Proteste in Aurich Der Mittelstand hat „die Schnauze voll“
Nach den Landwirten ruft auch der Mittelstand zu Protesten auf. Bei der Kundgebung in Aurich übertrifft die Zahl der Teilnehmer die Erwartungen. Wie es dazu kam und was sie fordern.
Aurich - Mehr als 850 Fahrzeuge schlängeln sich zum geplanten Start der Kundgebung am Samstag, 13. Januar, noch durch die Straßen der Auricher Innenstadt. Um 12 Uhr soll es eigentlich losgehen. Doch es sind mehr Teilnehmer gekommen, als erwartet, um ihren Unmut über die aktuelle Politik zu zeigen. Viel mehr. „Als wir angefangen, haben zu planen, sah es noch ganz anders aus“, sagt Tischler Soenke Burmann aus Wiesmoor und lacht. Mit Ingo Janßen von Elektrotechnik Hedemann in Wiesmor hat er die ganze Sache ins Rollen gebracht.
„Was jetzt hier los ist, damit habe ich nicht gerechnet“, ergänzt er und nickt in die Richtung der Fahrzeugschlange. „Leute, 35 Fahrzeuge müssen es schon sein“, habe er bei dem ersten Planungstreffen in der Nacht zu Donnerstag in seiner Halle noch gesagt, erklärt Burmann, während er darauf wartet, dass alle Sprecher eintreffen. Als sich am Morgen abzeichnete, wie viele dem Aufruf zum Protest des Mittelstandes gefolgt waren, schickte er ein fassungsloses „Leute, ihr seid der Wahnsinn“ in den WhatsApp-Kanal, über den die beiden Wiesmoorer den Protest koordinieren.
Wer protestierte am Samstag in Aurich?
Eigentlich sollte der Fischteichweg als Parkplatz für den Konvoi zur Kundgebung dienen. Jetzt protestieren so viele, dass sich die parkenden Fahrzeuge die Oldersumer Straße hoch schlängeln und noch weit über den Dreekamp hinaus. Also dauert es etwas länger, bis die Sprecher vom hinteren Ende des Zuges auf dem zur Bühne umfunktionierten Anhänger ankommen.
Manche Unternehmen haben ihre gesamte Fahrzeugflotte an diesem Tag in den Dienst des Protests gestellt. Lkw, Autos und Trecker zieren rot-weißes Absperrband, es ist das Erkennungszeichen der Teilnehmer. Es sind viele – Dachdecker, Bauunternehmen, Elektroinstallateure, Pflegebetriebe, Gastronomen und natürlich Landwirte, von denen die meisten allerdings den Trecker zu Hause gelassen haben. „Wir wollen dem Handwerk nicht die Show stehlen“, hatte es im Aufruf der Landwirte geheißen, die Proteste zu unterstützen.
Wie viele haben mitgemacht und wie war die Stimmung?
Wie groß die Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik im gesamten Mittelstand im Landkreis Aurich ist, zeigen die Zahlen. Dieser Protest-Tag hat sogar die 700 Fahrzeuge und 1000 Menschen vom Start der Woche der Bauern-Proteste am Montag in Aurich noch übertroffen. Die grobe Schätzung der Polizei Aurich liegt bei 850 Fahrzeugen und etwa 2000 Protestierenden. Wahrscheinlich sind es mehr.
Die Stimmung ist ein wenig wie beim Fußball-Sommermärchen 2006, als ganz Deutschland vereint seine Weltmeisterschaft im eigenen Land feierte. Nur das Wetter ist schlechter und der Anlass, der an diesem Tag die Menschen zwischen der Einkaufspassage Caro und dem Rathaus in Aurich zusammenbringt, ist nicht unbedingt ein Grund zu feiern.
Wie kam es zu den Protesten?
Die Protestwoche der Landwirte, die sich an der zunächst angekündigten Kürzung der Subventionen für Agrardiesel entzündet hatte, hat in Ostfriesland einiges in Gang gesetzt. Auch Soenke Burmann hatte genug und fragte sich, warum nicht auch das Handwerk auf die Straße geht, statt die Landwirte nur zu unterstützen. Dann stand er bei den Protesten der Landwirte in Wiesmoor plötzlich auf der Bühne und machte seinem Unmut Luft. Jetzt übernimmt der Mittelstand selbst den Staffelstab. „Diesen Schulterschluss, den wir gerade erleben, habe ich in Deutschland so noch nie gesehen“, sagt Soenke Burmann als er in Aurich schließlich auf der Bühne steht und es endlich mit den Redebeiträgen losgehen kann.
