Sucht im Landkreis Leer  Leeraner Suchtberater warnt vor Medikamenten-Missbrauch bei Jugendlichen

Rieke Heinig
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Von Rieke Heinig
| 09.01.2024 13:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Unter anderem Schmerzmittel werden missbräuchlich eingenommen. Foto: Annette Riedl/dpa
Unter anderem Schmerzmittel werden missbräuchlich eingenommen. Foto: Annette Riedl/dpa
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Jugendliche im Landkreis Leer sind wohl immer häufiger süchtig nach Medikamenten. Für Suchtberater eine bedenkliche Entwicklung – mit teils tödlichen Risiken.

Landkreis Leer - Der Drogenkonsum von jungen Menschen ist schon lange ein Thema, das wohl gerade Eltern stark beunruhigt. Doch in letzter Zeit sind es nicht mehr nur illegale Drogen, die die Jugendlichen im Landkreis Leer vermehrt in ihren Bann ziehen und den hiesigen Suchtberatern Sorgen bereiten. Das berichtet Klaus Weber, Bereichsleiter der Fachstellen für Sucht und Suchtprävention (Drobsen) in Leer, Emden, Aurich und Norden. Immer mehr Jugendliche würden demnach ein riskantes Verhalten im Umgang mit Medikamenten aufweisen. „Ich schaue mir aktuell die Zahlen an. Nach meinem ersten Eindruck bildet sich ab, dass Jugendliche verschreibungspflichtige Medikamente vermehrt missbräuchlich konsumieren“, so der Suchtberater. Das sei eine bedenkliche Entwicklung, betont er.

Dabei stehe nicht nur eine Substanz im Fokus, sondern eine ganze Palette an Medikamenten, so Weber. Als Beispiele nennt der Suchtberater die Opiate Oxycodon und Tilidin – eigentlich Schmerzmittel – sowie Ritalin, das oft Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS ) verschrieben wird, um deren Symptome zu mindern. Das Problem: Bei nicht bestimmungsgemäßem Konsum könnten sich körperliche und psychische Abhängigkeiten entwickeln, heißt es auf dem Portal drugcom, einem Projekt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Was hat es mit den Medikamenten auf sich?

Drugcom zufolge handelt es sich bei Tilidin um ein „synthetisches Opioid, das in der Medizin als Schmerzmittel eingesetzt wird“. Wird das Medikament – meist wegen der euphorisierenden Wirkung – missbräuchlich verwendet, bestehe die Gefahr, dass Tilidin körperlich abhängig macht. In Kombination mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln könne das Medikament im schlimmsten Fall sogar zu Atemlähmungen und damit zum Tod führen.

Ähnlich verhalte es sich mit Oxycodon, das auch unter dem kürzeren Szenenamen Oxy bekannt ist. Nach Angaben der Webseite Suchtportal wirkt Oxycodon nach dem gleichen Prinzip, aber deutlich stärker und schneller als Morphin, wodurch es zu Euphorie-Schüben kommen kann. Zudem habe es beruhigende und angstlösende Eigenschaften und kann körperlich abhängig machen. Wird es mit Beruhigungsmitteln oder Alkohol eingenommen, kann Oxycodon wie Tilidin zum Atemstillstand führen.

Ritalin werde in der Drogenszene als „Ersatz-Speed“ gehandelt und kann bei zu hohen Dosen psychisch abhängig machen, heißt es auf der Webseite drugcom. Beim missbräuchlichen, also nicht bestimmungsgemäßen Konsum werde das Medikament „wegen seiner anregenden Wirkung konsumiert: zur Vertreibung von Müdigkeit, zur Aufmerksamkeitssteigerung, um nächtelang studieren oder feiern zu können und um die euphorisierende Wirkung zu erleben.“ Wer Ritalin übermäßig zu sich nimmt, müsse teilweise mit Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen sowie Kopfschmerzen und Verwirrtheit rechnen. „Auch sind beispielsweise Angstzustände, Wahnvorstellungen oder Aggressivität möglich. In der aktuellen Forschung werden auch Halluzinationen und plötzliche Todesfälle als mögliche Risiken genannt“, wird auf der Webseite erklärt.

Wie erklären sich Suchtberater diese Entwicklung?

Warum Jugendliche vermehrt nach diesen Medikamenten süchtig sind, ließe sich aktuell nur mutmaßen, sagt Suchtberater Klaus Weber. „Ich denke da spielen viele Faktoren mit rein“, sagt er. Krisen wie der Krieg in der Ukraine oder die Kontakt-Beschränkungen in der Pandemie könnten mögliche Ursachen sein, wegen derer sich die jungen Leute vermehrt „betäuben“ wollten.

„Mit Sicherheit“, so Weber, habe aber auch das popkulturelle Umfeld der jungen Menschen einen Einfluss auf den Konsum. „Nicht wenige Musiker verherrlichen in den Songtexten diese Medikamente“, so Weber. Auch die Verfügbarkeit von Medikamenten, die teilweise im Haushalt schon vorhanden sind, spiele jedoch eine Rolle. „Wir werden das beobachten und weiter aufklären“, so Weber. Wie hoch Zahlen der abhängigen Jugendlichen wirklich seien und ob sich der Eindruck der Suchtberater bestätigt, werde sich erst noch final herausstellen.

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