „nicht nur als verliebtes Hochgefühl, sondern als Annahme des ganz normalen Chaos’ des Alltags”. Das predigt ein Mann, der mit der Priesterweihe versprochen hat, auf Frau und Kinder zu verzichten.

Hier und da blitzen Anspielungen in der Predigt auf, etwa diese: „So bin ich in diesen letzten Tagen des Jahres 2023 mit der tiefgreifenden Veränderung für unser Bistum und für mich selbst voller Zuversicht.”

Und dann zitiert er ein Gedicht von Andreas Knapp, ein Abendgebet: „Was du heute gesehen hast, überschau es noch einmal, im wärmenden Abendlicht“, heißt es da, und in der letzten Strophe: „Und in der Abenddämmerung des Sterbens zählt am Ende nur, ob du dein Leben ganz im Licht der Liebe sehen kannst.” Bode wiederholt den Schluss noch einmal nachdenklich.

Welches Fazit zieht ein Mann mit 72, der zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine lange, echte Ruhephase erlebt? Bode steht nicht mehr täglich im Fokus der Öffentlichkeit, muss sich auch nicht mehr regelmäßig vor Mitarbeitern für sein Vorgehen bei Missbrauchsfällen rechtfertigen. Wenn Bode zurückblicken sollte, dann auf ein Leben in einem Dienst, der nicht nur die Arbeit, sondern auch das Privatleben eines Menschen vollständig durchdringt.

Die Gabenbereitung jedenfalls zelebriert der emeritierte Bischof mit routinierten Handgriffen. Die Gemeinde singt währenddessen drei Strophen von „Zu Bethlehem geboren”. Bode blickt kurz auf zur Anzeige der Liednummer, blättert im Gotteslob flott zur richtigen Seite und steigt bereits zur zweiten Strophe ein.

Am Ende, zur Kommunionsausteilung, kommt als Allerletzte ein kleines Mädchen mit blonden Locken nach vorne. Bode beugt sich zu ihm hinab und zeichnet das Kreuzzeichen auf die Stirn des Kindes.

War es all das wert? War dieser bisherige Lebensweg aus der Perspektive desjenigen, der ihn beschritten hat, ein guter? Und war der Schritt heraus aus dem Zirkel der Macht, hinein in ein privateres Leben am Rande des Doms richtig? Welche Antworten der emeritierte Bischof auf diese Fragen geben würde, bleibt an diesem Tag offen. Unzufrieden wirkt er jedenfalls nicht.

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