Einzelhandel in Aurich  Beim Kampf gegen Leerstände sind auch Vermieter gefragt

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 16.01.2024 08:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die in Stiftform gestalteten Säulen verraten es: In diesem Geschäft in der Norderstraße wurden früher Schreibwaren verkauft. Foto: Ortgies
Die in Stiftform gestalteten Säulen verraten es: In diesem Geschäft in der Norderstraße wurden früher Schreibwaren verkauft. Foto: Ortgies
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In Aurich schreitet der Leerstand in der Innenstadt voran. Die Entwicklung wird durch die Flaute bei den Gewerbeimmobilien begünstigt. Ein Branchenvertreter appelliert an den Gemeinsinn.

Aurich - Noch 16 Tage - dann schließt in der Burgstraße das Traditionsgeschäft Einhorn. In dem Laden verkaufen Raoni Aili Issac und ihre Mutter seit fast 30 Jahren hochwertige Textilien, Schuhe und Kinderkleidung sowie -spielzeug. Jedem Gegenstand, der über die Theke geht, sieht man die Wertschätzung an, die einmal für die Produktion, aber auch für den Handel aufgebracht wurde. Wenn das Geschäft geschlossen ist, steigt die Leerstandsquote in der Fußgängerzone um weitere Prozentpunkte. Das lässt aufhorchen. Eine lebendige und damit attraktive Innenstadt wird an der Vielfalt und wohl auch an der Einzigartigkeit ihres Warenangebots gemessen.

Je mehr inhabergeführte Geschäfte sich in der Fußgängerzone niederlassen, desto größer ist die Auswahl. Bei einem hohen Spezialisierungsgrad steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden aus anderen Städten eigens für ein Produkt nach Aurich kommen. Die Redaktion hat versucht nachzuvollziehen, welche Sortimente in den vergangenen Jahren in der Innenstadt weggebrochen sind. Dabei wurde aber auch berücksichtigt, was hinzugekommen ist.

Wie stark ist das Angebot in zehn Jahren geschrumpft?

Gut behütet war man bis vor neun Jahren in der Burgstraße 47: Dort, wo jetzt ein Orientteppich-Händler ansässig ist, gab es ein kleines Geschäft für Kopfbedeckungen aller Art: „Karins Hutladen“. Vom Elbsegler über den Strohhut bis hin zur Baskenmütze bekam man bei Karin Goldenstein alles, was schick ist und schützt. Schräg gegenüber wurden bis vor etwas mehr als einem Jahr Schuhe der sehr angesagten Marke Birkenstock verkauft. Das Ladenlokal steht seither leer. Schwund im Schuhfachhandel gab es auch durch die Schließung des Traditionsgeschäfts Bockstiegel an der Ecke Burgstraße/Hafenstraße. Ende 2016 machte Inhaber Cornelius Uphoff den Laden dicht. Der Leeraner Kaufmann begründete den Schritt damit, dass er sich auf sein Hauptgeschäft in Leer konzentrieren wolle. Der Anlass: Der Mietvertrag war abgelaufen. Ihm fehle das Vertrauen in die Zukunft der Auricher Innenstadt, hatte Uphoff seinerzeit im Gespräch mit der Redaktion gesagt. In dem Eckgeschäft verkauft ein Auricher jetzt Textilien.

Das Traditionshaus Möbel Fangmann in der Norderstraße ist ebenfalls geschlossen.
Das Traditionshaus Möbel Fangmann in der Norderstraße ist ebenfalls geschlossen.

Direkt neben Bockstiegel gab es bis Ende 2016 das Geschenkartikel-Geschäft Traumflug. Inhaberin Meike Eilers hatte den stationären Handel aufgegeben, um sich nur auf ihren Online-Shop konzentrieren zu können. Angelika Schäfer ließ sich dort mit ihrer Teemanufaktur nieder. Diese kurze Aufzählung zeigt, dass Leerstände bisher selten lange andauerten − das gilt zumindest für die Burgstraße. Anders sieht es in der Oster- und in der Norderstraße aus. Dort klaffen Lücken teilweise seit vielen Jahren, wie etwa bei dem ehemaligen Geschäft Kaisu Mari in der Osterstraße, das sich auf finnisches Kunsthandwerk spezialisiert hatte. Immobilienmakler Lennart Gerstmeier versucht seit vier Jahren, einen Nachfolger für das Ladenlokal zu finden.

Wie bewerten Kunden die Leerstände?

In Aurich gibt es keine repräsentative Befragung dazu, wie Kunden die Leerstände wahrnehmen. Ob sie stark ins Auge fallen und das Einkaufserlebnis trüben, kann nicht verlässlich beantwortet werden. Bei der Recherche ist die Redaktion auf eine aktuelle Erhebung gestoßen, die das Fachbüro Bulwingiesa im schleswig-holsteinischen Rendsburg zum Thema Kaufkraft und Innenstadtentwicklung durchgeführt hat. Dabei haben die Experten bei einer Umfrage in der Innenstadt-Kunden folgende Hauptkritikpunkte ermittelt: Leerstand (33 Prozent), das gastronomische Angebot (15 Prozent) und mangelnde Sauberkeit (10 Prozent).

