Kunst in Aurichs Straßen Graffiti an der IGS Aurich – dieser Mann steckt dahinter
Andreas Kutzner hat mit anderen die Fassade der IGS Aurich besprüht. Damit steht er in der Tradition von Banksy. Der Künstler sorgt derzeit im Gaza-Streifen für Schlagzeilen.
Aurich - Es ist kalt am Freitagnachmittag, sehr kalt. So kalt, dass die Finger nicht zwei Minuten ungeschützt an der frischen Luft sein können, ohne klamm zu werden. Hinter der Turnhalle an der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Aurich scheint ein junger Mann die Wetter-Verhältnisse vollkommen auszublenden. Er steht vor einer blau grundierten Betonmauer, die mit schemenhaften Figuren und Zeichen gestaltet ist, und sprüht vorsichtig eine weiße Linie auf. Sofort liegt der harzig-strenge Geruch von Farbspray in der Luft, dringt in die Nase. Andreas Kutzner nimmt das nicht wahr. Die untere Hälfte seines Gesichts ist von einer Atemschutzmaske mit Aktivkohlefilter bedeckt. So arbeitet ein Profi. Der hantiert auch nicht einfach drauflos, sondern macht Skizzen. Für die stahlblaue Betonwand hat der 45-Jährige drei Affen entworfen. Er geht zu seinem Auto und zieht einen Block heraus. Sekunden später blicken den Betrachter mit Bleistift gezeichnete Schimpansen in coolen Posen an. Der eine hantiert mit einem Ghettoblaster. Dynamisch sieht das aus, obwohl es noch gar nicht coloriert ist. Was mag da noch alles kommen?, fragt sich der Betrachter.
Was schon alles passiert ist, kann er an den rund 500 Quadratmetern Fläche sehen, die Andreas Kutzner in den vergangenen Wochen bereits gestaltet hat. Eigentlich hätte er mit seinen Freunden vom Verein Graffiti Ostfriesland bereits im August mit der Aktion anfangen sollen, aber daraus wurde nichts. Das Event verschob sich immer mehr in Richtung Winter. Am zweiten Januar-Wochenende gab es dann eine konzertierte Aktion mit Sprayern aus Berlin, Bremen und den Niederlanden. Vom Graffiti-Verein waren Ingo Oltmanns und Holger Goldenstein mit von der Partie. Seither sind die Wände an der Schule sehr viel lebendiger und farbiger als vorher. Bei den Darstellungen dominieren kantige, großformatige Buchstaben. Rotgesichtige Tiere, halb Wolf, halb Schakal, blecken ihre Zähne, Girlies mit aufgepolsterten Lippen und schicken Brillen blicken lasziv von Fassaden auf Passanten.
Erlaubnis vom Schulträger eingeholt
Das sind vor allen Dingen die Schüler der IGS Aurich. Von denen hat sich vermutlich auch mal der eine oder andere mit der Spraydose an den Wänden der Schule zu schaffen gemacht. Am Freitag konnte man noch einige Sprüche und Zeichen an der Fassade erkennen. Kerstin Gerner, stellvertretende Leiterin der IGS, hat vor einigen Monaten die Initiative ergriffen und Andreas Kutzner vom Verein Graffiti Ostfriesland mit der einheitlichen Gestaltung einiger Wände beauftragt. „Wir haben einen richtigen Vertrag geschlossen“, sagt die Pädagogin im Gespräch mit der Redaktion. In der Wahl der Motive seien die Sprayer vollkommen frei – mit einer Einschränkung: Ausgeschlossen seien Darstellungen mit rassistischem oder sexistischem Inhalt. Kerstin Gerner hat nach eigenem Bekunden auch die Erlaubnis des Gebäude-Eigentümers, des Landkreises Aurich, eingeholt, Graffiti dort anbringen zu dürfen.
Die Sprayer sind froh über diese Möglichkeit, sich gestalterisch austoben zu dürfen. Das gehört für Andreas Kutzner seit mehr als 30 Jahren zu seinem Leben. Der gebürtige Berliner war schon als 14-jähriger Schüler in Prenzlauer Berg, seinem Heimat-Kiez, fasziniert von der Graffiti-Ästhetik, die ihm überall begegnete. Der Weg hin zu eigenen Aktivitäten war kurz. Impulse für seine Motive habe er durch die Werbung, aber auch über Comics bekommen. Sein künstlerischer Horizont habe sich immer mehr erweitert, erzählt er, unter anderem durch Aufenthalte in Kanada, wo er eine Weile gelebt hat. Kurzzeitige Überlegungen, mit dem Sprayen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hat der Ingenieur verworfen. Es sei sehr schwer, sich in dem Metier zu etablieren und Erfolg zu haben.
Roter Luftballon in Herzform
Einer der wenigen, die dies geschafft haben, ist der geheimnisumwitterte Künstler Banksy. Das ist das Pseudonym eines britischen Streetart-Künstlers, der mit seinen Schablonengraffiti und durch spektakuläre Aktionen internationale Berühmtheit erlangt hat. Seinen bürgerlichen Namen hat er bisher geheim gehalten. Besonders populär wurde ein Mädchen mit einem roten Luftballon in Herzform, das er 2002 im Osten Londons auf eine Hauswand gesprüht hatte.
Andreas Kutzner verfolgt nach eigener Aussage mit seinen Graffiti-Szenen keine politische Aussage. „Ich drücke mich aus, um einer Sache meinen Stempel aufzudrücken“, sagt er. Wenn er durch Aurich fahre und die vom Verein Graffiti Ostfriesland gestalteten Flächen sehe, mache ihm das Freude. Gemeinsam mit anderen hat er unter anderem direkt an der Emder Straße schräg gegenüber der Sparkassen-Arena verschiedene Hauswände sehr lebensecht mit wilden Tieren bemalt. Diese Bilder werden von vielen Menschen auf der stark befahrenen Straße wahrgenommen. Und gerade in der kalten Jahreszeit wünschen sich dabei etliche in Regionen, wo einem gerade nicht die Finger beim Sprayen draußen einfrieren.