Kampf gegen Alkohol  Wie ein Strackholter nach 20 Jahren seine Sucht beherrschte

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 24.01.2024 17:03 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wie auf diesem Symbolbild hat Heinz-Arnold den Alkohol nicht mehr in ein Glas eingeschenkt, sondern direkt aus der Flasche getrunken. Foto: Archiv/dpa
Wie auf diesem Symbolbild hat Heinz-Arnold den Alkohol nicht mehr in ein Glas eingeschenkt, sondern direkt aus der Flasche getrunken. Foto: Archiv/dpa
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Ein Mann aus der Gemeinde Großefehn hat vor seinem Entzug täglich zwei Flaschen Cognac und eine Flasche Wein getrunken. Dass er darauf jetzt verzichten kann, verdankt er zwei Menschen.

Strackholt - In acht Stunden ist es so weit. Dann holt Heinz-Arnold (der vollständige Name ist der Redaktion bekannt) die kleinen Frikadellen-Bällchen und die Lachsschnittchen aus dem Kühlschrank, verpackt alles gut und macht sich auf den Weg ins Strackholter Gemeindehaus − zum Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA), wie jeden Freitag. Doch etwas ist anders als sonst: Ausnahmsweise begleitet ihn seine Frau. Denn es gibt etwas zu feiern, nachträglich zwar, aber das tut der Sache keinen Abbruch. Heinz-Arnold begeht im Januar in der AA-Gruppe seinen zweiten Geburtstag. „Den wichtigeren von beiden“, sagt er. Sein erster Geburtstag ist im Mai. Am 13. Januar 1982 hat er beschlossen, den Alkohol aus seinem Leben zu verbannen − und diesen Vorsatz erfolgreich umgesetzt. Damit gehört er zu den ganz wenigen Menschen, denen das geglückt ist. Schätzungen zufolge liegt die Rückfallquote zwischen 70 und 90 Prozent.

„Wenn ich das damals nicht geschafft hätte“, sagt Heinz-Arnold selbstkritisch, „dann läge ich jetzt drei Klafter unter der Erde. Dieses exzessive Trinken, das kann man nicht überleben. Wenn man nicht aufhört, krepiert man. Oder man verliert seinen Verstand.“ Versonnen schaut er in der Küche seiner Wohnung aus dem Fenster. Eine feine Schneeschicht überzieht die Landschaft und den Garten. In der Mitte des Rasens steht ein Vogelhäuschen, das nicht von der Stange kommt. Es ist sehr individuell gestaltet, mit großen Fenstern und einer kleinen Veranda. Ein paar Vögel hüpfen auf der Suche nach Nahrhaftem hin und her. Der Blick des Hausherrn verfängt sich in dieser Szene, ein Lächeln umspielt seine Lippen. Der Besucher merkt: Heinz Arnold hat Freude an dem, was er sieht. „Vor etwas mehr als 42 Jahren hätte ich das gar nicht wahrgenommen“, sagt der Strackholter. Sein ganzes Sinnen und Trachten habe sich auf die Frage gerichtet, wie er an Alkohol gelangen kann, wie er den Pegel auf einen Stand bringt, der das Zittern und die innere Unruhe beseitigt. „Ich war ein Sklave meiner Sucht“, weiß der 82-Jährige heute. „Ich habe gedacht, es ist zwölf Monate im Jahr November.“