Wie bewertet die Stadt die Leerstände?

Die Verwaltung hält die Situation in der Innenstadt, was die Zahl der nicht vermieteten Geschäfte anbelangt, nicht für alarmierend. „Wenn ich mich in anderen Städten vergleichbarer Größenordnung umschaue, sind die Leerstände sehr viel größer.

Der Betreiber dieses Geschäfts in der Norderstraße sucht einen Nachmieter.
Der Betreiber dieses Geschäfts in der Norderstraße sucht einen Nachmieter.
Deshalb können wir in Aurich noch froh sein“, sagt Stadtsprecher Johann Stromann, ohne einen Index zu nennen, also einen präzisen Wert, bei dem es wegen der Leerstände problematisch werden könnte. Die Stadt habe keine Möglichkeit, auf die Vermieter von Gewerbeimmobilien einzuwirken, sagt er.

Wie bekämpft Aurich die Leerstände?

Die Stadt hat eine Richtlinie zur Förderung von Unternehmensgründungen in der Innenstadt aufgelegt. Damit soll ein Anreiz für die „Stärkung der Innenstadt als vitales Einkaufszentrum geleistet werden“, wie es auf der Homepage der Stadt heißt. Jeder, der einen Betrieb in der Fußgängerzone gründet oder einen bestehenden Einzelhandelsbetrieb übernimmt, kann einen Zuschuss beantragen. Der Höchstbetrag ist auf 10.000 Euro begrenzt und bezieht sich auf die Investitionen. Daneben gibt es aber auch die Möglichkeit, einen Mietkosten-Zuschuss zu erhalten.

Was verschärft die Situation?

Der Handel mit Gewerbeimmobilien ist in Aurich im vergangenen Jahr−wie fast überall in Deutschland − fast zum Erliegen gekommen. Das hat eine Umfrage bei hiesigen Maklern ergeben. „Die Nachfrage ist sehr, sehr schwach“, sagt Engin Eriel, der ein Immobilienbüro in der Lilienstraße betreibt. Die Angst vor einer Existenzgründung in wirtschaftlich unsicheren Zeiten sei allerorten spürbar. Hauptgrund für die zuletzt ausbleibenden Deals sei die abwartende Haltung von Investoren. Während er früher im Schnitt im Monat wenigstens ein paar Anfragen erhalten habe, gehe jetzt so gut wie gar keine mehr ein.

Was sind die Alternativen?

Laut Engin Eriel gibt es die Möglichkeit, Gewerbe- in Wohnimmobilien umzugestalten. Das habe ein Vermieter etwa bei einem Laden in der Marktstraße gemacht, für den sich kein Interessent habe finden lassen. Dort habe man jetzt eine Wohnung eingerichtet. „Das war rein rechtlich möglich, weil es sich um ein Objekt mit Mischnutzung handelte. Für den Vermieter bedeutet das aber eine hohe Investition, weil er in das ehemalige Ladenlokal eine Küche und ein Badezimmer einbauen muss“, sagt Engin Eriel.

Wie hoch sind die Mieten?

Nach der Beobachtung von Engin Eriel verschärft sich die Situation auch dadurch, dass viele Vermieter nicht bereit sind, ihre Mieten zu senken. „Die lassen vielfach eine Immobilie lieber leer stehen, als dass sie ihre Forderungen anpassen“, sagt der Makler. Dabei müsse man bedenken, dass bei einer Gewerbeimmobilie anders als bei einer Wohnimmobilie oft Verträge über eine Laufzeit von zehn oder mehr Jahren gemacht werden. Das heißt, dass mit ganz anderen Beträgen kalkuliert wird. Im Schnitt zahle man in Aurich für ein Ladenlokal rund zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter. Das hängt stark von der Lage ab. Als Faustregel gilt, je näher am Marktplatz, desto höher ist der Bodenrichtwert, als der durchschnittliche Grundstückspreis und damit auch die Miete.

Was könnte helfen?

Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des ostfriesischen Einzelhandelsverbands, sagt, es könne bereits hilfreich sein, wenn die Vermieter der leerstehenden Geschäfte in Aurich darauf achteten, dass diese einen gepflegten Eindruck machten. Schließlich sehe jeder Passant diese Ladenlokale. Die Optik sei nicht zu unterschätzen: „Ein rostiges Fahrrad würde ja auch keiner mehr kaufen.“ Er habe allerdings die Beobachtung gemacht, dass Eigentümer, vor allen Dingen, wenn es sich um eine Erbengemeinschaft handele, um so nachlässiger seien, je weiter sie von Ostfriesland entfernt wohnten. In den Augen von Johann Doden könnte es generell hilfreich sein, wenn es − auf Ostfriesland bezogen − eine unabhängige zentrale Erfassung von Leerständen gäbe. Das könnte nicht nur statistischen Zwecken dienen, sondern auch ein Anlaufpunkt für Interessenten sein.

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