Ausbildung auf Borkum Einblicke in Deutschlands kleinste Berufsschule
Christian Land unterrichtet an den Berufsbildenden Schulen (BBS) Borkum unter anderem KFZ- und Fahrradtechnik. Im Interview verrät er seine Sicht auf einen möglichen Neubau der Schule.
Borkum - Seit sechseinhalb Jahren ist Christian Land an den Berufsbildenden Schulen (BBS) Borkum, seit 2022 (kommissarisch seit 2020) leitet der 59-Jährige Deutschlands kleinste und einzige Insel-Berufsschule. Land unterrichtet überwiegend KFZ-Technik, Fahrradtechnik und Mathematik in der Fachoberschule Dual Plus. Im Interview spricht er über die Neubau-Pläne und betont die Wichtigkeit der Ausbildung vor Ort.
Herr Land, beim Landkreis Leer, dem Träger der BBS Borkum, wird über den Neubau eines BBS-Gebäudes an der Weidenstraße nachgedacht. Von einem Bildungszentrum mit Insel- und neuer Ganztagsgrundschule ist die Rede. Was halten Sie von der Idee?
Christian Land: Eine gemeinsame Aula für alle drei Schulen fände ich klasse. Auch der schnelle Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die kurzen Wege zu den anderen Schulleitern, wären sicher vorteilhaft. Mir fallen aber auch Dinge ein, die getrennt bleiben sollten, etwa die Sekretariate. Da gibt es unterschiedliche Datenschutz-Anforderungen und die Kommunikation mit Kammern des Handwerks und IHK und den Firmen muss getrennt sein. Auch dass nicht alle auf einen Schulhof strömen, damit die Schüler merken, sie sind jetzt in der Berufsschule und nicht mehr in der Inselschule, wäre mir wichtig. Dazu bauliche Lösungen wie Lärmschutz – nicht nur wenn wir unsere Fachoberschulprüfungen schreiben, brauchen wir Ruhe und Konzentration.
Müsste es aus Ihrer Sicht zwingend ein BBS-Neubau sein oder würde es auch eine Sanierung des bisherigen Gebäudes an der Deichstraße tun?
Land: Das ist eine finanzielle Entscheidung, ich bin da offen. Dabei sind Fragen zu klären wie: Wie ist die Substanz des alten Gebäudes? Was kann ich mit anderer Nutzung des alten Gebäudes erreichen? Welche Synergien lassen sich bei einem Neubau für Borkum schaffen? Für uns geht es vor allem darum, die Berufsschule an die Bedürfnisse einer modernen Berufsschule anzupassen. Das jetzige Gebäude ist rund 100 Jahre alt und beherbergte ursprünglich die Mittelschule, hat also nicht die Anforderungen einer Berufsschule mit den notwendigen Werkstätten und Unterrichtsräumen.
Wo sehen Sie Handlungsbedarf im/am Altbau?
Land: Die Heizungsanlage müsste erneuert werden, ebenso Leitungen, Böden, Fenster und der Einbau von Isolierungen unterm Dach wäre nötig. In einem Klassenzimmer ist – zum Glück nicht in der Unterrichtszeit – Putz im Fenstersturz runtergekommen. Und wir brauchen zusätzliche Räume bzw. andere Aufteilungen, etwa für den Werkstattbereich, der derzeit zu klein ist für die Gewerke ist, die wir unterrichten. Ich kann zum Beispiel kein Auto für den Fahrzeugtechnik-Unterricht abstellen. Dies wird aber aufgrund der Komplexität der Fahrzeuge notwendig, da die Summe notwendiger Unterrichtsmodelle inzwischen fast teurer ist als ein gleichwertiges Fahrzeug, das alles bereits hat.
Was wäre noch zu tun?
Land: Unsere elektrotechnischen Anlagen entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen. Wir dürfen sie nur benutzen, weil sie Bestandsschutz haben. Bei einer Sanierung größerer Art müsste alles auf den aktuellen Stand gebracht werden, bei einem Neubau würden die aktuellen Vorschriften eingehalten. So oder so: Es muss investiert werden, um die Schule zukunftsfähig und den Insel-Standort attraktiv zu halten. Bei der in Kürze beginnenden Machbarkeitsstudie wird das Kollegium in die (Raum-)Planungen mit einbezogen, denn es muss dort mit den Schülern unterrichten. Insgesamt müssen wir auf Borkum, in Zusammenarbeit mit den Betrieben, eine vernünftige Planung hinbekommen. Den Spagat, mit unseren Schülern und Ressourcen so umzugehen, dass wir eine gute Ausbildung schaffen – aber trotzdem auf dem Boden der Tatsachen bleiben, dass wir die kleinste Berufsschule Deutschlands sind.
Stichwort „gute Ausbildung“. Was können Sie über die BBS Borkum berichten?
Land: Sieben Vollzeitkollegen und zehn nebenberufliche Lehrkräfte unterrichten derzeit 71 Schüler in 18 Berufen. Unsere Lehrkräfte sind oft vorher in der Wirtschaft als Kaufmann oder Ingenieur tätig gewesen, bevor sie ins Lehramt gingen. Dazu kommen unsere Meister und Ausbilder mit ihrer Theorie- und Praxiserfahrung. Das macht das besondere Feeling aus. Im Lehrerzimmer werden nicht selten Fachgespräche wie in einem Betrieb geführt (lacht).
Eine weitere Besonderheit der BBS Borkum ist ihre überschaubare Größe.
Land: Ja, wir haben Klassen mit zwei, fünf oder zehn Schülern. Wenn die Azubis Probleme haben, setzen wir uns auch mal außerhalb der Unterrichtszeiten mit ihnen zusammen und versuchen zu unterstützen und zu beraten. Manchmal kriegt man hier echte „Kindsköpfe“ rein und wenn sie dann ihre Abschlussprüfung haben, sehen wir junge Erwachsene, die gleichberechtigt in der Arbeitswelt neben einem stehen. Man kann gar nicht oft genug die Wichtigkeit der Ausbildung auf Borkum betonen. Gäbe es sie nicht, würden sicher nicht wenige Familien für eine gute Ausbildung ihrer Kinder wegziehen und die Betriebe vor Ort hätten keine Mitarbeiter mehr. Ein Teufelskreis.
Es gibt aber auch Jugendliche, die kein Interesse an einer Ausbildung haben, und das Abitur präferieren.
Land: Da reden wir vor allem über Schüler, die ein Ziel vor Augen haben. Sie wollen studieren und keine gewerblich/-kaufmännische Ausbildung oder diese später machen. Da sage ich ,klasse, du hast ein Ziel, du weißt wo du hinwillst‘. Es gibt aber auch diejenigen, die mitgehen, weil der Kumpel aufs Festland geht. Das ist Gruppendynamik, die Clique will zusammenbleiben. Die sind 15, 16 Jahre alt, wollen was erleben, dabei könnten sie auch noch drei Jahre warten, bis sie etwas reifer sind. Ich habe häufig erlebt, dass Schüler auf dem Weg zum Abitur Mühe haben, mitzukommen, oftmals scheitern – und dann teilweise Jahre brauchen, um sich zu fangen. Für sie wäre eine Ausbildung vermutlich der bessere Weg gewesen, mit mehr Erfolgserlebnissen. Und es besteht ja hier immer die Möglichkeit, weiter zu machen, bei uns den Fachoberschulabschluss während der Ausbildung oder später das Abitur über die Abendschule nachzuschieben.