Weinbrand als Feierabendschluck

Dass sich ein Gläschen hier, ein Schnäpschen da einmal so verheerend auswirken würden, ahnte er in den 70er Jahren nicht. Für ihn war es selbstverständlich, dass sein Vater jeden Abend zum Feierabend ein Glas Cognac trank. „Das war bei uns ein Ritual. Weinbrand zu trinken hieß, dass die Arbeit beendet ist“, erinnert sich der Ostfriese, der in einer Kaufmannsfamilie aufwuchs. Seine Eltern betrieben einen Spar-Markt, den Heinz-Arnold übernommen hat. Das Weinbrand-Ritual behielt er bei. Doch irgendwann habe er gemerkt, dass er immer stärker Gelegenheiten suchte, noch nebenbei etwas zu trinken. Die Umstände spielten ihm in die Hände. Damals gab es weder einen Aldi- noch einen Combi-Markt in der näheren Umgebung. Jeder Strackholter war Stammkunde im Spar-Markt vor Ort. „Das hatte zur Folge, dass wir zu allen gesellschaftlichen Ereignissen im Dorf eingeladen wurden“, erinnert sich Heinz-Arnold. Hier eine Hochzeit, da ein Geburtstag. Und immer gab es Alkohol. Der wurde auch in seinem Spar-Markt ausgeschenkt − von ihm selbst: „Wenn ein Mann seine Frau zum Einkaufen begleitete, habe ich ihm einen Schnaps angeboten.“ Irgendwann schlug das gesellige in das heimliche Trinken um. Nicht ohne Bedenken: „Ich habe damals schon gefürchtet, dass ich den Alkohol nicht mehr beherrschen kann. Dass er mir irgendwann sagt, wann ich zu trinken habe.“

Und ein Anlass, seinen Ärger runterzuspülen, war schnell gefunden. Mal war es eine Warenlieferung, die nicht pünktlich ankam. Mal die hämische Bemerkung eines Kunden. Nichts existenziell Aufwühlendes. Es führte aber zu einem einzigen Impuls: „Wenn irgendwo Schwierigkeiten waren, habe ich versucht, das mit Alkohol zu kompensieren. Alkohol wurde immer mehr mein Lebenselixier.“ Das Paradoxe: Sein Geschäft lief gut, er war mit der Frau verheiratet, die er liebte, hatte zwei gesunde Söhne.

Am Vormittag brach er sein Versprechen

Als sein Trinken immer auffälliger wurde, habe seine Frau ihn irgendwann zur Rede gestellt. So gehe es nicht weiter, beschied sie ihn und verlangte, er möge wenigstens tagsüber die Hände von der Flasche lassen. „Das habe ich ihr versprochen und wollte das auch einhalten“, sagt Heinz-Arnold. Mitten in der Nacht sei er wach geworden, geplagt von Zweifeln, ob er das Versprechen einhalten kann. Am nächsten Tag habe er eine Weinbrandflasche versteckt − sicherheitshalber. Den ganzen Morgen seien seine Gedanken nur um eine Frage gekreist: „Hältst du das aus?“. Um 11 Uhr kapitulierte er, schlich zur Flasche. Der Strackholter bezeichnet sich selbst als Pegeltrinker. Das heißt, dass die Menge des Alkohols, nach der sein Körper verlangte, kontinuierlich stieg. Irgendwann habe er auch nachts trinken müssen − aus der im Büro versteckten Flasche. Die „offizielle Flasche“ hatte seine Frau markiert, um so etwas wie eine Kontrolle über seinen Konsum zu haben.

Die Situation spitzte sich für Heinz-Arnold im Lauf der Jahre immer mehr zu. Zum Schluss habe er, sagt er im Gespräch mit der Redaktion, zwei Flaschen Weinbrand und eine Flasche Rosenthaler Kadarka pro Tag getrunken. Ein Konsum, der auch finanziert werden musste, wie er lakonisch feststellt. Die finanzielle Situation sei zusehends prekär geworden. Irgendwann war der Bankeinzug für eine Rechnung gefährdet, weil das Konto nicht mehr die erforderliche Deckung aufwies. Wie in einer Tragödie, wo bei höchster Konfliktdichte plötzlich der Deus ex machina auftaucht, also der Helfer in einer Notlage, meldete sich telefonisch Günter Prahm. „Ich habe gehört, du hast ein Alkoholproblem“, fiel der Leeraner mit der Tür ins Haus. Der Unternehmer war damals noch Chef von Spar Nordwest. Reflexhaft versuchte Heinz-Arnold zu leugnen. Im ersten Anlauf. Doch Günter Prahm ließ sich nichts vormachen. Er legte dem Strackholter Kaufmann ans Herz, sich mit einem Berufskollegen in Verbindung zu setzen, der ebenfalls getrunken hatte und jetzt trocken ist. Und der Leeraner Unternehmer ließ in seiner freundlichen, aber unerbittlichen Art keinen Zweifel, dass er sich nach dem Vollzug dieser Begegnung erkundigen würde.

