Missbrauch-Studie  Fälle sexualisierter Gewalt auch bei den Reformierten

| | 26.01.2024 16:49 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Am Donnerstag in Hannover: David Farago von der Giordano-Bruno-Stifung demonstriert mit einer Aktion am Rande der Vorstellung einer Studie zum Missbrauch in der evangelischen Kirche. Der Forschungsverbund „ForuM – Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“ veröffentlicht am 25. Januar Ergebnisse der wissenschaftlichen Studien zu sexualisierter Gewalt und Missbrauch der evangelischen Kirche. Foto: Stratenschulte/DPA
Am Donnerstag in Hannover: David Farago von der Giordano-Bruno-Stifung demonstriert mit einer Aktion am Rande der Vorstellung einer Studie zum Missbrauch in der evangelischen Kirche. Der Forschungsverbund „ForuM – Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“ veröffentlicht am 25. Januar Ergebnisse der wissenschaftlichen Studien zu sexualisierter Gewalt und Missbrauch der evangelischen Kirche. Foto: Stratenschulte/DPA
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Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen hat offenbar so gut wie alle Bereiche der Evangelischen Kirche durchdrungen. Die Reformierten in Leer wollen jetzt noch stärker gegensteuern.

Leer - Auch bei der Evangelisch-reformierten Kirche mit Hauptsitz in Leer hat es Fälle sexualisierter Gewalt gegeben. Das ist jetzt im Zusammenhang der sogenannten Forum-Studie, die am Donnerstag für Entsetzen gesorgt hatte, bekannt geworden. Mindestens 2225 Betroffene und 1259 mutmaßliche Täter hatte die Untersuchung zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie für die vergangenen Jahrzehnte dokumentiert. Von der „Spitze der Spitze des Eisbergs“ sprach Studienleiter Martin Wazlawik von der Hochschule Hannover.

Auch die Evangelisch-reformierte Kirche hatte sich an der Studie beteiligt. „Es wurden dafür sämtliche Personalakten von Pfarrern und Pfarrerinnen, die zwischen 1946 und 2020 in einem Dienst- oder Ruhestandsverhältnis standen, auf Hinweise von sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen überprüft“, heißt es in einer Mitteilung der Reformierten. Bereits bei der Gesamtsynode im November hatte Kirchenpräsidentin Susanne bei der Wieden eigenen Angaben zufolge über die Ergebnisse dieser Überprüfung berichtet. Das Ergebnis: „Zehn Fälle sexualisierter Gewalt sind an den Forschungsverbund gemeldet worden, in denen eine Person verdächtigt oder beschuldigt worden ist. 13 betroffene Personen sind mit diesen Fällen verbunden.“ Auf Nachfrage unserer Zeitung wollte die Kirche aus Leer allerdings nicht mitteilen, ob es dabei auch um Fälle aus Ostfriesland ging. Es handele sich aber größtenteils um sehr weit zurückliegende Fälle, so ein Sprecher.

Was haben die Reformierten jetzt vor?

Der Fokus der Reformierten liegt nun auf der Prävention. Seit Anfang des Jahres 2023 gibt es in der Evangelisch-reformierten Kirche eine Fachstelle für die Prävention von sexualisierter Gewalt. Deren Mitarbeiterin Manuela Feldmann koordiniere alle Maßnahmen zur Prävention, wie die Kirche mitteilte. Inzwischen habe in 21 Kirchengemeinden eine Basis-Schulung zur Prävention stattgefunden. Ziel sei es, bis Ende 2024 auf allen kirchlichen Ebenen Konzepte zur Prävention etabliert zu haben. Feldmann ist auch Ansprechpartnerin für die Meldung von Fällen sexualisierter Gewalt. Sie ist unter der Telefonnummer 0491 / 91 98 199 zu erreichen und über die E-Mail-Adresse praevention@reformiert.de. Die Kirchenpräsidentin hofft nun, dass die Forum-Studie den Blick dafür schärfen wird, wo die Aufarbeitung noch unzureichend unterstützt werde und welche weiteren Maßnahmen getroffen werden können, damit Täterinnen und Tätern der Boden entzogen werde, so Susanne Bei der Wieden.

Die Evangelisch-reformierte Kirche bietet im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Forum-Studie zur sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche seelsorgerliche Begleitung an. Denn durch die öffentliche Diskussion könnten die Wunden von betroffenen Personen, die ihr erlittenes Leid still mit sich tragen, erneut aufreißen, so Bei der Wieden. „Diesen Menschen wollen wir mit unserer Seelsorge-Hotline eine Anlaufstelle bieten.“

Schläft die Kirche immer noch?

Die Studie zu sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche hat aber auch Kritik am Vorgehen und Forderungen nach Konsequenzen hervorgerufen. Betroffene warnen, trotz der Studie habe die Kirche das Problem noch nicht für sich erkannt. Werde ein Problem nicht erkannt, könne man es nicht lösen, sagte Katharina Kracht, Vertreterin der Betroffenen und Mitglied im Beirat des Forschungsverbundes, dem Bremer „Weser-Kurier“. „Mir ist ganz wichtig, zu sagen, dass die Kirche nicht nur in der Vergangenheit geschlafen hat, sondern mindestens auf Ebene der Landeskirchen und häufig auf der der Diakonie noch immer schläft.“ Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, sagte den Partnerzeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft, Landeskirchen und Landesverbände der Diakonie stünden „in der Verantwortung, jetzt die richtigen Schritte zu unternehmen“.

Claus betonte: „Es ist deutlich geworden, dass es in der evangelischen Kirche mehr noch als in der katholischen Kirche oder etwa im Sport an Strukturen mangelt, um die sexuelle Gewalt aufzuarbeiten.“ Kracht sagte: „Ich fühle mich als Betroffene heute noch weniger ernst genommen, als ich das 2015 tat, als ich mich bei meiner Landeskirche gemeldet habe.“ Dabei sei die Frage nach Entschädigungen nicht ausreichend beantwortet, kritisierte Claus. „Es darf nicht sein, dass Betroffene selbst Beträge nennen und die Entschädigungen aushandeln sollen. Das muss im landeskirchlichen Kontext geschehen“, sagte sie. Der „taz“ (Freitag) sagte sie, ein Gesetz zur Stärkung der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs solle schnell umgesetzt werden. Es müsse klar sein, dass Aufarbeitung ein grundlegendes Recht der Betroffenen sei. „Ich sehe das tatsächlich als Notwendigkeit an“, sagte sie zu dem Gesetzesvorhaben. Dieses sei derzeit in der Ressortabstimmung.

Wird nun alles aufgeklärt?

Die Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ monierte, die Studie werfe „mehr Fragen auf, als sie beantworten kann“. In einer Mitteilung hieß es: „Offenbar war die EKD nicht bereit oder in der Lage, umfassenden Zugang zu den Personalakten zu gewähren. Werden wir jetzt weitere Jahre warten müssen, bis die EKD die Missbrauchsfälle in ihren Einrichtungen konkret aufklären lassen wird?“

Die in der Studie ermittelten Fallzahlen basieren auf Akten der Landeskirchen und der Diakonie, außerdem flossen den Landeskirchen und Diakonischen Werken bekannte Fälle ein. Die Wissenschaftler konnten aber nicht die Personalakten aller Pfarrer und Diakone auswerten, sondern in erster Linie Disziplinarakten. Claus forderte: „Es müssen Personalakten ausgewertet werden, es muss die Frage gestellt werden, wer verantwortlich war oder immer noch ist.“

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