Frank Wessels bezieht Stellung  Suurhusens Pastor sagt Demo-Auftritt nach Kirchen-Skandal ab

| | 26.01.2024 11:57 Uhr | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Frank Wessels ist seit fast 24 Jahren Pastor. Er ist in der evangelisch-reformierten Kirche in Suurhusen eingesetzt. Foto: Schuurman/Archiv
Frank Wessels ist seit fast 24 Jahren Pastor. Er ist in der evangelisch-reformierten Kirche in Suurhusen eingesetzt. Foto: Schuurman/Archiv
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Nachdem am 25. Januar eine Studie über sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche veröffentlicht wurde, zieht ein Pastor eine Konsequenz für die Demo in Emden. „Ich schäme mich für meine Kirche.“

Suurhusen/Emden - Der evangelisch-reformierte Pastor Frank Wessels aus Suurhusen, Gemeinde Hinte, wird am Samstag, 27. Januar 2024, nicht bei der Demo gegen Rechtsextremismus in Emden sprechen. Das teilte der Pastor am Freitag mit. Als Grund gibt er die am 25. Januar veröffentlichte Studie über sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Evangelischen Kirche an.

Laut dieser Studie, die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei einem unabhängigen Forscherteam beauftragt worden war, soll es seit Jahrzehnten auch in der Evangelischen Kirche sexualisierte Gewalt gegeben haben. Die Forschenden sprechen von mindestens 2225 betroffenen Kindern und Jugendlichen sowie 1259 mutmaßlichen Tätern. Das sei jedoch nur die „Spitze der Spitze des Eisbergs“.

Protestanten waren von Einzelfällen ausgegangen

In einer Hochrechnung, die aus Sicht des Forscherteams mit „sehr großer Vorsicht“ betrachtet werden muss, ergäbe sich eine deutlich höhere Zahl, nämlich insgesamt 9355 Betroffene bei geschätzt 3497 Beschuldigten. Bislang war nur bekannt, wie viele Betroffene sich in den vergangenen Jahren an die zuständigen Stellen der Landeskirchen gewandt haben. Nach Angaben der EKD waren das 858.

Die Beschuldigten sind zu gut 40 Prozent evangelische Pfarrpersonen, davon 99,6 Prozent Männer. Elf Jahre alt waren die Mädchen und Jungen im Durchschnitt, als sie zum ersten Mal sexualisierte Gewalt erlebten. Wenn es um sexualisierte Gewalt ging, war bei den Protestanten lange von Einzelfällen die Rede. Viele evangelische Christen hielten ihre Kirche für die bessere, sexueller Missbrauch war aus ihrer Sicht ein Problem der Katholiken.

Das sagt Frank Wessels

„Die Ergebnisse dieser Studie treffen mich ins Mark: In meiner evangelischen Kirche, in der ich seit fast 24 Jahren meinen Dienst tue, hat es eine unfassbar große Zahl von sexualisierter Gewalt gegeben“, schreibt Frank Wessels dieser Zeitung. Unzähliges Leid sei über so viele Menschen gekommen. Strukturen und Personen hätten dies begünstigt. „Ich neige mich vor den von sexualisierter Gewalt Betroffenen. Und ich schäme mich für meine Kirche, von der auch ich ein Teil bin, sogar in leitender Position“, schreibt er weiter.

Am Samstag, 20. Januar 2024, kamen bereits Hunderte Menschen in Emden für eine Kundgebung gegen Rechtsextremismus zusammen. An diesem Samstag, 27. Januar, sollen es Tausende Teilnehmende werden. Foto: Privat/Archiv
Am Samstag, 20. Januar 2024, kamen bereits Hunderte Menschen in Emden für eine Kundgebung gegen Rechtsextremismus zusammen. An diesem Samstag, 27. Januar, sollen es Tausende Teilnehmende werden. Foto: Privat/Archiv

Von dem Bündnis „Emden Demokratisch“, das die Demo in Emden am 27. Januar organisiert, wurde Wessels als Redner angefragt. „Diese Anfrage und das dahinterstehende Vertrauen in meine Person und damit auch in die Institution Kirche ehren mich sehr. Und mehr noch erfüllt es mich mit großer Hoffnung und tiefer Dankbarkeit, dass mutige und entschlossene Menschen nicht wegsehen, wenn unsere Demokratie untergraben und Menschenrechte mit Füßen getreten werden, sondern dagegen aufstehen und so wichtige Veranstaltungen organisieren. Es tut mir im Herzen weh, dass ich meine Zusage, auf dieser Veranstaltung zu sprechen, zurücknehmen muss“, so der Suurhuser Pastor.

Er könne dort nicht das Wort ergreifen. „Vor dem Hintergrund der gerade ans Licht gekommenen so bitteren Wahrheit fehlt mir der dafür nötige moralische Hintergrund, deutlich und mächtig ein Wort der Kirche in der Öffentlichkeit zu sagen. Außerdem ist nicht auszuschließen, dass sich Zuhörende durch die Anwesenheit eines kirchlichen Vertreters angesichts der aktuellen Veröffentlichung brüskiert fühlen“, erklärt er. Er unterstütze die Veranstaltung aus voller Überzeugung und habe umfangreich für die Teilnahme geworben. „Nur ich persönlich werde dort nicht sprechen können. Dafür bitte ich von Herzen um Verständnis“, schreibt er abschließend.

Mit Material von dpa

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