Gaststätte Kroos  Eine der ältesten und urigsten Emder Kneipen ist Geschichte

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 27.01.2024 12:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Fenster und Türen der Gaststätte von Werner Kroos sind verriegelt und verrammelt. Foto: J. Doden
Die Fenster und Türen der Gaststätte von Werner Kroos sind verriegelt und verrammelt. Foto: J. Doden
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Das Ende der Gaststätte Kroos in Harsweg kam still und leise. Ein Sturz und eine Erkrankung zwangen den 82-jährigen Werner Kroos zur Aufgabe. Am liebsten hätte der Wirt aber noch weitergemacht.

Emden - Das Ende kam still und leise: Eine der ältesten und kleinsten Emder Kneipen ist jetzt Geschichte. Die Gaststätte Kroos an der Stadtgrenze in Harsweg hat ihre Türen endgültig geschlossen. Sie war 70 Jahre im Besitz der Familie Kroos.

Der Gastwirt Werner Kroos hätte das urige und etwas versteckt an der Einmündung der Landesstraße nach Hinte liegende Lokal gerne noch weitergeführt. Ein schwerer Sturz an seinem 82. Geburtstag im Mai des vergangenen Jahres und eine schwere Erkrankung zwangen ihn aber schließlich zur Aufgabe. Gaststätte und Grundstück wechselten am Ende des vergangenen Jahres den Besitzer. Was daraus werden soll, ist noch nicht bekannt.

Die Mutter hatte das Lokal 1953 übernommen

Werner Kroos hat fast sein ganzes Leben in dem Lokal verbracht. „Es war sein Leben“, sagt dessen ein Jahr jüngere Schwester Helga Janssen. Kroos führte das Lokal in zweiter Familiengeneration - und mit ganz viel Leidenschaft. Er hatte schon als Jugendlicher seiner Mutter Liselotte Kroos geholfen, die von Gästen und Kollegen nur Lilo genannt wurde und es als echtes Original in Emden zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hatte. Sie galt als ebenso resolut wie lebenslustig.

So war es einmal: Die "Gaststätte zur gemütlichen Ecke" in den 1950er Jahren. Foto: privat
So war es einmal: Die "Gaststätte zur gemütlichen Ecke" in den 1950er Jahren. Foto: privat

Lilo Kroos hatte die Gaststätte 1953 übernommen und am 1. September des gleichen Jahres in eigener Regie eröffnet. Das Lokal gehörte zum damaligen Bahnhof in Harsweg. Es stand auch auf dem Gelände der Bahn und zu dieser Zeit noch so ziemlich allein auf weiter Flur. Denn die Siedlungen in der Umgebung entstanden später.

Lilo Kroos erlebte Flucht und Vertreibung

Die damals 46 Jahre alte Wirtin hatte ein schweres Schicksal zu tragen. Sie war mit ihren drei kleinen Kindern im Winter 1945 mit einem Pferdefuhrwerk und bei eisiger Kälte vor der heranrückenden Roten Armee aus dem westpreußischen Rudnerweide nach Berlin geflüchtet, danach in ihre Heimat zurückgekehrt und später von dort vertrieben worden. Auf der Flucht in den Westen verlor sie ihren jüngsten Sohn. Nach einer Gefangenschaft strandete sie sie schließlich in Ostfriesland.

Lilo Kroos hatte bereits Erfahrungen im Gastgewerbe, denn ihre Familie hatte in der westpreußischen Heimat ein Ausflugslokal betrieben. Nach ihrem Tod am 18. Februar 1989 übernahm ihr Sohn Werner die Harsweger „Gaststätte zur gemütlichen Ecke“, die bei vielen Emdern besser als „Lilos Bude“ bekannt war. Früher gehörte auch ein Kiosk dazu, dessen Betrieb sich aber irgendwann nicht mehr lohnte.

In der Kneipe stand die Zeit still

In der kleinen Kneipe schien die Zeit vor langem stehengeblieben zu sein. In dem mittlerweile ausgeräumten Schankraum hatte zuletzt fast alles noch so ausgesehen wie zu den Blütezeiten des Lokals in den 1950er und 1960er Jahren. Der Theke maß gerade mal eineinviertel Meter. Davor standen vier einfache, etwas wackelige und mit schwarzem Nappaleder bezogene Barhocker.

