Geschichte  Von der Ziegelei zum Lost Place in der Krummhörn

| | 18.01.2024 08:07 Uhr | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Ziegelei in Pilsum: Heute sind vor ihr nur noch Ruinen zu sehen. Das Betreten des Geländes ist nur mit Genehmigung erlaubt. Foto: Wagenaar
Die Ziegelei in Pilsum: Heute sind vor ihr nur noch Ruinen zu sehen. Das Betreten des Geländes ist nur mit Genehmigung erlaubt. Foto: Wagenaar
Artikel teilen:

Ziegeleien waren einst ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Inzwischen verfallen die Gebäude.

Krummhörn - Wer von Groothusen nach Greetsiel fährt, kommt nicht nur am Pilsumer Leuchtturm, sondern auch an einem Stück Regionalgeschichte vorbei: die Dampfziegelei der Gebrüder Ekkenga. Sie wurde 1898 eröffnet und produzierte bis 1972 an die 50.000 typisch rote Ziegelsteine am Tag. Heute ist von ihr nur noch eine verwunschene Ruine zu sehen.

Die Ziegelei in Pilsum ist nur eine von vielen, die es in der Vergangenheit in Ostfriesland gab. Das schreibt Kai-Uwe Hanken, Sprecher des Ziegeleivereins Jemgum, der auch das Ziegeleimuseum in Midlum betreibt: „Die Ziegeleien bildeten besonders im 18. und 19. Jahrhundert einen blühenden Wirtschaftszweig in Ostfriesland. Der steigende Bedarf an Klinkersteinen im ganzen Land und überregional verhalf den ostfriesischen Ziegeleien zum Aufschwung.“ Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Ostfriesland 52 Brennöfen für Ziegelsteine und Dachpfannen. 1814 wurden etwa elf Millionen Klinkersteine hergestellt, Mitte der 1930er Jahre waren es etwa 90 Millionen Steine. Neben dem Rheiderland gab es auch in der Krummhörn einige Ziegeleien, neben Pilsum zum Beispiel auch in Uttum.

Einblick in die Ziegelei: Dieses Foto stammt von dem Ziegeleimuseum aus Midlum im Rheiderland. Foto: Archiv/Ziegeleiverein Jemgum
Einblick in die Ziegelei: Dieses Foto stammt von dem Ziegeleimuseum aus Midlum im Rheiderland. Foto: Archiv/Ziegeleiverein Jemgum

So wurden die Ziegel hergestellt

Dass sich die Ziegeleien in Ostfriesland ansiedelten, liegt vor allem an dem hohen Kleivorkommen in der Gegend. Der Kleiboden wurde mit Sand vermischt, in Form gepresst und zu Ziegeln gebrannt. Die Öfen mussten ständig befeuert werden, wofür neben Kohle oft auch Torf verwendet wurde, den es in der Region aufgrund der Moore ja vermehrt gab. Die Ziegel wurden zunächst mithilfe einer Dampfmaschine in Form gepresst, später wurde diese mit Strom betrieben. Die Ziegelei in Pewsum hatte ein eigenes kleines Schienennetz, um die Ziegel von einer Station zur nächsten befördern zu können, schreibt dazu auch Gerd Klaasen auf seinem Blog „Ostfriesland entdecken“. Er hat sich 2019 auf dem Gelände umgesehen und den Besuch fotografisch festgehalten.

Blick in den alten Rundofen der Ziegelei in Pilsum. Das Betreten des Geländes ist nur mit Genehmigung erlaubt. Foto: Wagenaar
Blick in den alten Rundofen der Ziegelei in Pilsum. Das Betreten des Geländes ist nur mit Genehmigung erlaubt. Foto: Wagenaar

„Mitte des 20. Jahrhunderts begann das Ende vieler Ziegeleien“, so Klaasen. Zu dieser Zeit hätten die Inhaber massiv in ihre Öfen investieren müssen, wenn sie sie weiter hätten betreiben wollen. Die Technik, die sich über ein Jahrhundert gehalten hatte, war nicht mehr konkurrenzfähig, die Investition für einen modernen Tunnelofen zu hoch. Hinzu kam, dass die Produktion mit Klei teurer war als die mit Kalkstein. Gleichzeitig machten LKW den Standortvorteil der ostfriesischen Ziegeleien zunichte, weil die Transporte mit dem LKW deutlich kostengünstiger waren als die mit dem Schiff über Ems und Nordsee. Viele Ziegeleien waren 1962 zudem von der Jahrhundertflut betroffen. Erste Ziegeleien stellten daher ab den 60er Jahren ihren Betrieb ein, die Ziegelei in Pilsum folgte 1972.

Pilsumer Ziegelei war Drehort

Seitdem verfällt das Gelände vor sich hin. Der Schornstein des Ofens musste zur Hälfte abgerissen werden, nachdem ein Blitz eingeschlagen war. Der Ofen ist aber nach wie vor vorhanden, so Klaasen. Auf dem abgesperrten Gelände sollte vor einigen Jahren ein Hotel entstehen, gehört hat man davon aber nichts mehr. Heute gilt das Gelände der Ziegelei in Pilsum als „Lost Place“ und war 2017 unter anderem Drehort für einen Krimi von Klaus Peter Wolf. Die Gebäude gelten als stark einsturzgefährdet, betreten darf man das Gelände daher nur mit Genehmigung.

Wer sich für die Geschichte der Ziegeleien interessiert: Unter dem Dach einer alten Ziegelei in Midlum im Rheiderland befindet sich heute ein Museum, das den Werdegang vom Klei zum Klinker dokumentiert. Anhand von Original-Werkzeugen und -Geräten kann man die Herstellung des Ziegelsteins nachverfolgen. Auch die Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft hält viele Informationen zu den Ziegeleien in Ostfriesland bereit.

In einer ersten Version dieses Textes fehlte fälschlicherweise der Hinweis auf den Blogbeitrag von Gerd Klaasen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Ähnliche Artikel