Berufe in der Seefahrt  Zwillinge wollen Schiffsmechaniker werden

Nora Kraft
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Von Nora Kraft
| 12.01.2024 12:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Leon und Marvin stehen am Deck einer Fähre, die regelmäßig zwischen dem Festland und den Inseln Juist und Norddeich unterwegs ist. Foto: Kraft
Leon und Marvin stehen am Deck einer Fähre, die regelmäßig zwischen dem Festland und den Inseln Juist und Norddeich unterwegs ist. Foto: Kraft
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Leon und Marvin machen bei der Reederei Frisia in Norddeich eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker. Der Beruf fordert Belastbarkeit und Flexibilität. Später wollen sie als Kapitäne die Meere befahren.

Norddeich - Das ganze Jahr über fahren die Fähren von Norddeich aus die Inseln Juist und Norderney an. Eine Überfahrt ist ohne Schiffsmechaniker an Bord nicht denkbar: Sie machen die Maschinen startklar, machen die Leinen los, kümmern sich um die Beladung, sie steuern das Schiff, kontrollieren und reparieren die Maschinenanlagen.

Die Brüder Leon und Marvin aus Neuharlingersiel wollen den Beruf des Schiffsmechanikers erlernen und haben sich für eine Ausbildung bei der Reederei Frisia in Norddeich entschieden. Mit zwölf Schiffen fährt die Reederei zu jeder Jahreszeit die Inseln Norderney und Juist an. Ihre Leidenschaft für die Schifffahrt liegt in der Familie, erzählen die 18 Jahre alten Zwillinge. „Unser Opa war selbstständiger Fischer“, sagt Leon. „Und unser Vater ist gelernter Nautiker.“ Nautik beschreibt die Lehre und Wissenschaft der Schifffahrt. Neben dem Kapitän sind Nautiker für die sichere Überfahrt eines Schiffs verantwortlich. „Und ich bin einfach gerne am Wasser“, sagt Marvin und grinst.

Medizinische Tests vor Ausbildungsstart

Bevor Leon und Marvin ihre Ausbildung starten konnten, mussten sie die sogenannte Seediensttauglichkeit nachweisen. Die besteht aus ärztlichen Untersuchungen, die in regelmäßigen Abständen wiederholt werden müssen. Zum Beispiel müssen eine Rot-Grün-Sehschwäche oder schwere Herzkrankheiten ausgeschlossen werden. Und gleich im ersten Lehrjahr absolvieren die Auszubildenden einen zweiwöchigen Rettungskurs. „Da haben wir gelernt, wie wir uns verhalten müssen, wenn eine Person über Bord geht oder wie wir einen Brand bekämpfen können“, erklärt Leon.

Im Maschinenraum kontrolliert Leon den Ölstand des Schiffsmotors. Foto: Kraft
Im Maschinenraum kontrolliert Leon den Ölstand des Schiffsmotors. Foto: Kraft

Insgesamt drei Jahre werden die Brüder bei der Reederei Frisia in Norddeich ausgebildet. Derzeit sind neun Auszubildende in dem Fachgebiet bei der Reederei beschäftigt. In diesem Sommer schließen Leon und Marvin ihre Ausbildung ab. Die besteht aus der praktischen Arbeit an Bord aber auch aus theoretischem Wissen, das sich die beiden aneignen müssen. Und dafür besuchen sie eine spezielle Schule in der niedersächsischen Stadt Elsfleth. In jedem Ausbildungsjahr verbringen Leon und Marvin dort zwölf Wochen. Sie werden aber nicht in üblichen Schulfächern wie Deutsch oder Erdkunde unterrichtet. Sie müssen Fächer belegen, die wichtig für ihren Beruf sind. Etwa Elektrotechnik, Sicherheit und Brandabwehr, Maschinengrundlagen, Metallbearbeitung oder nautische Grundlagen. Zu den nautischen Grundlagen gehört unter anderem das Wissen über die verschiedenen Lichter in der Seefahrt.