Klinik rettete sein Leben

„Nach fünf Tagen habe ich mir viel Mut angetrunken und bin zu dem Mann gefahren, der mir von seiner Sucht erzählt hat. Ich musste nur zuhören“, sagt Heinz-Arnold und fügt selbstironisch hinzu: „Der war mir noch überlegen, was die Kniffe anbelangt, wie man Alkohol versteckt.“ Sein Gesprächspartner habe die Flaschen sogar in der Scheibenwaschanlage seines Autos versteckt. Doch es ging bei der Unterredung nicht darum, den anderen zu übertrumpfen. Der trockene Alkoholiker überredete Heinz-Arnold dazu, eine Entgiftung in der Norder Klinik zu machen. „Die haben mir das Leben gerettet“, ist sich der Strackholter sicher. Die ersten vier, fünf Tage seien grauenhaft gewesen. Er habe sich nur übergeben müssen. Er habe gespürt, dass sich das Team im Krankenhaus ernsthafte Sorgen um ihn gemacht habe.

Wer viele Jahre lang regelmäßig Alkohol getrunken hat, geht bei einem Entzug ein lebensbedrohliches Risiko ein. Es kann zu einem Delirium oder einem Krampfanfall mit Bewusstseinsverlust kommen. Um diese Folgen abzumildern, gibt es eine medikamentöse Begleittherapie. Und dennoch sagt Heinz-Arnold heute: „Ich habe diesen Entzug ganz bewusst durchgemacht. Das waren schwere Tage. Mein Körper hat mir gezeigt, was ich ihm 20 Jahre lang angetan habe.“ Nach zwei Wochen hatte Heinz-Arnold das Gröbste überstanden. Es sei ein Wunder gewesen, dass seine Leber noch intakt war: „Eigentlich hätte ich eine Zirrhose haben müssen.“

Menschen in guter Kleidung

Nach dem Entzug kam jedoch die eigentlich Arbeit auf den Strackholter zu: der seelische Entzug. Bereits in der Klinik war er in Kontakt zu der dortigen AA-Gruppe gekommen. Diese Treffen müsse er jetzt regelmäßig besuchen, legte ihm der Berufskollege ans Herz, mit dem er sich mittlerweile angefreundet hatte. Ja, ja, das mache er irgendwann, wollte Heinz-Arnold diesen Vorstoß abwehren. Vergebens. Der Kollege insistierte und holte ihn am nächsten Tag ab − zur AA-Gruppen-Sitzung nach Wiesmoor. „Mein erster Eindruck: Dort saßen Menschen, die sahen zufrieden aus und trugen gute Kleidung. Darauf hatte ich zuletzt gar keinen Wert mehr gelegt, weil ich alles in Alkohol investieren musste. 50 Euro für eine Hose? Da habe ich gleich umgerechnet: Das sind sieben Flaschen Weinbrand. Was ist wichtiger für mich?“

Wenige Tage später besuchte er die Strackholter AA-Gruppe. Dort habe er große Ehrlichkeit und Offenheit erlebt, etwas, das ihm sehr imponiert habe. So sehr, dass er seither regelmäßig einmal die Woche an den Treffen teilnimmt, und das seit 40 Jahren. In seinem Geschäft sagte er zu jedem Kunden, dass er jetzt mit dem Trinken aufhören wolle. Fakten schaffen, das war sein Ziel. Sein Hirn habe nämlich immer noch wissen wollen, wo der Alkohol denn bleibe. Diese Stimme sei immer leiser geworden, bis sie schließlich ganz verklungen ist. „Fast“, fügt er hinzu. Denn alkoholkrank bleibt er sein ganzes Leben lang.

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