Wilhelmshavener vor Gericht  55-Jähriger soll Stieftochter 132-mal missbraucht haben

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 19.01.2024 14:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich ist ein 132-facher Missbrauch angeklagt. Foto: Ortgies
Vor dem Landgericht Aurich ist ein 132-facher Missbrauch angeklagt. Foto: Ortgies
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Ein Wilhelmshavener ist wegen 132-fachem Missbrauch an seiner Stieftochter angeklagt. Auch an der Schulfreundin des Mädchens soll er sich vergangen haben. Er bestreitet alles.

Aurich - Ein heute 55-jähriger Mann aus Wilhelmshaven soll seine Stieftochter in Wittmund 132 Mal sexuell missbraucht haben, als sie zwischen neun und zwölf Jahre alt war. Laut Anklage haben sich die Taten in der Wohnung der Familie zugetragen, während die Mutter zur Arbeit war. Einmal soll eine Schulfreundin der Stieftochter betroffen gewesen sein. Die inzwischen 27-Jährige aus Schortens sagte zum Prozessauftakt am Freitag, 19. Januar 2024, aus. Der Angeklagte bestritt die insgesamt 133 Vorwürfe, die sich zwischen März 2007 und Oktober 2010 zugetragen haben sollen.

Bei dem Prozess vor der zweiten Großen Strafkammer des Auricher Landgerichts legte ihm die Staatsanwaltschaft zur Last, sich mindestens dreimal monatlich an seiner Stieftochter vergangen zu haben. Der Ablauf soll immer der gleiche gewesen sein: Im Computerzimmer sollte sich das Kind auf seinen Schoß setzen, der damals um die 40-jährige Angeklagte machte einen Porno an und verging sich an dem Mädchen.

Angeklagter streitet alles ab

Die Schulfreundin soll er mit dem Versprechen „Ich zeige Dir etwas“ ins Schlafzimmer gelockt haben. Während ein Porno lief, soll er sie im Intimbereich angefasst haben. Dem Mädchen gelang es wegzulaufen.

„Wenn ich das lese, stellen sich mir die Nackenhaare auf“, bezog der Angeklagte zur Anklageschrift Stellung. Auf Nachfragen des Gerichts antwortete er ruhig und bereitwillig. „Wir hatten immer ein gutes Verhältnis“, beschrieb er die damalige Beziehung zu seiner Stieftochter. Seit 2019 besteht kein Kontakt mehr zu der inzwischen 25-Jährigen, ebenso wenig zu seinem 23-jährigen Sohn. Von der Kindsmutter ist er geschieden. Die Schulfreundin will er nur „flüchtig“ gekannt haben.

Angeklagter hat ein Vorstrafenregister

Den Grund für die Beschuldigungen kann sich der 55-Jährige nicht so recht erklären. „Bis zur Scheidung war alles gut. Ich war immer für die Kinder da“, betonte er auf die Frage des Vorsitzenden Richters Bastian Witte. Erst als er in Wilhelmshaven gewohnt habe, seien „Gerüchte aufgekommen“ – „Lügner, Betrüger, was so über mich erzählt wurde“. Witte hakte ein: „Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber ihr Vorstrafenregister bestätigt das.“ Das sei später gewesen, verteidigte sich der Angeklagte. Er ist sich sicher: „Die Anschuldigungen kamen von meiner Frau.“

Die Stieftochter hat erst 2021 Anzeige erstattet. „Ich weiß nicht, wie sie darauf kommt“, meinte der Beschuldigte. Es sei wirklich geschehen, dass seine Stieftochter zu ihm ins Bett gekrochen sei, aber Übergriffe habe es nicht gegeben. Ein Computerzimmer habe in der Wohnung nicht existiert, nur eine Computerecke im Wohnzimmer.

Auch Schulfreundin der Stieftochter missbraucht

Die Schulfreundin berichtete gefasst und detailliert über das damalige Erlebnis. Sie habe gegenüber gewohnt und mit der Stieftochter des Angeklagten spielen wollen, doch die sei nicht da gewesen. Sie habe auf sie warten wollen.

„Er sagte zu mir, ich kann dir was zeigen, was sie noch nicht sehen darf“, sagte die Frau aus. Sie sei mit dem Angeklagten ins Schlafzimmer gegangen – „das war seltsam, für mich war es ein Elternbereich“. Er habe einen Porno eingelegt und sie dann angefasst. „Mir kam das nach kurzer Zeit komisch vor“, erzählte die Zeugin. Sie habe gegen seinen Arm gedrückt, aber drei Anläufe und beide Hände gebraucht, um sich zu befreien.

„Es musste einfach runter von meiner Seele“

Der Vorfall soll sich zwischen 2006 und 2008 zugetragen haben, als die Zeugin zwischen zehn und zwölf Jahre alt war. Bald danach riss ihr Kontakt zur Stieftochter des Angeklagten aus verschiedenen Gründen wie einem Schulwechsel ab.

Die Zeugin erzählte, 2014, im Alter von achtzehn Jahren, sei das Geschehnis bei ihr „einfach wieder aufgeploppt“, als sie in ihrem Zimmer gelegen sei. Kurz darauf habe sie eine Essstörung entwickelt. Nach ihrer Ausbildung, im Jahr 2020, begab sie sich deshalb stationär in psychologische Behandlung. Dort wurde auch eine mittelschwere Depression diagnostiziert. Im Juli 2021 erstattete sie Anzeige wegen Missbrauchs: „Es musste einfach runter von meiner Seele“, so die Zeugin.

Der Prozess wird am 26. Januar 2024 um 9 Uhr in Saal 116 fortgesetzt.

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