Zwei Tage hatten die Veranstalter für die Planung. Nicht viel, wenn man so etwas vorher noch nie gemacht hat. „Wir hatten viel Unterstützung von den Landwirten“, erklärt Burmann, warum es schließlich doch reibungslos geklappt hat. Dass er selbst einmal eine Demonstration organisieren und vor den Menschen sprechen würde, hätte er noch vor einer Woche selbst nicht gedacht. „Dann bin ich durch Zufall in eine Planungsrunde der Landwirte geraten.“ Damit ging alles los.
Was fordern die Redner?
Jetzt steht er hier, auf der Bühne in Aurich. Es reicht jetzt mit der willkürlichen Politik der Bundesregierung, findet er. Nachvollziehbare Gesetze und Entscheidungen und vor allem Planungssicherheit fordert Burmann. Nicht nur er. Diese Forderung zieht sich durch, so unterschiedlich die Hintergründe der verschiedenen Sprecher auch sind. Aufgerüttelt von den Protesten der Landwirte machen sie ihrem Unmut Luft, kommen aus der Baubranche, aus der Pflege, der Gastronomie, sind Lohnunternehmer und Schüler.
Am Ende spricht der Landwirt Helmut Asche aus Wiesmoor als Unterstützer. Er hatte am Montag die Demonstration in Wiesmoor organisiert, bei der Burmann auf der Bühne stand. „Wir sitzen alle in einem Boot“, sagt er: „Ich hätte nicht gedacht, dass es einen solchen Schulterschluss geben würde. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist viel wert. Bleibt am Ball, ihr seht, ihr habt den Rückhalt“, gibt er den Veranstaltern mit auf den Weg. Es ist also am Ende doch ein wenig wie bei der WM 2006. Es wird sogar gesungen, kein echter Fan-Gesang, sondern „Wir haben die Schnauze voll!“. Aber die Melodie stimmt immerhin.
Das hat der Mittelstand zu sagen:
„Die Landwirte hatten den Arsch in der Hose, den Protest in die Hand zu nehmen“, sagt Tino Meyer vom gleichnamigen Bauunternehmen in Großefehn. Auch er hat „die Schnauze voll“. Bei explodierenden Baustoffpreisen und explodierenden Preisen für die Erschließung von Neubaugebieten könnten sich die Menschen einen Neubau gar nicht mehr leisten, sagt er. Hier müsse sich etwas ändern.
Karl-Heinz Neemann vom gleichnamigen Lohnunternehmen in Großefehn fordert „keinen Regierungswechsel, aber einen massiven Richtungswechsel“. CO2-Steuer und Maut seien eine große Belastung, die so nicht mehr hinnehmbar sei und die Preise unnötig in die Höhe treiben. „Die Politik muss verstehen, dass sich etwas ändern muss“, so Neemann.
Gerold Klaaßen vom Walhalla-Wikinger Restaurant in Großefehn hat einen konkreten Wunsch an die Politik: Die Regelung zurückzunehmen, dass Speisen zum Mitnehmen mit nur 7 Prozent Umsatzsteuer belastet werden, während beim Essen im Restaurant die vollen 19 Prozent anfallen. „Die Imbisse verzeichnen noch immer Zuwächse, während immer mehr Restaurants schließen“, sagt er. Er fürchtet, dass sich diese Entwicklung durch die Mehrwertsteuer-Regelung weiter verschärft.
Anja Vigano, Geschäftsführerin der Cura Ambulante Alten- und Krankenpflege in Großheide, fordert bezahlbare Pflege für Angehörige, realistische Abrechnungssätze und Abrechnungszeiten für Pflegedienste und nennt ein Beispiel: „In der vorgegebenen Zeit von 126 Sekunden kann man keine Tür öffnen, Kompressionsstrümpfe anziehen und die Tür wieder schließen“, sagt sie. Das würde viele Pflegedienste in die Pleite treiben.
Für die Jugend hat Jan Rector, 15-jähriger Schüler aus Hage, gesprochen. Sein Vater ist Inhaber der Buchwerkstatt Hage. „In der schweren Zeit, in der Unternehmer mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen haben, legt die Regierung noch eine Schippe drauf“, prangert er an und meint damit unter anderem die Kürzung der Subventionen für Agrardiesel. Rector fordert eine bessere Regierung oder bessere Ideen, „weil es unsere Arbeitsplätze sind, die hier gerade zerstört werden.“
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