Hilfe bei Diabetes Wenn der Körper seine eigenen Insulinzellen zerstört
Der Typ-1-Diabetes bei Kindern ist mehr als tückisch. Sie wird oft zu spät erkannt. In der Auricher Kinderklinik haben sich zwei Mediziner dem Kampf gegen die Erkrankung verschrieben.
Aurich - Ein Blutstropfen verschaffte Urte Busenius (der Name wurde von der Redaktion geändert) vor 18 Jahren Klarheit. Ihr damals acht Jahre alter Sohn Lars war an Typ-1-Diabetes erkrankt. Das bestätigte ein Test im Labor. „Das war damals ein großer Schock für mich und meinen Mann. Wir mussten unser Leben komplett umstellen“, sagt die Auricherin. Alles, was gekocht und gegessen wurde, musste dokumentiert werden, jedes Gramm Zucker, jedes Stück Torte. Wenn Lars kohlehydrathaltiges Essen, etwa Nudeln oder Brot aß, stieg sein Blutzuckerspiegel. Um ausreichend Insulin im Körper zu haben, das den Wieder senkt, mussten seine Mutter und er ausrechnen, wie viel er spritzen muss. Viermal am Tag war das erforderlich.
Urte Busenius möchte anonym bleiben. Immer noch sei die Diagnose so etwas wie eine Tabuthema. Die Autoimmunerkrankung bedeutet, dass der Körper kein oder kaum Insulin produziert. Das von der Bauchspeicheldrüse produzierte Hormon spielt im Stoffwechsel eine wichtige Rolle. Es sorgt dafür, dass der Blutzuckerspiegel sinkt und der Zucker in den Zellen verarbeitet werden kann. Die Patienten haben unbehandelt fast unlöschbaren Durst, verlieren aber auch mit den Urin sehr viel Flüssigkeit, trocknen also von innen aus und nehmen rapide ab. Gleichzeitig werden sie immer apathischer, bis hin zur vollkommenen Lethargie und schließlich im schlimmsten Fall zum Koma. Der Körper entzündet sich selbst. Rund 32.000 Kinder und etwas mehr als 300.000 Erwachsene leiden derzeit in Deutschland an dieser Erkrankung. In Aurich gab es alleine im vergangenen Jahr 27 neue Patienten. Typ-1-Diabetes unterscheidet sich von der Typ-2-Form, die oft auf falsche Ernährung zurückzuführen ist und oft erst im Alter auftritt.
Großer Teil der Zellen wird zerstört
Die Typ-1-Diabeter hat dramatische Züge: „Die Insulinzellen zerstören sich selbst, und zwar komplett. Man weiß nicht, wo der Anfang dieser Autoimmunerkrankung ist“, sagt Dr. Gerhard Däublin. Der Mediziner leitet die Kinderklinik der Ubbo-Emmius-Klinik Aurich und bietet seit mehr als 15 Jahren Schulungen für die Eltern von diabeteskranken Kindern an. Dabei lernen sie sehr viel über das Wesen der Erkrankung, aber auch über die Beschaffenheit von Nahrungsmitteln. Bei der Krankheit selbst kann Dr. Gerhard Däublin oft erst dann eingreifen, wenn der Verfall schon recht weit fortgeschritten ist. Entdeckt wird sie nämlich vielfach erst dann, wenn schon der weit überwiegende Teil der Insulinzellen, meistens 80 Prozent, bereits zerstört sind. Es dauert dann im Schnitt ein Jahr, bis auch die nicht mehr vorhanden sind und das von außen zugeführte Insulin die Funktion der Bauchspeicheldrüse komplett übernehmen muss.
Die Behandlung der Diabetes-Erkrankung hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht: „Wir arbeiten kaum noch mit Spritzen, sondern vielfach mit Pumpen“, sagt Dr. Ruth Moldenhauer, die mit Dr. Gerhard Däublin die Diabetes-Schulungen durchführt. Ein System zur kontinuierlichen Gewebezuckermessung (CGM) hat den Alltag deutlich verbessert. Es gibt einen Glukosesensor am Oberarm und daran angeschlossene Insulinpumpen, die mittlerweile etwas größer sind als eine Streichholzschachtel. Die Geräte ersetzen das händische Messen und Spritzen, das noch bei dem Sohn von Urte Busenius erforderlich war. Ihr Sohn hatte damals das Tragen von Pumpen abgelehnt. „Das wollte er einfach nicht, er hat sich einmal zum Probetragen überreden lassen, aber dann hat er sich zum Spritzen entschlossen. Das war in seinen Augen weniger stigmatisierend“, erinnert sich die Auricherin.
In ganz Europa laufen Forschungen zur Früherkennung, Vorbeugung und Behandlung von Typ-1-Diabetes auf Hochtouren. Neben dem Münchner Helmholtz Zentrum haben sich sechs weitere Forschungseinrichtungen und Kliniken in fünf europäischen Ländern unter dem Dach der GPPAD, der Globalen Plattform zur Prävention des Autoimmunen Diabetes, zusammengefunden. Gemeinsam engagieren sie sich für „eine Welt ohne Typ-1-Diabetes“.