Übernachten an Bord

Eine wichtige Zwischenprüfung haben die Zwillinge auch schon absolviert. Damit haben sie die sogenannte Wachbefähigung erhalten. Das bedeutet, dass sie neben dem Kapitän auf der Brücke arbeiten dürfen. Auf der Brücke werden Schiffe gesteuert. Und genau das machen Leon und Marvin am liebsten. „Steuern macht am meisten Spaß“, sagt Marvin verschmitzt. Den Brüdern gefällt besonders gut an ihrer Ausbildung, dass ihre Aufgaben so abwechslungsreich sind. Der Beruf sei außerdem sehr handwerklich, sagt Marvin. Manchmal müssten sie auf dem Schiff Malerarbeiten ausführen. Leon findet schön, dass die Reederei gleich zwei Inseln ansteuert. Und natürlich fahren die angehenden Schiffsmechaniker nicht nur auf Schiffen mit, die Personen und Autos transportieren. Manchmal werden auch Lebensmittel oder Baumaterialien auf Frachtschiffen befördert.

Marvin prüft an diesem Gerät Temperaturen der Maschine und unter anderem den Öldruck. Foto: Kraft
Marvin prüft an diesem Gerät Temperaturen der Maschine und unter anderem den Öldruck. Foto: Kraft

Es kommt manchmal übrigens vor, dass Leon und Marvin nach einem Arbeitstag nicht nach Hause fahren können. Etwa, wenn die letzte Fahrt zu einer Insel geht und das Schiff nicht mehr ans Festland zurückfährt. „Aber dann übernachten wir nicht auf der Insel, sondern bleiben an Bord“, sagt Marvin. Für die Besatzung gibt es nämlich bestimmte Schlafkammern im unteren Teil der Schiffe. Nach Feierabend könne man auch die Insel erkunden, beschreibt Marvin einen der Vorzüge seiner Ausbildung.

Sportschießen und Musik in der Freizeit

Der Arbeitsalltag eines Schiffsmechanikers sieht sehr unterschiedlich aus. Auch die Arbeitszeiten können sich ändern, je nachdem, zu welchen Zeiten die Schiffe fahren. „Für den Beruf sollte man auf jeden Fall flexibel sein“, sagt Leon. Denn ein Schiffsmechaniker müsse sich auf die unterschiedlichen Schiffstypen einstellen können. „Man sollte auch gut im Team arbeiten können“, ist Marvin überzeugt.

Wenn sie nicht ihre Sicherheitsschuhe sowie die blaue Arbeitskleidung tragen und keinen Dienst haben, sind Leon und Marvin sehr umtriebig. Die Zwillinge spielen Trompete und betreiben Sportschießen im Verein. „Wir machen auch in unserer Freizeit alles zusammen“, sagt Leon. Außerdem sind sie wie ihre Eltern bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger als freiwillige Seenotretter aktiv.

Träume von der großen weiten Welt

Im Sommer werden Leon und Marvin ihre Ausbildung zum Schiffsmechaniker bei der Reederei Frisia in Norddeich abschließen. „Die Chancen, später in dem Beruf zu arbeiten, stehen gut“, sagt der 18-jährige Marvin. Schiffsmechaniker seien gesucht. Derzeit fahren Leon und Marvin auf den Schiffen der Reederei zwischen Norddeich und den Inseln Juist und Norderney hin- und her. Langweilig sei das zwar nie, weil die See und die Arbeit an Bord immer anders und abwechslungsreich seien, sagen die beiden. Aber trotzdem wollen die Zwillinge nach ihrer Ausbildung auf große Fahrt. Das heißt, auf großen Schiffen andere Meere und Länder erkunden. „Wir wollen etwas von der Welt sehen“, sagt Marvin mit funkelnden Augen. Seefahrer sollten deswegen auch gut Englisch sprechen können. Denn auf großen Schiffen arbeite man mit Menschen aus vielen unterschiedlichen Nationen zusammen, sagt Leon.

Nach der Ausbildung können sich Schiffsmechaniker entscheiden, ob sie an Deck bleiben oder als Maschinist arbeiten wollen. Maschinisten sind an Bord für alle Maschinen verantwortlich. Leon und Marvin haben allerdings vor, nach ihrer Ausbildung noch das nautische Patent zu machen. Das ist eine Art Führerschein für Seeleute. „Damit ist man befähigt, ein Schiff zu führen“, erklärt Marvin. „Man lernt alles, um Kapitän zu werden“. Für das nautische Patent müsse man zwei Jahre lang eine Fachschule besuchen. Oder man mache ein Studium, sagt Marvin.

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