In der Gasstätte von Werner Kroos (rechts) schien die Zeit vor ein paar Jahrzehnten stehen geblieben zu sein. Dieses Bild entstand vor zehn Jahren. Foto: J. Doden/Archiv
In der Gasstätte von Werner Kroos (rechts) schien die Zeit vor ein paar Jahrzehnten stehen geblieben zu sein. Dieses Bild entstand vor zehn Jahren. Foto: J. Doden/Archiv

Über dem Tresen hing die nostalgisch anmutende Leuchtreklame der Bremer Brauerei, der die Familie Kross stets treu geblieben ist. Aber das Bier floss zuletzt nicht mehr aus dem Zapfhahn. Werner Kroos servierte es in sogenannten Maurerflaschen. Für behagliche Wärme sorgte im Winter ein kleiner Ofen, der mit Kohle und Briketts befeuert wurde.

Die alte Musikbox fand eine neue Heimat

Die alte Musikbox des Fabrikats NSM Laser Disc hat nach der Auflösung der Kneipe einen neuen Platz im Museum „Oll Reef Hus“ in Wrisse bei Großefehn gefunden. Sie hatte schon seit langem ihren Geist aufgegeben. Stehengeblieben war auch die Liste der damals zehn meistgespielten Schlager. Auf Platz eins stehen die Kastelruther Spatzen mit „Der Rote Diamant“ aus dem Jahr 1994.

Kleine Karte, kleine Preise: Ein Blick auf die letzte Getränkekarte der Gaststätte. Foto: J. Doden
Kleine Karte, kleine Preise: Ein Blick auf die letzte Getränkekarte der Gaststätte. Foto: J. Doden

Das nostalgische Interieur hatte so viel Charme, dass das Lokal in der Holzbaracke schon fast Kult-Charakter hatte. Eines hatte sich nämlich ebenfalls nie verändert: die gepflegte Gastlichkeit. Wirt Werner Kroos legte beispielsweise stets viel Wert darauf, dass auf den fünf Tischen des nur etwa 25 Quadratmeter großen Gastraums doppelte Tischdecken lagen. „Ich habe es immer mit Herzblut gemacht“, sagt Kroos über seine Tätigkeit als Wirt.

Wirt stieg früh in das mütterliche Lokal ein

Der heute 82-Jährige hatte Mitte der 1950er Jahre eine kaufmännische Lehre bei einem Emder Tabak- und Süßwarenhändler absolviert, bevor er in das mütterliche Lokal einstieg. Gern erinnert er sich noch an regelmäßige Skatrunden und Stammtische in den 1960er Jahren. Nicht vergessen hat er auch die Schneekatastrophe des Winters 1978/1979. Damals war für viele Bewohner der Emder Nachbargemeinden wegen des Fahrverbots Endstation in Harsweg. In Lilos Kneipe ging es in diesen Tagen hoch her.

In den vergangenen Jahren war es ruhiger um das Lokal geworden. Etwa 20 bis 30 Stammgäste zählte es zuletzt noch. Es waren meist alleinstehende Rentner, die bei Werner Kroos Wege aus der Einsamkeit und Unterhaltung suchten. Sie kamen meist mit dem Fahrrad aus allen Ecken und Enden der Stadt sowie den umliegenden Dörfern.

Wirt empfing Stammgäste zuletzt zu Hause

Zuletzt hatte Werner Kroos seine Stammgäste sogar in seinem Haus empfangen. Es liegt praktisch nur noch einen Steinwurf von dem Lokal entfernt. Aber selbst der kurze Weg wurde für den Senior nach dessen Krankheit immer beschwerlicher. Unterwegs musste er eine Pause einlegen. „Wenn du ein Geschäft hast, musst du mobil sein. Und wenn das Laufen schwerfällt, geht es nicht mehr“, sagt der 82-jährige Kroos und in seiner Stimme schwingt Wehmut mit. Zurzeit lebt er im Awo-Seniorenzentrum im Stadtteil Barenburg.

Seinen Elbsegler setzt er nur selten ab: Werner Kroos lebt zurzeit in einem Seniorenzentrum. Foto: H. Müller
Seinen Elbsegler setzt er nur selten ab: Werner Kroos lebt zurzeit in einem Seniorenzentrum. Foto: H. Müller

Geblieben ist das Markenzeichen von Werner Kroos: der Elbsegler. Die Mütze setzt der 82-Jährige schon seit Jahrzehnten nur selten ab. Das geht auf eine Wette zurück, die der Gastronom 1988 bei der Fußball-EM abgeschlossen hatte. Kroos wettete damals, dass Gastgeber Deutschland das Turnier gewinnt. Doch den Titel holten sich die Niederlande. Der Wetteinsatz: Der Wirt musste den Elbsegler bis zur nächsten Fußball-EM auf dem Kopf lassen. Und dort ist sie heute noch.

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