Kolumne „Digital total“ Sicherheits-Wahnsinn am Restauranttisch
In vielen Restaurants gibt es keine Karten auf Papier mehr. Stattdessen müssen Gäste QR-Codes einscannen oder Apps herunterladen – ein großes Risiko, findet unser Kolumnist.
Eine der Änderungen in unseren Lebensumständen, die mich seit der Pandemie in den Wahnsinn treibt, ist die Tatsache, dass viele Restaurants keine Karten mehr haben. Stattdessen erwarten Restaurantbetreiber nun, dass ihre Gäste QR-Codes einscannen, um die Karte aus dem Internet herunterzuladen.
Was vielen Leuten erst einmal wie ein Vorteil erscheint, ist bei genauerer Betrachtung ein Sicherheits-Albtraum. Leute dazu zu verleiten, fremde URLs, die sie nicht vorher prüfen können, aufzurufen, ist unverantwortlich. Dieses Verhalten hat über die vergangenen Jahrzehnte dazu geführt, dass Links in E-Mails mit Abstand das größte Einfallstor für Hacker auf Computern geworden sind, und nun machen wir denselben Fehler wieder.
Aber es geht noch schlimmer: Ich war neulich in einem Restaurant in Schweden, das jeden Besucher dazu zwingt, eine App aufs Handy zu laden, damit man dort bestellen kann. Hat der Wahnsinn denn gar kein Ende? Statt mich auf eine unsichere URL zu leiten werde ich jetzt sogar dazu gezwungen, Code auf meinem Gerät zu installieren, den ich nicht kenne? Das hat mich wirklich sprachlos gemacht.
Mal ganz abgesehen davon, wie schnell die Home-Bildschirme unserer Smartphones voll wären, wenn alle Restaurants und Läden so etwas machen würden, kann man sich die Menge an Schwachstellen, die man sich auf sein Gerät holt, gar nicht ausmalen. Jede Software hat Sicherheitslücken. Desto mehr Software ich auf meinem Smartphone habe, desto unsicherer ist es. Das ist unausweichlich.
Das ist schon schlimm, wenn ich noch davon ausgehe, dass diese Firmen alle vertrauenswürdig sind und Schwachstellen nur durch ungewollte Fehler entstehen. Aber leider zeigen mir die letzten 25 Jahre Erfahrung im Internet, dass so eine Annahme sehr naiv wäre. An die Datenschutz-Implikationen von all diesen Apps auf meinem Gerät will ich gar nicht denken. Und dabei hat die gute alte Papierkarte doch super funktioniert. Und weniger Strom brauchte sie auch!
Kontakt: kolumne@zgo.de
Zur Person
Fabian Scherschel, geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.