Kolumne „Artikel 1, GG“  Die Ängste der AfD-Wähler ernst nehmen

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 24.01.2024 06:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Aus welchen Gründen gehen Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen die AfD? Es darf dabei nicht allein um die Vergewisserung der eigenen Haltung gehen, findet unsere Kolumnistin.

In meinem Freundeskreis – in der realen und in der virtuellen Welt– sind derzeit sehr viele euphorisch. Unabhängig davon, ob sie mit oder ohne Migrationshintergrund sind, ist der Anlass ihrer Freude die immense Zahl der Teilnehmer an den Anti-AfD-Demos.

Der Anlass ist derselbe, der Grund für das Gefühl von Freude aber nicht. He? Was ist denn der Unterschied zwischen Anlass und Grund, werden Sie sich möglicherweise fragen. Ich erkenne einen Unterschied – und dieser besteht darin, dass es für autochthone Deutsche eine Selbstvergewisserung ist, als Demonstrierende auf der Seite der Guten zu sein. Selbstvergewisserung und gegenseitiges Bestärken darin, für Vielfalt und Demokratie zu sein. Gemeinsam gegen den Feind auf die Straße gehen, um sichtbar zu machen, dass „wir, die Demokraten, die Mehrheit sind“.

All meine Freunde mit Migrationsbezug freuen sich über die hohe Beteiligung von alteingesessenen Deutschen an den Demos, weil das ihnen die Angst vorm Alleingelassen-Werden genommen habe. Dass so viele Menschen auf die Straße gehen und ihre Meinung zur AfD zum Ausdruck bringen, ist zweifelsohne ein wichtiges Zeichen und als solches eines, das bei Migranten ankommt.

Zur Person

Canan Topçu (58) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Wie aber kommen die Demos bei AfD-Wählern und AfD-Sympathisanten an? Gelingt es den Vielen durch die Demos, diese Gruppe umzustimmen? Darum gehe es ja gar nicht, wird mir vermutlich erwidert, sondern darum, deutlich zu machen, dass man gegen die AfD und Nazis und Rechtsextreme ist.

Selbstvergewisserung und gegenseitiges Bestätigen, die Guten zu sein, reicht meines Erachtens aber nicht. Es sollte auch ernsthaft um die Frage gehen, welche Gefühle Menschen dazu bringen, mit der AfD zu sympathisieren und sogar diese Partei zu wählen. Gefühle, insbesondere Ängste, sind nicht immer rational begründbar, trotzdem oder gerade deswegen sollten sie ernst genommen werden – auch von all denen, die in den vergangenen Tagen auf die Straße gegangen sind.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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