Berlin Zehntausende singen gegen Faschismus – doch Video von Berlin-Demo ist unecht
Es sind eindrucksvolle Momente: Eine Menschenmenge bei einer Demo gegen Rechtsextremismus im Berliner Regierungsviertel singt im Chor ein Protestlied. Millionenfach wird davon ein Videoclip weiter verbreitet. Was daran jedoch nicht stimmt.
Wenn Zehntausende im Chor singen, noch dazu ein Meer von Handylichtern im Dunkeln funkelt, erzeugt dies eine sagenhafte Kulisse: Ein Video, das millionenfach in den sozialen Netzwerken geteilt wird, zeigt solch einen Moment bei einer Demo gegen Rechtsextremismus am Sonntag im Berliner Regierungsviertel. Doch: Der Ausschnitt ist nicht komplett echt.
Insgesamt 45 Sekunden lang ist der Clip, den das Aktionsbündnis „Zentrum für politische Schönheit“, in den sozialen Netzwerken verbreitet. Instagram-Nutzer schauen den Ausschnitt millionenfach an, mehr als 200.000 Likes sind bislang zusammengekommen. Zur Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“ singt die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude: „Wehrt euch, leistet Widerstand gegen den Faschismus hier im Land“ – so scheint es zumindest.
Video bei Instagram: „Zentrum für politische Schönheit“ zeigt in Clip Lichtermeer und Chorgesang vor dem Reichstagsgebäude
Was der geneigte Zuschauer nicht erfährt: Das Video stammt gar nicht vom „Zentrum für politische Schönheit“ und der Gesang ist auch nicht bei der Berlin-Demo entstanden. Tatsächlich ist die SPD-Fraktion im Bundestag Urheber des Videos, wie gegenüber dem ZDF bestätigt wird.
Richtig ist: Der Clip zeigt die Demonstration in Berlin. Zuerst verbreitet hatte die SPD-Fraktion das Material demnach bei TikTok.
Falsch ist: Bei der Tonspur unter dem Video handelt es sich nicht um das Original. Zu hören ist ein Sprechchor aus einem anderen Video vom 15. Januar, das ähnliche Bilder von einer Demo gegen Rechtsextremismus in Leipzig liefert.
Den Sound aus der sächsischen Metropole übernimmt die SPD-Fraktion für ihr Video und machte dies in einem Transparenzhinweis in der Videobeschreibung und in den Kommentaren bei TikTok auch deutlich.
In einem Statement verteidigt die SPD-Fraktion das Vorgehen. Gegenüber dem ZDF heißt es: „Der Song, der in dem Video zu hören ist, wurde im Übrigen auch auf der Demonstration in Berlin gesungen.“ Und weiter: „Insofern war unsere Vorgehensweise korrekt sowie inhaltlich stimmig.“
Beim Video, das vom „Zentrum für politische Schönheit“ weiterverbreitet wird, fehlt die Einordnung, dass Bild und Ton nicht zusammengehören. Der Clip sei so ohne Absprache verwendet worden, heißt es von der SPD-Fraktion. Das „Zentrum für politische Schönheit“ wollte sich im ZDF-Bericht nicht weiter äußern.
Lesen Sie auch: Razzia beim „Zentrum für politische Schönheit“ nach Aktion gegen AfD
Andere Demo-Teilnehmer posten ebenfalls Videos von der Berlin-Demo mit Gesang. Dieser klingt ähnlich wie in dem SPD-Video. In einem Post auf der Plattform X von Christoph Bautz, Geschäftsführer bei der Organisation Campact, ist zu hören: „Haltet fest zusammen. Haltet fest zusammen. Wehrt euch. Leistet Widerstand. Gegen Rechts und Hetze hier im Land.“
Der Unterschied: Das Video von Christoph Bautz ist echt. Inhaltlich ähneln sich die Strophen stark, unter anderem Journalist Tilo Jung übt dennoch Kritik an dem unechten Gegenpart. Dadurch entstehe ein „Schaden“, schreibt er bei X. Das „Zentrum für politische Schönheit“ erkennt keinen Fehler. Unter dem Beitrag von Jung äußert sich das Aktionsbündnis in den Kommentaren und teilt mit, das Video sei hinter einer Scheibe aufgenommen worden. Wer von „Fälschung“ spreche, dem fehle offenbar Medienkompetenz.
Auch interessant: Ermittlungen nach Mahnmal-Aktion gegen Björn Höcke
Möglicherweise läuft das unechte Video nun dem eigentlichen Zweck zuwider: dem Protest gegen Rechtsextremismus. Dazu verdeutlicht Extremismusforscher Jakob Guhl vom Institute for Strategic Dialogue London gegenüber dem ZDF: „So ein Beispiel ist ein gefundenes Fressen für Akteure, die Falschinformationen verbreiten.“